Artikel erschienen am 28.12.2018

Orthopädische Rehabilitation

Indikationen und Wirksamkeit: Wann ist die Reha sinnvoll und wie profitieren die Patienten davon?

Von Ilias Fanoulas, M.Sc., Bad Harzburg

Im deutschen Gesundheitswesen ist Rehabilitation Teil einer komplexen Behandlungskette, die mit der Diagnose beginnt und über die Akutbehandlung zur Wiedereingliederung führt. Rehabilitation zielt darauf, Krankheitsfolgen abzubauen, damit der Betroffene bestmöglich wiederhergestellt in sein soziales Umfeld – Beruf, Familie, Freundeskreis – zurückkehrt. Therapeutische Maßnahmen in der Rehabilitation folgen in Inhalt, Dauer und Häufigkeit Behandlungsmodulen, die gemeinsam von erfahrenen Mitarbeitern von Rehabilitationskliniken, von Renten- und Krankenversicherungen erarbeitet wurden. Sie orientieren sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin.

Rehabilitation ist eine komplexe multiprofessionelle Behandlung, an der Fachärzte und Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, Ernährungsberater sowie Gesundheits- und Krankenpfleger mittun. Beim Rehabilitanden sollten folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Rehabilitationsbedürftigkeit: Der Rehabilitand weist Beeinträchtigungen auf, die durch eine Rehabilitation tatsächlich beseitigt werden können.
  • Rehabilitationsfähigkeit: Der Patient ist körperlich und geistig in der Lage, an seiner Rehabilitation aktiv teilzunehmen. Auch soll er für seine Rehabilitation motiviert sein.
  • Eine positive Rehabilitationsprognose liegt vor, wenn zu erwarten ist, dass sich die bestehenden Beeinträchtigungen durch die Rehabilitation tatsächlich abbauen lassen.

Orthopädische Rehabilitation bietet Patienten mit Erkrankungen oder Verletzungen des Bewegungsapparates eine ganzheitliche Therapie, bei der die körperliche, seelische, emotionale und soziale Situation gleichermaßen berücksichtigt wird. Die Rehabilitation basiert auf interdisziplinärer und multiprofessioneller Teamarbeit.

Die Anschlussrehabilitation oder Anschlussheilbehandlung (AHB) ist eine medizinische Rehabilitation, die einem Krankenhausaufenthalt folgt, der z. B. für eine Operation notwendig war. Die Rehabilitation sollte spätestens zwei Wochen nach dem Akutkrankenhausaufenthalt beginnen. Folgende Erkrankungen können Anlass für eine Anschlussheilbehandlung sein:

  • Gelenkersatzoperationen an Schulter-, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk,
  • Bandscheibenoperation und weitere Operationen an der Wirbelsäule,
  • Rekonstruktive Eingriffe bei Bandverletzungen,
  • Korrekturosteotomien/Umstellungsoperationen,
  • Osteosynthesen bei Frakturen der Extremitäten, der Wirbelsäule, des Beckens und bei Mehrfachverletzungen (Polytrauma),
  • Amputationen,
  • orthopädisch-onkologische Operationen.

Neben der Anschlussrehabilitation bzw. der Anschlussheilbehandlung können Rehabilitationen auch ohne vorausgegangenen Aufenthalt im Krankenhaus erfolgen (sog. Heilverfahren). Dies kommt typischerweise bei folgenden Erkrankungen infrage:

  • degenerative Gelenkerkrankungen des gesamten Bewegungsapparates,
  • chronische muskuloskelettale Schmerzen,
  • degenerative Wirbelsäulenerkrankungen,
  • Osteoporose,
  • rheumatische Erkrankungen,
  • Schulterschmerzen,
  • diabetisches Fußsyndrom,
  • Erkrankungen von Faszien und Sehnen.

Ein erstes Rehabilitationsziel besteht in der Verbesserung der Beweglichkeit und in der Schmerzlinderung. Zu Beginn wird nach der körperlichen Untersuchung ein Behandlungsplan erstellt, der sich an den Beschwerden und den individuellen Patientenzielen orientiert. Dabei sind Funktionsdiagnosen gemäß ICF (Internationale Klassifikation von Funktionsstörungen) besonders wichtig. Basierend auf einem bio-psycho-sozialen Modell werden nicht allein die Krankheit bzw. die funktionelle Beeinträchtigung berücksichtigt, sondern auch deren Auswirkung auf mögliche Aktivitäten und die Teilhabe am sozialen Leben (Partizipation). Die Kenntnis des persönlichen Umfeldes des Patienten ist wichtig, um z. B. den Hilfsmittelbedarf einzuschätzen und weiterführende Maßnahmen nach Abschluss der Rehabilitation zu empfehlen.

Die Behandlungsziele

Hier typische Behandlungsziele im Überblick:

  • Verbesserung der Mobilität, Wiederherstellung der Geh- und Stehfähigkeit,
  • Schmerzlinderung und Schmerzbewältigung,
  • Muskelaufbau bzw. Abbau von pathologischen Bewegungsabläufen,
  • Reintegration in den beruflichen und privaten Alltag,
  • Verbesserung der Lebensqualität und Erlangung der Selbständigkeit,
  • Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit, gegebenenfalls Einleiten von Maßnahmen der beruflichen Wiedereingliederung,
  • psychische Stabilität,
  • Trainingsprogramm für Zuhause und Sicherung der Nachsorge (Rehasport, Funktionstraining, IRENA (= intensi-vierte Reha-Nachsorge),
  • Abwendung von Pflegebedürftigkeit.

Bestandteile der Rehabilitation

Folgende Elemente gehören zur orthopädischen Rehabilitation:

  • Ärztliche und pflegerische Versorgung,
  • Physiotherapie, Atem- & Ausdauerübungen,
  • Physikalische Therapie,
  • Ergotherapie,
  • Sporttherapie und medizinische Trainingstherapie,
  • sozialrechtliche und berufliche Beratung,
  • psychologische Unterstützung, Erlernen von Techniken zur Stress- und Schmerzbewältigung,
  • Ernährungsberatung,
  • Raucherentwöhnung,
  • Hilfsmittelversorgung.

Die meisten Patienten geben schon gleich nach der orthopädischen Rehabilitation deutliche positive Effekte auf das körperliche und psychische Befinden an, deren Nachhaltigkeit von mehreren Faktoren abhängt. Chronifizierung, fehlende Unterstützung durch das häusliche und soziale Umfeld sowie eine problematische berufliche Situation können dem Rehabilita­tionserfolg entgegenstehen. Deshalb haben Rehabilitationseinrichtungen einen spezifi­schen Versorgungsauftrag, der psychosoziale Aspekte ausdrücklich einbezieht. Die Patien­ten werden durch den Sozialdienst und durch Psychologen ausführlich über Optionen zur Re­integration in Beruf und Gesellschaft beraten. Hinzu kommen Schulungsprogramme zu gesunder Lebensführung, dem Umgang mit individuellen Risikofaktoren, der Krankheitsverarbeitung und die Vermittlung von Bewäl­tigungsstrategien bei Restsymptomen.

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