Artikel erschienen am 01.05.2012
E-Paper

Das bedeutende Ökosystem Darm

Ein gesunder Darm ist die Voraussetzung für einen gesunden Körper und Geist!

Von Robert Barring, Hildesheim | Dr. med. Thomas Arnold, Hildesheim

Kommt Ihnen das auch bekannt vor?

Völlegefühl, Sodbrennen, Stuhlunregelmäßigkeiten (Verstopfung oder Durchfall), Blähungen, Magenkrämpfe, Übelkeit nach der Nahrungsaufnahme, Spannungsgefühl im Leib, Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung, frühes Sättigungsgefühl, Schmerzen im Ober- und Unterbauch und die Angst vor der nächsten Nahrungsaufnahme, unklarer Hautausschlag, Neurodermitis oder Allergien? Teilweise hängen diese Symptome mit der Entwicklung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten zusammen; aber auch Schlaf­störungen, Konzentrationsstörungen bis hin zu Depressionen werden häufig beobachtet. Viele Patienten in unserer Praxis klagen über o. g. Symptome, haben schon die ein oder andere Magen- oder Darmspiegelung ohne Befund hinter sich und sind verzweifelt. „Die Ärzte sagen ‚da ist nichts‘, aber ich bilde mir das doch nicht ein, oder ist es etwa meine Psyche?“, hören wir dann häufig. Was ist genau damit gemeint, wenn wir alte Sprichwörter, wie „das ist mir auf den Magen geschlagen“ oder „das muss ich erst einmal verdauen“, benutzen?

Wussten Sie schon? Beim Darm sprechen wir von einem Organ, welches ausgebreitet so groß ist wie ein Fußballfeld (300 m²). Nirgendwo anders ist der Kontakt zwischen Körper und Umwelt intensiver als im Darm. 80 % des Immunsystems sitzt direkt am Darm und wird durch die Darmflora geschützt und stimuliert. Die Darmflora umfasst mehr Bakterien als wir Körperzellen haben. Der Darm, vielfach wird auch vom „Darmhirn“ gesprochen, hat mehr Neuronen als das gesamte Rückenmark. Nicht zuletzt findet hier eine hochselektive Stoffaufnahme statt, um den Körper mit den notwendigen Nährstoffen (Vitamine, Mineralien, Spurenelemente und Hormonvorstufen) zu versorgen.

Hippokrates schrieb: „Der Tod sitzt im Darm“. Auch in der modernen Schulmedizin findet dieser Lehrsatz endlich Unterstützung. Man konnte zeigen, dass viele Krankheiten ihren Ausgang im Darm haben bzw. der Darm bei vielen Erkrankungen involviert ist. Dabei müssen die Erkrankungen nicht einmal im Darm lokalisiert sein. Eine Tatsache, die eine Diagnose und Therapie häufig schwierig macht.

Damit das Ökosystem Darm seine Aufgaben erfüllen kann, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Eine gesunde Mikroflora, die das Innere des Darmes (Darmlumen) besiedelt (spezielle gute Bakterien),
  2. die Bildung einer gesunden Schleimschicht auf der Schleimhaut,
  3. die Bildung von IgA, einem Antikörper auf Schleimhäuten,
  4. eine intakte letzte Zellschicht (Epithelschicht) unter dem Schleim.

Die Mikroflora

Ein Neugeborenes hat einen sterilen Darm. Erst bei bzw. nach der Geburt siedeln sich Bakterien im Darm an. Bei einer natürlichen Geburt spielt deshalb eine gesunde Vaginalflora der Mutter eine wichtige Rolle, denn die Bakterien aus dem Vaginaltrakt gelangen auch in den Verdauungstrakt des Kindes.

Es ist heute bewiesen, dass die Mikroflora wie ein genetischer Fingerabdruck einzigartig bei jedem Menschen ist. Das heißt, jeder Mensch hat eine eigene einzigartige Flora, die seinen Darm besiedelt. Die gesunden Bakterien schützen den Darm vor einer Überwucherung von pathogenen, also krank machenden Bakterien, Pilzen oder Viren (Kolonisationswiderstand) und modulieren das Immunsystem. Die Flora eines gesunden Erwachsenen wiegt mehr als 1 kg. Es handelt sich um mehr als 300 Spezies. Insgesamt reden wir von ca. 100 Billionen Mikroorganismen, die im Darm leben. Durch ihre Fermentierungsprodukte liefern sie ca. 10 % des menschlichen Energiebedarfes.

Im Dickdarm befindet sich die größte Anzahl der Bakterien. Hier leben zu 90 % anaerobe Bakterien (Bakterien, die zum Überleben keinen Sauerstoff benötigen). Die Flora der Darmwand setzt sich aus aeroben und anaeroben Keimen zusammen, wobei im aeroben Bereich E. coli dominieren. Sie werden mit Sauerstoff aus den Schleim­haut­zellen versorgt. Das wichtige Darm­gleich­gewicht kann empfindlich gestört werden, z. B. durch Einnahme von Antibiotika, Fehl­ernährung, andere Medikamente wie Kortison, Psycho­pharmaka etc., Schwermetalle (wie Blei, Cadmium, Quecksilber), Leber-, Gallen­blasen-, und Pankreas­erkrankungen, Stress /Burnout-Syndrom oder Infekte des Magen-Darm-Traktes (z. B. Salmonellen­infektionen). Eine aktuelle Studie aus Graz (Österreich) zeigt, dass allein dauerhafter übermäßiger Stress ausreicht, um die Darmflora massiv zu verändern.

Die Mucosa (der Schleimfilm) und IgA

Über den Schleimfilm wird das IgA in das Darmlumen abgegeben. Das IgA bindet im Darmlumen Antigene von Bakterien, Viren und Pilzen. Somit können diese Antigene ausgeschieden werden und gelangen nicht an die Schleimhaut. Durch Kommunikation der gesunden Darmflora mit den Lymphfollikeln (Abwehrzellen) hinter der Schleimhaut (Peyer’schen Plaques) kommt es zur Bildung des IgA’s. Wichtig hierfür sind beispielsweise die E. coli-Stämme. Der Schleim schützt des Weiteren die Schleimhaut unter dem Schleimfilm. Durch den Schleim wird der Nahrungsbrei richtig eingedickt und kann besser durch das Darmlumen bewegt werden.

Die Epithelschicht (Schutzschicht)

Hier findet der Nährstoffdurchtritt vom Darmlumen in den Blutkreislauf statt. Dabei ist es wichtig, dass die Integrität dieser Grenzschicht erhalten ist und bleibt. Kommt es zu einem Defekt in dieser Grenzschicht, so entsteht ein „Leaki-Gut-Syndrom“ – ein Syndrom der durchlässigen Darmschleimhaut. Hierbei kommt es zu Mikroentzündungen unter dieser Grenzschicht und dadurch zum Übertritt von Stoffen, die das Darmlumen unter gesunden Bedingungen nicht verlassen würden. Darüber hinaus kommt es zum Einstrom von unerwünschten Stoffen, die letzten Endes unsere Leber belasten können. Unter ungünstigen Bedingungen kann das auch leichte Erhöhungen der Leberwerte verursachen oder versteckt laufende leichte Entzündungen verursachen (silent inflammation).

Wichtig ist, dass der Transport von einigen Nährstoffen, wie beispielsweise den Aminosäuren (feinste Eiweiß-Partikel, aus denen z. B. Immunstoffe, Hormone und Zellgrundsubstanz gebildet werden), Energie verbrauchend ist. Das heißt, die Darmzellen sind auf eine intakte mitochondriale Funktion zur Gewinnung von Energie angewiesen (Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ der Zelle, in denen Energie gewonnen wird).

Man kann sich nun gut vorstellen, dass es bei einem Ungleichgewicht in diesem System zu ganz unterschiedlichen Erkrankungen kommen kann, die in ihrer Diagnostik und Therapie für Ärzte und Patienten oft schwer zu erkennen sind. Über ein ausführliches Anamnesegespräch, verbunden mit einer speziellen Stuhluntersuchung und ggf. auch einigen Bluttests kann der fachkundige Arzt Ihres Vertrauens eine dezidierte Therapie erstellen mit dem Ziel, eine intakte Darmflora und eine intakte Darmwand wiederherzustellen.

Ähnliche Artikel

Gesundheit

Neue Entwicklungen in der minimalinvasiven Chirurgie

Stichwort „Schlüssellochchirurgie“

Das minimal-invasive Operieren erlaubt es heute, eine Vielzahl von Operationen in sehr schonender und kosmetisch vorteilhafter Weise auszuführen. Technische Neuentwicklungen wurden erfolgreich vorangetrieben. Kon­traindikationen gegen das minimal-invasive Verfahren sind bei den heutigen schonenden Narkoseverfahren selten geworden.

Braunschweig 2012 | PD Dr. Dr. med. Uwe Johannes Roblick

Gesundheit

Minimalinvasive Operationen bei Darmkrebs

Trotz intensiver Ausweitung der Krebsvorsorge in den letzten Jahren ist Darmkrebs weiterhin eine der häufigsten Tumorerkrankungen sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Die wichtigste Vorsorgeuntersuchung ist die Darmspiegelung und wird für alle Menschen ab dem 55. Lebensjahr empfohlen.

Braunschweig 2015/2016 | Dr. med. Frank Oettel, Braunschweig | Dr. med. Hinrich Köhler, Braunschweig