Artikel erschienen am 25.04.2023
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Harninkontinenz: Vom Band bis zur Sphinkterprothese

Von Dr. Med. Diana Tetzlaff, Braunschweig

Das Erlangen der Kontinenz ist ein Meilenstein in der kindlichen Entwicklung, sodass der Kontrollverlust über die Kontinenz oft mit Schamgefühl behaftet ist und sich Betroffene nicht selten sozial isolieren.

Aufgrund der starken Tabuisierung dieses Leidens in unserer Gesellschaft schwanken die Angaben zur Häufigkeit in der Literatur stark und es existiert eine hohe Dunkelziffer.

Anhand der Verkaufszahlen von Inkontinenzhilfsmittel, sind in Deutschland schätzungsweise 4-8 Mio. Menschen betroffen, wobei Frauen zwei- bis viermal Mal häufiger betroffen sind als Männer.

Die Häufigkeit für ein Auftreten einer Harninkontinenz nimmt hierbei mit dem Alter zu.

Die Ursachen einer Harninkontinenz sind vielfältig

Häufigste Ursache bei Frauen ist eine Beckenbodenschwäche infolge von Schwangerschaften und Geburten, aber auch infolge von Alterungsprozessen mit Veränderungen der Bindegewebsstruktur der Harnblase mit einer Abnahme ihrer Dehnungsfähigkeit. Auch das Absinken des Östrogenspiegels in der Menopause beeinflusst den Aufbau der Harnröhrenschleimhaut negativ und somit die Funktion des Schließmuskels.

Bei Männern sind häufig operative Eingriffe oder Bestrahlungen im kleinen Becken Grund für die Entwicklung einer Inkontinenz.

Aber auch andere Erkrankungen können mit einer Harninkontinenz einhergehen, wie zum Beispiel: eine gutartige Prostatavergrößerung, eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Asthma, Diabetes mellitus, eine eingeschränkte Mobilität wie auch viele neurologische Krankheitsbilder (Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson, Erkrankungen oder Verletzungen der Wirbelsäule).

Harninkontinenz wird in verschiedene Formen eingeteilt, welche unterschiedliche Therapieregime erforderlich machen. Man unter­scheidet in

  • Belastungsharninkontinenz
  • Dranginkontinenz
  • Mischinkontinenz
  • Überlaufinkontinenz.

Unter einer Belastungsharninkontinenz versteht man den unwillkürlichen Urinverlust bei körperlicher Anstrengung wie Heben, Treppensteigen, Sport, Niesen, Husten oder Pressen ohne jedoch spürbaren Harndrang. Hierbei ist der Schließmuskel geschwächt und kann einem passiven Anstieg des Blasendruckes durch eine körperliche Anstrengung nicht mehr standhalten. Bei einer hochgradigen Belastungsinkontinenz kann es sogar in Ruhe durch Bewegungen ohne stärkere körperliche Belastung zu einem Urinverlust kommen.

Einer Dranginkontinenz ist gekennzeichnet durch eine gestörte Urinspeicherfunktion. Bereits bei geringen Füllungsvolumina kommt es zu eigenständigen Kontraktionen des Blasenmuskels. Betroffene empfinden dann einen starken, nicht unterdrückbaren Harndrang, der oftmals mit einem unwillkürlichen Urinverlust einhergeht.

Belastungs- und Dranginkontinenz können auch nebeneinander auftreten. Dies wird dann als Mischinkontinenz bezeichnet.

Eine Überlaufinkontinenz ist eine Blasenentleerungsstörung. Sie kann im Rahmen einer gutartigen Prostatavergrößerung auftreten. Hierbei kommt es zu einem permanenten Abgang kleiner Urinmengen aus der maximal gefüllten Harnblase.

Für die operativen Therapie einer Belastungsharninkontinenz können verschiedenen Techniken zum Einsatz kommen, wenn konservative Maßnahmen wie Beckenbodentraining zu keiner ausreichenden Beschwerdelinderung geführt haben und die Lebensqualität dadurch stark eingeschränkt ist.

Seit nahezu 25 Jahren existiert für Frauen die Möglichkeit, minimalinvasiv eine Schlinge/Band über einen operativen Zugang von der Vagina aus spannungsfrei unter der Harnröhre zu platzieren. Diese Schlingensysteme unterstützen dann den geschwächten Harnröhrenschließmuskel.

Es existieren hierbei zwei Techniken, wobei die Schlinge entweder beidseitig im Bereich des Unterbauchs (TVT, Abb. 1) oder beidseitig zwischen Scham- und Sitzbein durchgetunnelt und im Bereich der Oberschenkelfalten (transobutratorisch, TVT-O, Abb. 2) ausgeleitet werden.

Aufgrund seiner Effektivität mit Erfolgstraten von etwa 90 % nach 10 Jahren bei einer niedrigen Komplikationsrate und schneller Rekonvaleszenz ist diese Operationstechnik sehr populär geworden in der Behandlung der weiblichen Belastungsharninkontinenz.

Bei der Behandlung der Belastungsinkontinenz des Mannes existieren mittlerweile diverse Schlingensysteme, die vorwiegend bei milder bis moderater Belastungsinkontinenz implantiert werden und eine Restfunktion des Schließmuskels voraussetzen. Dann können Erfolgsraten bis zu 75-90 % erzielt werden.

Häufig verwendet wird das sog. AdVance XP-Band. Dieses wird in Narkose über einen kleinen Schnitt am Damm unter die Harnröhre gelegt und beidseits (Abb. 3 und 4) zwischen Scham- und Sitzbein an der Oberschenkelinnenseite ausgeleitet. Das Band hebt die hintere Harnröhre an und ermöglich dadurch einen besseren Verschluss des Schließmuskels.


Künstliche Schließmuskel, sog. Sphinkterprothesen kommen in stetig verbesserter Form seit nun fast 40 Jahren zum Einsatz. Die Wirkungsweise basiert auf einem hydraulischen Verschluss der Harnröhre durch eine Manschette. Diese kann über eine oberflächlich beim Mann in den Hodensack, bei der Frau in die äußere Schamlippe eingebrachte Pumpeneinheit gesteuert werden. Als dritte Komponente dieses Systems wird ein Reservoir-Ballon in den Unterbauch implantiert. Alle drei Komponenten sind mit physiologischer Kochsalzlösung gefüllt und über Silikonschläuche miteinander verbunden (Abb. 5).

Während der normalen Blasenfüllung im Tagesverlauf ist die Manchette und damit die Harnröhre verschlossen. Der Patient kann dadurch keinen Urin verlieren (Abb. 6a). Ist die Blase so stark gefüllt, dass ein Harndrang verspürt wird, kann der Patient in Ruhe ein WC aufsuchen und dort den in den Hodensack implantierten Pumpenknopf drücken. Dann fließt die Flüssigkeit aus der Harnröhrenmanchette in den Reservoir-Ballon, sodass sich die Manchette öffnet und der Patient kontrolliert wasserlassen kann (Abb. 6b). Nach kurzer Zeit fließt automatisch die Flüssigkeit aus dem Reservoir-Ballon zurück in die Manchette, sodass der Kontinenzmechanismus wieder hergestellt ist (Abb. 6c)


Ein künstlicher Schließmuskel wird bei stärkeren Formen der Inkontinenz, bei einer wiederkehrenden Inkontinenz nach Bandeinlage, oftmals nach vorangegangener Bestrahlung im kleinen Becken oder nach einer Prostataausschabung empfohlen.

Auch bei ausgeprägten Formen der Harninkontinenz liegen die Kontinenzraten bei bis zu 97  %.

Inkontinenz ist ein häufiges Leiden. Aber es existieren verschiedenste konservative und operative Therapiemöglichkeiten, die eine Linderung und oftmals sogar eine Heilung bewirken, dadurch die Lebensqualität wieder herstellen und die Teilnahme an einem normalen sozialen Leben ermöglichen.

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