Artikel erschienen am 21.07.2017
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Multimodale Stationäre Schmerztherapie (MMST)

Behandlungsform für Patienten mit „Chronischer Schmerzerkrankung“

Von Prof. Dr. med. habil. Christoph H. R. Wiese, Braunschweig

Die „Schmerzerkrankung“ ist definiert als eine eigenständige und komplexe chronische Erkrankung. Sie ist in der heutigen Zeit anderen chronischen Erkrankungen (z. B. Zuckerkrankheit) gleichgestellt. In den letzten Jahren wurde durch die medizinische Wissenschaft verstärkt erforscht, dass die alleinige zeitliche Definition des chronischen Schmerzes sicher nicht ausreichend und korrekt ist.

Sie wird den mehr als 2 000 000 Menschen in Deutschland mit behandlungsbedürftigen chronischen Schmerzen bzw. einer chronischen Schmerzerkrankung nicht gerecht. Auch werden wir mit der zeitlichen Definition den mehr als 6 000 Patienten in Braunschweig, die unter einer Schmerzerkrankung leiden, medizinisch nicht helfen können. Das sog. bio-psycho-soziale Modell hat eine hohe Bedeutung für die Schmerzerkrankung und beinhaltet sowohl die Therapie der somatischen Schmerzursache als auch eine Reise in die persönlichen und individuellen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Emotionen des einzelnen Patienten, um Erkenntnisse zu gewinnen, in welcher Form die individuelle Schmerzerkrankung entstanden ist, warum sie aufrechterhalten wird und welche auf den einzelnen Patienten abgestimmten Möglichkeiten einer Behandlung es gibt.

Patienten mit einer Schmerzerkrankung sehen sich einem in Deutschland vollkommen uneinheitlichen Bild an therapeutischen Möglichkeiten gegenüber. Hierzu zählen ambulante fachgebietsspezifische Praxen (z. B. Orthopäden, Neurologen, Allgemeinmediziner), spezielle Schmerzpraxen, -zentren und -ambulanzen sowie teil- als auch vollstationäre schmerzmedizinische Einrichtungen. Die generellen Strukturen der schmerzmedizinischen Versorgung sind insgesamt uneinheitlich und sowohl für Patienten als auch für ärztliche Kollegen nicht immer klar erkennbar. Welches Behandlungsverfahren ist nun nach wissenschaftlichen Erkenntnissen effektiv und hochspezialisiert für die Therapie der Schmerzerkrankung? Schmerz und die Schmerzerkrankung haben sehr viel mit persönlichen und individuellen Wahrnehmungen und Erfahrungen zu tun. Ein Beispiel: Ein Becher Glühwein mit 70° C Temperatur fühlt sich bei -10° C Lufttemperatur im Winter in der Hand anders an, als wenn Sie den gleichen Glühwein bei 30° C Lufttemperatur im Sommer trinken würden. Und erfahrungsgemäß schmeckt der gleiche Glühwein im Winter besser als im Sommer.

Aufgrund der Vielfältigkeit der Schmerzerkrankung und des hohen individuellen Leidensdrucks durch den Schmerz ist eine der effektivsten Behandlungsformen die multimodale stationäre Schmerztherapie (kurz MMST). Diese erfolgt auf Basis des sog. bio-psycho-sozialen Modells und ist verbunden mit einer therapeutischen engen Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen, Physio-/Ergotherapeuten und Pflegekräften sowie individuellen weiteren Fachdisziplinen. Die Behandlung der individuellen Schmerz­erkrankung erfolgt unter Berücksichtigung der multiplen Ursachen für die Schmerzerkrankung. Ziel der multimodalen stationären Schmerztherapie ist es, eine Schmerzlinderung zu erreichen, Ihre Funktionalität durch Reduktion von reaktiven Schonhaltungen und sozialem Rückzug zu verbessern, Ihre individuelle Lebensqualität zu steigern, ggf. Ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten bzw. herzustellen und Ihnen bei ihrer Schmerzwahrnehmung, Schmerzerfahrung und Schmerzbewältigung unterstützend zur Seite zu stehen. In der stationären Schmerztherapie werden Sie dabei unterstützt, dass Sie ein sehr guter Therapeut werden und danach auch bleiben, um Ihre Ziele erfolgreich aufrechterhalten zu können.

Bild: Fotolia/psdesign1

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