Artikel erschienen am 20.06.2023
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Unternehmensfinanzierung in unsicheren Zeiten

Von Dirk Ziegler, Braunschweig | Eike Jankun, Braunschweig, Hannover

Noch vor einiger Zeit wirkte Unternehmensfinanzierung mit negativen Leitzinsen und zahlreichen konjunkturellen Fördermaßnahmen wie ein Kinderspiel. Heute raufen sich selbst versierte Experten die Haare.

Nach jedem Tal geht es wieder bergauf! Wirklich?

Als Optimist könnte man ganz einfach auf den historischen Leitzinsverlauf verweisen und an die Geduld appellieren. Denn Alan Greenspan, Ben Bernanke und Jerome Powell haben nicht nur gemeinsam, dass sie alle US-Zentralbankchefs waren bzw. sind, sondern auch Leitzinsen zwischen einem Prozent und gleichermaßen oberhalb von fünf Prozent festsetzten. Der rasante Zinsanstieg dieser Tage ist also kein historisches Novum: Zwischen 2004 und 2006 beispielsweise erhöhte sich der FED-Leitzins ebenfalls um über fünf Prozent, um wenig später und innerhalb von 14 Monaten wieder auf ein Prozent zu fallen. Auch damals folgte die EZB der FED mit leichter Zeitverzögerung.

Abwarten auf bessere Zeiten? Ist keine Option.

Sollte man also einfach für einige Monate geplante Investitionen aufschieben und auf den Zinsabfall warten? Das wird in den meisten Fällen ebenfalls keine Option sein. Und das aus gleich mehreren Gründen.

Die Geldpolitik wird die Zinsen nicht senken, bevor die Inflationsrate auf einem nachhaltig niedrigeren Pfad ist. Dies könnte unter Umständen erst infolge einer Konjunktureintrübung geschehen. Und auch ein erneutes Eingreifen der Fiskalpolitik ist kritisch zu sehen: Die steigenden Zinsen engen die Einflussmöglichkeit des Staates auf die Wirtschaft ein. Weniger staatliche Unterstützung, eine sich hinziehende geldpolitische Straffung und allgemeiner Lohndruck deuten auf ein herausforderndes Umfeld für unternehmerische Neuausrichtungen sowie Liquiditäts- und Kapitalbeschaffung hin.

Die multiplen Krisen – ausgehend von der Pandemie über den Klimawandel bis zur Energie- und Schuldenkrise – führen zu einer neuen Komplexität und Dynamik in den Märkten, die den Fortbestand von Unternehmen substanziell gefährden können.

Unternehmen stehen deshalb disruptive Zeiten bevor – konjunkturell, aber auch wirtschaftspolitisch, Stichworte sind Preisdruck, Personalressourcen und Klimaziele. Dieser Trend wird durch neue Regulatorik noch verstärkt. Denn neben den harten finanzwirtschaftlichen Daten eines Unternehmens entscheiden nun auch die so genannten ESG-Kriterien über die Konditionen der Bank. ESG steht für Environmental, Social und Governance (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Waren Unternehmensstrategie und Ausrichtung schon in der Vergangenheit nicht immer leicht für Kreditinstitute zu übersetzen, vergrößern diese neuen Anforderungen den Kommunikationsbedarf mit den Kreditinstituten enorm.

Wo heute zwei vergleichbare Unternehmen ihre Finanzierungskonditionen womöglich nur in der Nachkommastelle vergleichen können, werden so künftig deutlich größere Konditionsunterschiede bei vergleichbaren Ausgangslagen auftreten. Deutlich besser wird abschneiden, wer sich intensiv mit seiner Kommunikation zu den Kreditinstituten und der Finanzierungsstrategie auseinandergesetzt hat.

Was jetzt zu tun ist? Kommunikation stärken.

Der Fokus der Unternehmen liegt derzeit eher auf der Sicherstellung von Liquidität und Refinanzierung als auf langfristigen Zielen. Unternehmen fahren aufgrund der allgemeinen Lage oftmals ihre Investitionen zurück und fokussieren sich auf Bereiche, die für Absicherung, schnellen wirtschaftlichen Wert und Kostensenkung sorgen. Nachhaltige, langfristige Projekte und Innovationen bleiben zunehmend auf der Strecke. Doch gerade das ist riskant, denn Unternehmen dürfen nicht nur kurzfristig planen – sie müssen auch dafür sorgen, dass ihr Geschäftsmodell und ihre Strukturen in den nächsten Jahren noch wettbewerbsfähig sind. Hierfür sind geeignete Finanzierungsinstrumente erforderlich. Die klassische Bankfinanzierung ist hierbei eine wichtige Säule.

Die Bankenkrise der letzten Monate zeigt, wie angespannt die Lage an den Kapitalmärkten ist. Die steigenden Leitzinsen senken in rasantem Tempo die Kurse der Anleihen, die das Eigenkapital der Kreditinstitute sichern sollten. Es ist nicht auszuschließen, dass weitere Kreditinstitute in Schieflage geraten. Verbunden mit den oben beschriebenen Einflussfaktoren ist der Aufbau einer zweiten oder gar dritten Bankbeziehung dringend zu empfehlen. Hier ist Fingerspitzengefühl und kluge Kommunikation gefragt, denn es gilt der alte Leitsatz: Gute Freunde verliert man schneller als man sie gewinnt.

Insgesamt sollte die Bankenkommunikation professionalisiert werden. Während es für viele Unternehmen längst völlig normal ist, den eigenen Werbeauftritt im Sinne des Google-Algorithmus mit so genannten SEO-Agenturen zu optimieren, setzt man sich mit den Ratingmechanismen seiner Finanzierungspartner deutlich seltener auseinander. Doch auch hier gilt: Wer die Mechanismen des Ratings sowie das Zusammenspiel von Markt und Marktfolge versteht, kann deutlich besser dastehen als die Konkurrenz.

Nicht zuletzt gilt es gerade jetzt, die gesamte Klaviatur alternativer Unternehmensfinanzierung zu beherrschen.


Was jetzt möglich ist? Finanzierungsinstrumente nutzen.

Unterschätzt wird häufig, welche Potenziale allein im Cash Management eines Unternehmens stecken. Hierzu zählen die Verhandlung von attraktiveren Zahlungsbedingungen mit Kunden und Lieferanten oder die Professionalisierung der Planungsprozesse im Controlling durch eine detailliertere Liquiditätsplanung.

Neben dem klassischen Unternehmenskredit können so genannte Asset Based Credits auch eine attraktive Alternative sein, um sich im aktuellen Zinsumfeld zu positionieren. Hierbei erhält das Unternehmen einen Kredit auf der Grundlage von vorhandenen Vermögenswerten wie dem Inventar, Rohstoffen, Maschinen und anderen immateriellen Vermögenswerten. Wo Banken sich schwertun, die strategische Aussicht des Unternehmens zu teilen, können hohe Bestandswerte Wunder wirken.

Doch ob eine Finanzierung überhaupt nötig ist, bleibt zu häufig unbeleuchtet. Geräte oder Maschinen müssen nicht per Finanzierung gekauft, sondern können auch geleast werden. Beim Leasing können neben der Hausbank spezialisierte Leasinganbieter zusätzliche Liquidität zur Verfügung stellen. Beim Sale & Lease Back verkaufen Unternehmen Vermögenswerte wie Immobilien und mieten sie dann direkt wieder für einen bestimmten Zeitraum. Diese Art von Finanzierung ist nützlich für Unternehmen, die schnell Geld benötigen, aber nicht ihre Vermögenswerte final verkaufen wollen. Wo solche Maßnahmen nicht in Frage kommen, kann Fine Trading eine Lösung sein. Hierbei verkauft das Unternehmen seine Waren an einen Finanzdienstleister, der wiederum für die Zahlung der Lieferanten sorgt, die bisher nicht bedient werden konnten. Beim Factoring wiederum verkauft das Unternehmen seine Rechnungen an einen Factor, der dann die Zahlung von den Kunden erhält. Gerade wenn ein Unternehmen über bonitätsstarke Kunden verfügt, kann dies eine besonders attraktive Art der Refinanzierung sein; zumal es neue Formen des Ausschnitts-Factorings gibt, bei dem nicht alle Forderungen veräußert werden, sondern Unternehmen individuell entscheiden, welche Einzelforderungen sie verkaufen.

Die Sicherstellung von Liquidität und Refinanzierung stehen daher aktuell eher im Fokus der Unternehmen als langfristige Ziele. Und anders als in früheren Krisen kommen steigende Finanzierungskosten hinzu.

Welche Rolle können Forwards oder andere Instrumente spielen, um Konditionen zu sichern?

Ziel ist aus Kundensicht, eine feste, planbare Kalkulationsbasis für ihre Grundgeschäfte zu haben (Zinsen, Währungen, Rohstoffe). Insofern sollte schon in der Angebotsphase mit Absicherungsinstrumenten begonnen werden und spätestens bei Abschluss eines (größeren) Vertrages das Einzelgeschäft gesichert werden. So geht am Ende auch die geplante Kalkulation auf. Während der Laufzeit des Instrumentes kann das Absicherungsgeschäft positive oder negative Marktwerte aufweisen. Durch Bildung einer Bewertungseinheit mit dem Grundgeschäft sind keine bilanziellen Auswirkungen zu berücksichtigen. Das wurde im Zuge des BilMoG in § 254 HGB gesetzlich geregelt

Was ist mit Finanzierungen in Auslandswährungen?

In der Vergangenheit wurden durchaus Darlehen zum Beispiel in Schweizer Franken (CHF) aufgenommen, um das deutlich niedrigere Zinsniveau zu nutzen. Die offene Flanke war jedoch der EUR-CHF-Wechselkurs. Im Januar 2015 hatte die Schweizer Nationalbank überraschend den seit mehr als drei Jahren geltenden Mindestkurs von 1,20 CHF pro Euro aufgegeben. Dadurch brach der Euro um 13 % ein, was im Gegenzug natürlich auch die Rückzahlung der Finanzierungen deutlich verteuerte. Insofern gilt: Finanzierungen sollten nur in Fremdwährung aufgenommen werden, wenn die Rückzahlung aus laufenden Einnahmen in Fremdwährung sichergestellt ist. Zum Beispiel könnte eine Investition in US-Dollar aufgenommen werden, wenn Bezahlungen aus Geschäftskontrakten ebenfalls in USD erfolgen – sogenanntes Naturale Hedging. Beim Natural Hedging werden Einnahmen und Ausgaben in einer bestimmten Fremdwährung angepasst, sodass sich positive und negative Effekte aus Währungsveränderungen gegenseitig ausgleichen. Alles andere wäre wieder Spekulation.

Fazit

Gute Unternehmen arbeiten nicht nur in Krisenzeiten an ihrer Resilienz, also der Fähigkeit, sich immer wieder neu und erfolgreich auf Krisen einzustellen, während der Krisen handlungsfähig zu bleiben – robust und unabhängig aufgestellt zu sein – und eine schnelle Erholung nach dieser Zeit einleiten zu können.
Eine wesentliche Schwachstelle im Umgang mit Krisen ist der fehlende kontinuierliche Strategieprozess. Es wird oft die fehlende Zeit zur Auseinandersetzung mit Strategie und disruptiven Veränderungen beklagt. Zeit, die man dann einspart, wenn sich das Umfeld überraschend verändert. Resiliente Unternehmen überprüfen kontinuierlich ihr Geschäftsmodell – und das krisenunabhängig. Wie immer gilt: „Momentum entsteht, wo die richtigen Kräfte zusammenwirken.“

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