Artikel erschienen am 31.05.2017

Die Nachfrage ist da – das Angebot fehlt!

Wohnen im Alter, für viele Menschen weiterhin ein ungelöstes Problem

Von Dipl.-Ing. Nicolai Richter, Braunschweig

Bisher haben Anleger Häuser gebaut und Wohnungen vermietet. Inzwischen hat sich jedoch unsere Gesellschaftsstruktur so gewandelt, dass es nicht nur auf den Wohnraum ankommt. Das Bedürfnis von vielen alleinstehenden Senioren nach sozialer Nähe und Sicherheit kann nicht allein mit barrierefreiem Wohnraum nach DIN 18025 befriedigt werden. Um diese Nachfrage zu decken, die vorhanden ist, obwohl kaum jemand klar artikulieren kann, was genau gebraucht wird, werden Anbieter benötigt, die mehr tun.

Der Achilleshof in Braunschweig-Watenbüttel

In Deutschland und der sogenannten westlichen Welt haben unsere Vorfahren soziale Freiheiten erkämpft und materiellen Wohlstand aufgebaut, sodass wir nun in der glücklichen Lage sind, alle Freiheiten der Welt zu haben.

Doch wir müssen feststellen, je mehr Freiheit der Einzelne hat, desto weiter rückt die Gesellschaft auseinander. Solange ich in der Blüte meines Lebens stehe, stört mich das nicht. Ganz anders sieht es aus, wenn der Körper langsam nicht mehr alles mitmacht und mein großes Haus leersteht, weil die Kinder ihr Glück in der weiten Welt gesucht und gefunden haben. Eine Situation, die heute kein Einzelfall ist.

Ambulante Pflegedienste und Seniorenheime decken die wichtigsten pflegerischen Bedürfnisse ab, nicht jedoch die sozialen, hierfür fühlt sich die Pflegeversicherung nicht zuständig und wäre wohl auch überfordert. Hier besteht eine große Nachfrage, ohne dass den Nachfragenden wirklich bewusst ist wonach.

Bevor es die Waschmaschine gab, wussten die Menschen auch noch nicht, dass sie eine haben wollen, weil so eine Maschine einfach praktisch ist. Neue Wohnformen müssen noch entwickelt, oder vielleicht auch nur richtig vermarktet werden. Die Waschmaschine hatte auch ein Imageproblem, bis sie ein Bullauge bekommen hat, durch das man zuschauen kann, wie die Wäsche gewaschen wird.

Private „Wohnprojekte“ oder Gemeinschaftshäuser haben teilweise einen schlechten Ruf: zu viel Streitereien, das wird alles eh nichts, nur für reiche Leute. Es gibt gute Beispiele für solche „Wohnprojekte“. Gern wird in diesem Zusammenhang Henning Scherf, der ehemalige Bürgermeister von Bremen genannt. Doch solche Projekte haben sehr viel Engagement, Ausdauer und auch genug Geld von den Beteiligten gefordert. Das ist kein Modell für breite Schichten der Gesellschaft. Für viele ältere Menschen sind die damit verbundenen Anstrengungen nicht zu bewältigen und die notwendige Zeit bleibt oft auch nicht mehr, denn solche Projekte haben eine jahrelange Vorlaufzeit.

Auch Herr Golmann, der Geschäftsführer vom Verein Ambet e. V. aus Braunschweig, hat sich als Betreiber von Seniorenheimen und einem mobilen Pflegedienst mit diesem Thema beschäftigt. Er hat nicht nur eine Antwort gefunden, sondern diese auch in die Tat umgesetzt. Wir sind als Architekturbüro damit beauftragt gewesen, diese Idee baulich umzusetzen.

In Braunschweig-Watenbüttel entstand so der Achilles-hof, der mehr ist als nur eine Wohnanlage. Neben den Wohnungen für ältere Menschen ist eine Begegnungsstätte das Herzstück der Anlage. Hier stehen ein Saal und ein Gruppenraum für Veranstaltungen, nicht nur den Bewohnern, sondern dem ganzen Ort zur Verfügung. Denn die Bewohner sollen nicht abgesondert wohnen, sondern im Herzen einer Dorfgemeinschaft leben, wofür natürlich auch die Lage im alten Dorfzentrum wichtig ist. Zusätzlich sind in der Anlage eine Kindertagesstätte, eine Pysiotherapiepraxis, ein Kiosk und Büroräume von Ambet e. V., der auch einen ambulanten Pflegedienst anbietet, untergebracht. Für besonders pflegebedürftige Bewohner gibt es eine Wohngruppe mit neun Wohneinheiten, in der 24 Stunden am Tag Betreuungspersonal anwesend ist.

Der Achilleshof bietet den Bewohnern soziale Anbindung durch die räumliche Nähe der Seniornen zueinander, die bauliche Anordnung, z. B. durch die Laubengänge auf denen sich die Menschen treffen und die Schnittpunkte die die weiteren Nutzungen des Achilleshofes bieten. Durch die Kindertagesstätte ist auch die jüngste Generation mit im Haus, auch wenn es nicht die eigenen Enkel sind. Zusätzlich bietet die Präsenz von Ambet e. V. im Haus Sicherheit, ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Anders als bei Wohnprojekten die auf private Initiative von Gleichberechtigten zurückgehen, gibt es beim Achilleshof mit Ambet e. V. einen professionellen Anbieter. Sicherlich kann damit nicht jeder individuelle Wunsch erfüllt werden, jedoch macht Ambet e. V. damit ein Angebot, das vielen Menschen deutlich vertrauenswürdiger erscheint, als die meisten privaten Initiativen. So können breite Bevölkerungsschichten angesprochen werden, die solche neuen Ideen bisher eher skeptisch betrachtet haben.

Das hat sich auch in der Vermarktung gezeigt. Die Wohnungen waren noch vor der Fertigstellung des Gebäudes vermietet, obwohl keine Anzeigen geschaltet wurden. Als Werbung diente lediglich das Bauschild.

Im November des letzten Jahres fand eine Diskussionsveranstaltung mit dem Thema „Seniorengerechtes Wohnen in Wenden“ statt. Ein großer Saal war voll mit interessierten Zuhörern, die meisten von Ihnen Senioren. Gegen Ende der Veranstaltung konnte sich das Publikum zu Wort melden. Der Tenor war eindeutig: „Wann wird endlich etwas für uns Senioren in der Gemeinde gebaut?“ Die Leiterin des Seniorenbüros der Stadt Braunschweig, Frau Maliske hat versichert, die Stadt steht gerne unterstützend zu Seite, selbst aktiv werden kann die Kommune jedoch nicht.

Richtig, wir leben nicht im Sozialismus, der Staat kann nicht alles richten. Deshalb müssen wir Bürger aktiv werden. Soziales Engagement und Spendenbereitschaft sind in Deutschland hoch, doch wieviel Einsatz von Freiwilligen ist nötig, um ein Bauprojekt für Senioren auf die Beine zu stellen. Selbst wenn dies hier und dort geleistet wird, der Bedarf kann damit nicht gedeckt werden.

Erst wenn ein Projekt Gewinn macht, kann der Gewinn weitere Investitionen ermöglichen, nur dann kann es vielfach wiederholt werden. Ja, so schwer es mir fällt, dies zu schreiben, es muss zunächst für die Senioren gesorgt werden, die es sich leisten können. Für die anderen muss dann die Unterstützung der Kommunen oder privater Spender herangezogen werden, nicht mit gesonderten Projekten, sondern als Teilaspekt von gewinnorientierten Investitionen.

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