Artikel erschienen am 27.04.2023
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Rehabilitation nach Herzoperation

Gute Voraussetzungen für den Start in ein neues Leben

Von Dr. Ernst Knoglinger, Bad Lauterberg im Harz

Zurzeit werden jährlich in Deutschland ca. 50 000 Bypass-Operationen, ca. 30 000 Herzklappenoperationen und ca. 1 000 Implantationen von Herzunterstützungssystemen („Kunstherzen“) an spezialisierten herzchirurgischen Zentren durchgeführt. Nach einer solchen Operation beginnt sehr früh der Weg zurück ins Leben.

Nach der Herzoperation – wie geht es weiter?

Wenn alles gut verlaufen ist, darf der Patient schon am 2. Tag nach der Operation kurz aus dem Bett, am 5. Tag ist oft die erste vorsichtige Dusche erlaubt. Doch wie geht es weiter? Wann darf ich wieder laufen, wann Fahrrad oder Auto fahren, Sport treiben oder zur Arbeit gehen? Das sind nur einige der Fragen, die während einer Rehabilitation nach der Herzoperation individuell zu beantworten sind.

Eine Nachbehandlung wird heute den allermeisten Patenten empfohlen, die sich einer Operation am offenen Herzen unterziehen mussten. Rehabilitation und Training erfordern ihre eigene Infrastruktur, um eine möglichst rasche Wiederherstellung all derjenigen Fähigkeiten zu ermöglichen, die durch die Erkrankung eingeschränkt wurden. Die Ausgangsvoraussetzzungen können ganz unterschiedlich sein. Ein Bypass-Operierter, bislang vermeintlich gesunder Mensch, kann schon früh mit einem leichten Sportprogramm beginnen. Ein schwer Kranker, der nach langer Krankheit ein Kunstherz eingesetzt bekommen hat, muss als erstes wieder lernen, eigenständig stehen und die ersten Schritte gehen zu können. Entsprechend unterschiedlich muss die Antwort auf die Fragen zur Belastbarkeit ausfallen.

Die Herzfunktion im Blickpunkt

Am Anfang einer Rehabilitation steht eine sorgfältige Bestandsaufnahme, welcher Funktionszustand durch den operativen Eingriff erreicht wurde. Um die Patenten nicht unnötig zu belasten, werden dazu nicht-invasive (schonende) Methoden wie EKG oder Ultraschallverfahren bevorzugt. Wie ist die erreichte Pumpfunktion des Herzens, arbeitet es regelmäßig oder liegen Rhythmusstörungen vor, heilt alles gut ein? Das sind einige der Basis-Informationen, die zu Beginn einer Rehabilitation überprüft sein müssen, damit ein maßgeschneidertes Übungs- oder Trainingsprogramm erstellt werden kann. Dann geht es Schritt für Schritt voran mit gezielten Maßnahmen zum Aufbau der Kräfte. Genutzt wird die erstaunliche Fähigkeit des Körpers, auf gezielte Reize mit einer Verstärkung der Funktion zu reagieren – etwa beim Aufbau von Muskulatur und Kondition.

Wenn Herz und Seele belastet sind

Oft gibt es noch eine zweite Seite, auf der ein Wiederaufbau nützlich ist. Eine schwere Herzerkrankung kann Spuren auf der Seele hinterlassen, die rechtzeig bearbeitet werden müssen. Warum ich, warum jetzt, habe ich etwas falsch gemacht? Das fragen sich Betroffene bewusst oder unbewusst wenn ein so unmittelbar lebensnotwendiges Organ wie das Herz erkrankt ist. Mancher bislang Gesunde empfindet es als Kränkung, dass ihm das passieren konnte. Dann gilt es, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele wieder aufzubauen. Die Strategie dazu wird von Psychologen erstellt. Auch dafür braucht es am Anfang eine Bestandsaufnahme und danach ein auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmtes Programm an Gesprächen, Beratungen und Behandlungen. Von den Behandlern verlangt die psychologische Betreuung ganz andere Qualitäten als die Bewegungstherapie, die kardiologische Diagnostik, die Versorgung frischer OP-Narben oder die Ernährungsberatung. Deshalb erfordert eine Rehabilitation stets ein ganzes Team aus Fachkräften verschiedener Professionen, die jeweils ihre Expertise zu einer ganzheitlichen Behandlung beitragen.

  • Das Reha-Team für Herzoperierte mit den jeweiligen Haupt-Aufgaben
    Ärzte:
    Diagnostik, Information, Medikation
  • Psychologen:
    Diagnostik, Gespräche, Beratung, Psychotherapie
  • Bewegungs- und Sporttherapeuten:
    Aufbau von Muskulatur und Kondition
  • Physiotherapeuten:
    Atemtherapie, Krankengymnastik, Schmerzlinderung
  • Gesundheits- und Krankenpfleger:
    Basis-Krankenversorgung
  • Wundexperte:
    Wundversorgung der OP-Narben
  • Ökothropologen/Ernährungsberater:
    Theorie und Praxis gesunder Ernährung
  • Sozialarbeiter:
    Beratung zu Hilfen, Arbeit, Rente und Behinderung

Damit die erste Herz-OP die letzte bleibt

Die häufigste Herzoperation ist die Bypass-Operation. Mit ihr werden Adern überbrückt, die sich verengt oder verschlossen haben. Die Operation alleine kann nicht verhindern, dass künftig wieder neue Engstellen und Verschlüsse entstehen. Ob wir dazu neigen oder nicht, liegt an der Beschaffenheit unserer Adern, wie sie von Natur aus angelegt waren und ob wir ihnen durch unsere Lebensweise Schaden zufügen. Nikotin aus Zigaretten, erhöhtes Cholesterin und hoher Blutdruck sind die häufigsten Risikofaktoren, die nach der Bypass-OP die Herzerkrankung wieder vorantreiben. Reichlich Bewegung und gesunde Ernährung sind Schutzfaktoren, die dem entgegen­wirken. Dieses Wissen umzusetzen ist nicht leicht, bedeutet es doch oft, fest eingefahrene Lebensgewohnheiten auf Dauer ändern zu müssen. Die Rehabilitation unterstützt auf vielfältige Weise die erforderlichen Lebensstiländerungen, übt diese gleich ein und festigt sie. Gleichzeig erfolgt die Einstellung auf die notwendigen Medikamente, durch die erhöhtes Cholesterin oder Bluthochdruck heute oftmals so behandelt werden können, dass die erreichten Werte sich von denjenigen Gesunder nicht mehr unterscheiden. Und nicht zuletzt werden Methoden zur Bewältigung von schädlichem Stress vermittelt.

Ergebnisse der Rehabilitation

Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben sich mit der Rehabilitation nach Bypass-Operationen beschäftigt. Eine Meta-Analyse qualitativ hochwertiger Reha-Studien mit insgesamt mehr als 14 000 Teilnehmern (CROS-Metaanalyse) kam im Jahr 2016 zu dem Ergebnis, dass die Gesamt-Mortalität (Sterblichkeit) von Bypass-Operierten, die eine Rehabilitation erhalten haben, um 38 % niedriger lag als diejenige einer Vergleichsgruppe ohne Rehabilitation. Grund dafür dürfte vor allem die bessere Einstellung von Risiko- und Schutzfaktoren der Reha-Patienten sein. Auch können 4 von 5 Berufstätigen nach der Rehabilitation ihren Beruf wieder ausüben. Fachgesellschaften und ihre Expertengruppen empfehlen daher die Rehabilitation als Standard-Therapie nach der Bypassoperation.

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