Artikel erschienen am 20.09.2017

Risikofaktor Schwerhörigkeit

Von Sylke Posimski, Braunschweig | Andreas Posimski, Braunschweig

Wie kommt es zu Schwerhörigkeit? Als Risikofaktor gilt vor allem Lärmbelastung, aber auch Rauchen, Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte und Diabetes werden diskutiert. Auch bestimmte Medikamente, mit denen oft Krebspatienten behandelt werden, können Schwerhörigkeit verursachen.

Diskretes Hörgerät

Warum ist gutes Hören eigentlich so wichtig?

Gutes Hören gibt uns Lebensfreude und Lebensenergie und ist die Grundlage dafür wertvolle Momente bewusst zu erleben. Wir können aktiv am Alltag teilhaben, soziale Kontakte mühelos und ohne Schwierigkeiten pflegen. Gerade heutzutage ist der Anspruch an eine gute Kommunikation höher denn je. Man ist aktiv und möchte auch engagiert und kommunikativ am sozialen Leben teilhaben. Die Zugehörigkeit zu einem Verein oder das Ausüben einer ehrenamtlichen Tätigkeit sowie das Leben mit der Familie sind nur drei von vielen wichtigen Lebenssituationen, in denen gutes Hören wichtig ist. Ein funktionierendes Gehör ist auch im Alltag wichtig, besonders auf der Straße. Nur mit einem guten Gehör können wir rechtzeitig wahrnehmen, ob sich ein Bus oder eine Straßenbahn nähert und wir stehen bleiben müssen, um keinen Unfall zu verursachen und uns und andere nicht zu gefährden.

Hörverlust und Demenz – Zusammenhang nachgewiesen

Und ein gut funktionierendes Gehör hat Einfluss auf unsere geistige Fitness. Wissenschaftliche Studien bestätigen, dass Schwerhörigkeit und nachlassende Fähigkeiten des Gehirns in einem engen Zusammenhang stehen. Festgestellt wurde der wesentliche Zusammenhang einer Schwerhörigkeit mit einer verminderten Wahrnehmungsfähigkeit und einem erhöhten Auftreten von Altersdepression. Belegt wurde auch der Zusammenhang zwischen einer unversorgten Schwerhörigkeit und auftretender Demenzerkrankung. Klar ist, ein Hörverlust beschleunigt den kognitiven Verfall, die Verwendung von Hörgeräten wirkt dem kognitiven Verfall, d. h. den Abbau der Informationsverarbeitung entgegen, da wieder mehr Informationen im Gehirn ankommen. Denn die Interpretation des Gehörten findet im Gehirn statt. Werden neuronale Verbindungen, die durch eine Hörminderung betroffen sind, nicht mehr genutzt, um akustische Reize an das Gehirn weiterzuleiten, baut der Körper diese ab, ähnlich der Muskulatur bei z. B. einem eingegipsten Arm.

Je mehr das Hörvermögen im Alter abnimmt, und auf das Tragen von Hörgeräten verzichtet wird, desto wahrscheinlicher ist es, an einer Form der Demenz zu erkranken. Nach einer 2012 von Galla­gher et al. veröffentlichten Studie, steigt für jede 10 dB Hörverlust das Risiko für Demenz um den Faktor 2,7.

Schwerhörigkeit – nachlassendes Denkvermögen!

Schwerhörigkeit erhöht auch das Risiko für eine Beeinträchtigung der Denkfähigkeit. Wissenschaftler beobachteten 1 984 Studienteilnehmer, die im Durchschnitt 77 Jahre alt waren, über sechs Jahre. Alle waren zu Beginn der Studie geistig fit. Im Studienverlauf zeigte sich: Bei denjenigen mit einem unversorgten Hörverlust beschleunigte sich, unabhängig von anderen Faktoren, der geistige Abbau um bis zu 41 % im Vergleich zu gut Hörenden.

Schlechtes Gehör – die Lebensqualität leidet

Lebensenergie und Lebensfreude gehen verloren, da es mit einer Schwerhörigkeit gerade in geräuschvoller Umgebung immer schwieriger wird, sich auf einen Sprecher zu konzentrieren. Man kann schlechter hin- aber auch schlechter weghören. Gespräche werden anstrengender. Das Gehirn muss immer wieder einen Lückentext zusammensetzen und vieles aus dem Zusammenhang erschließen. Man muss seinen Gegenüber immer wieder bitten, das Gesprochene zu wiederholen. Das ist nicht nur anstrengend, sondern verursacht auch mentalen Stress. Eine sogenannte Hörermüdung setzt ein und führt dazu, dass man am Abend völlig überanstrengt ist. Viele schieben diese abendliche Ermüdung zunächst gar nicht auf das schlechte Hören. Daher ist ein rechtzeitiger Hörtest wichtig und wird ab dem 40. Lebensjahr einmal jährlich als kostenlose Gesundheitsvorsorge empfohlen.

Schwerhörigkeit macht einsam

Durch schlechtes Hören kommt es häufig zu Missverständnissen. Das kann am Anfang noch komisch sein und die Betroffenen lachen über sich selbst, aber mit der Zeit belastet es zunehmend. Sie versuchen schwierige Gesprächssituationen zu vermeiden und ziehen sich immer mehr zurück. Das ist der Beginn der sozialen Isolation. Folge ist nicht selten eine Depression. Auch fällt ein Hörverlust der Umgebung schon auf, wenn es der Betroffene noch gar nicht wahrhaben will, dass er ein Hörproblem hat. Fragen oder Begrüßungen werden überhört und die normale Reaktion bleibt aus. Falsche Antworten, weil man etwas falsch verstanden hat, können von den Umgebung als unintelligent eingestuft werden. Und wer gilt schon gern als dumm?! Wer schlecht hört, mag mittendrin sein im Getümmel und ist dennoch viel zu oft nicht dabei.

Schwerhörigkeit benachteiligt im Beruf

Ist das Hörvermögen eingeschränkt, hat das auch Auswirkungen auf den Job. Kollegen empfinden die Arbeit mit einem Betroffenen als erschwert, da Gespräche vor allem am Telefon stark durch die Schwerhörigkeit beeinträchtigt werden. Dies hat zur Folge, dass Menschen mit Hörverlust heute im Berufsleben oft benachteiligt werden.

Gesundheitsvorsorge Hörtest

Je früher eine Schwerhörigkeit erkannt wird, umso wirksamer lässt sich abnehmendes Sprachverstehen verhindern, propagiert Prof. Maries Knipser vom Hörforschungszentrum der Universität Tübingen. Ein Hörtest verschafft also nicht nur Klarheit über den eigenen Hörstatus, sondern ist auch der erste Schritt, um einem möglichen Hörverlust wirkungsvoll entgegenwirken zu können.

Neue Hörgeräte sind speziell auf die Arbeitsweise des Gehirns abgestimmt

Wenn Menschen wieder hören und verstehen, strahlen sie oft vor Glück. Enge Kontakte zur Familie und ein reger Austausch mit Freunden – diese wesentlichen Faktoren machen das Leben lebenswert und Hör-Hightech im oder hinter dem Ohr ermöglicht heute gutes Hören und Verstehen trotz Hörverlust und das sehr diskret. Ein umfangreiches Angebot an Hörgeräten aller Preisklassen und Leistungsstufen steht zur Verfügung. Die Krankenkassen bezuschussen eine Hörgeräteversorgung mit bis zu 729 Euro pro Ohr.

Und doch ist ein Hörgerät nur ein Hilfsmittel und kann ein gesundes Gehör nicht ersetzen. Daher ist es so wichtig, rechtzeitig mit einer Hörgeräteversorgung zu beginnen und sich möglichst früh einen guten Hörstatus zu erhalten.

Ein Hörgerät – nein danke

Für manche Menschen gibt es Gründe, die aus ihrer Sicht absolut gegen das Tragen eines Hörgerätes sprechen. So hört man oft, dann bin ich alt, fühle mich stigmatisiert. Hörgeräte sind heute absolute Hightechgeräte, vergleichbar mit einem Minihochleistungscomputer und absolut unauffällig – manche fast unsichtbar im Gehörgang verschwunden. Tatsächlich auffällig ist es aber, wenn jemand seine Mitmenschen ständig nicht oder falsch versteht.

Warum Hörgeräte allein oft nicht ausreichen

Besser hören mit Hörgeräten stellt eine deutlich größere Herausforderung dar als etwa besser sehen mit einer Brille. Die Anpassung eines Hörgerätes erfordert mehr Zeit, Ausdauer und eigene Mitarbeit. Wer nicht wirklich bereit ist, ein Hörgerät zu tragen, wird am Ende nicht das beste Hörergebnis haben und die Schuld bei der Technik oder seinem Hörgeräteakustiker suchen. Bei der klassischen Hörgeräteversorgung wird das Hörgerät meist an ein über Jahre hinweg entwöhntes Gehör angepasst. Bei vielen Betroffenen ist zudem die natürliche Filterfunktion in der Geräuschwahrnehmung gestört, der sog. Hörfilter. Ein intakter Hörfilter ist aber die Grundvoraussetzung, in geräuschvoller Umgebung den Gesprächspartner zu verstehen. Das bewusste Hin- aber auch Weghören wird so ermöglicht. Hörgeräteträger hören mit der Hörgerätetechik zwar wieder besser, doch alle Geräusche klingen ungewohnt laut – auch und gerade die Nebengeräusche.

Info

Das Sprachverstehen in geräuschvoller Umgebung verbessert sich trotz guter Hörgeräte-
technik zunächst nicht. Daher ist es wichtig, vor der Anpassung eines Hörgerätes das neue Hören zu trainieren, ähnlich wie die Muskulatur, wenn man sportlich erfolgreich sein will. In Terzo-Zentren wird mithilfe spezieller Trainingshörgeräte und eines wissenschaftlich entwickelten Gehörtrainings vor der eigentlichen Hörgeräteanpassung das Gehör zunächst wieder in die Lage versetzt, Störgeräusche auszublenden. Dies ist eine einzigartige Vorgehensweise in der Hörgeräteanpassung, da die meisten Hör-
trainings erst nach erfolgter Hörgeräteanpassung einsetzen. Aber auch langjährige Hörgeräteträger, die mit ihrem Hörergebnis nicht zufrieden sind, profitieren vom einem sogenannten Terzo-Aufbautraining mit speziellen Trainingshörgeräten. Ebenso kann Tinnituspatienten mit einer speziellen Gehörtherapie geholfen werden.

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Braunschweig 2016/2017 | Prof. Dr. med. Omid Majdani, Wolfsburg