Artikel erschienen am 10.05.2013
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Zahnersatz auf Implantaten

Von Dr. med. dent. Karsten Rüffert, Braunschweig

Die Implantologie hat sich in den letzten Jahren zu einer etablierten und sicheren Therapieform entwickelt, die es ermöglicht, verlorengegangene Zähne mit all ihren Funktionen zu ersetzen. Ziel ist eine möglichst optimale Wiederherstellung der Kaufunktion, der Ästhetik und Sprachbildung.

Zu den klassischen Versorgungen zählte – bei kleineren Zahnlücken und festen Pfeilerzähnen – der festsitzende Zahnersatz mit Brücken. Ein he­rausnehmbarer Zahnersatz (Teilprothese) wurde notwendig, wenn mehrere Zähne oder endständige Zähne fehlten. Bei völliger Zahnlosigkeit mussten herkömmlich Voll- oder Totalprothesen die Kaufunktion wiederherstellen.

Einzelimplantat

Bei der Versorgung von Einzelzahnlücken mit Brücken ist ein mehr oder weniger starkes Beschleifen der Zähne unabdingbar, was gerade bei gesunden, kariesfreien Nachbarzähnen bedenklich ist. Die Folge könnte eine Entzündung der Zahnpulpa (Nerv) sein, welche dann eine Wurzelbehandlung nach sich zieht. Auch könnten durch den Rückgang des Zahnfleisches die Kronenränder sichtbar werden und zu unästhetischen Resultaten führen. Darüber hinaus bildet sich der Kieferknochen, der keine Funktionsreize bekommt, zurück. Diese Umbauprozesse sind je nach Kiefergebiet unterschiedlich stark ausgeprägt und nicht vorhersehbar.

Einzelzahnimplantat nach Freilegung

Keramikaufbau

Vollkeramikkrone auf Implantat

Beim Einzelzahnimplantat wird der fehlende Zahn durch ein Implantat ersetzt, das an die Stelle der verlorengegangenen Zahnwurzel gesetzt wird. Während der Einheilphase von meist wenigen Wochen bleibt das Implantat unbelastet unter der Schleimhaut. Der Patient trägt während dieser Zeit einen provisorischen Zahnersatz, der herausnehmbar oder festsitzend (z. B. Klebebrücke) sein kann. Nach der Freilegung des Implantats und Abdrucknahme wird dann die im Labor hergestellte Krone auf dem Implantat befestigt und übernimmt dann die Funktionen des natürlichen Zahnes.

Implantate für größere Zahnlücken

Fehlen mehrere oder endständige Zähne, so spricht man vom teilbezahnten Kiefer. Solche größeren Zahnlücken können herkömmlich nur mit herausnehmbaren Teilprothesen geschlossen werden, da eine festsitzende Brückenversorgung die verbleibenden Zähne überlasten würde. Die Teilprothese wird mit Klammern, Geschieben oder Teleskopen an den Rest-Zähnen befestigt. Außer bei einem Klammerzahnersatz ist dann allerdings auch wieder ein Beschleifen der Zähne notwendig.

Mit Implantaten kann die Lücke mit einer festsitzenden Brücke geschlossen werden, ohne Notwendigkeit einer herausnehmbaren Prothese und ohne gesunde Nachbarzähne beschleifen zu müssen. Unter bestimmten Voraussetzungen sind auch Brücken von Zähnen auf Implantaten möglich. Man spricht dann von Hybridbrücken.

Die Implantate werden an statisch und funktional sinnvolle Positionen gesetzt, um eine ausreichende Abstützung der Kaukräfte zu erreichen und so die Restzähne vor Überlastung zu schützen. Auch können Implantate helfen, schlecht sitzende Teilprothesen wieder besser abzustützen und deren Halt zu verbessern.

Implantate im zahnlosen Kiefer

Der Verlust von allen eigenen Zähnen bedeutete bislang das Tragen einer Vollprothese. Mögliche Folgen könnten sein: schlechter Prothesenhalt vor allem im Unterkiefer und verminderte Kauleistung, Geschmacksbeeinträchtigung, eventuell Würgereiz oder gestörte Aussprache. Außerdem bewirkt die Druckbelastung einer nicht optimal sitzenden Prothese einen beschleunigten Rückgang des Kieferknochens und damit eine weitere Verschlechterung des Prothesensitzes. Funktional richtig aufgestellte Prothesen sind manchmal nur mit ästhetischen Einbußen zu erreichen. Müssen z. B. die Zähne weit vor den Kieferkamm aufgestellt werden, um eine Abstützung der Gesichtsweichteile, vor allem der Lippen, zu erreichen, könnte ein schnelleres Abkippen der Prothese gerade beim Abbeißen die Folge sein. Stellt man dagegen die Zähne statisch günstiger direkt über den Kieferkamm, so fallen eventuell die Lippen ein, wodurch Faltenbildung und eingefallene Hautpartien die Patienten älter aussehen lassen.

Laut Konsensuskonferenz der führenden Fachgesellschaften der implantologisch tätigen Zahnärzte sind für eine implantatgestützte herausnehmbare Versorgung eines zahnlosen Unterkiefers mindestens 4 Implantate notwendig. Aufgrund einer weicheren Knochenstruktur sollte man die Anzahl für einen unbezahnten Oberkiefer auf mindestens 6 Implantate erhöhen. Ein Großteil der beim Kauen entstehenden Kräfte kann so von den Implantaten aufgenommen und die Anteile der Prothese, die auf der Schleimhaut liegen, verkleinert werden. Dadurch lassen sich mögliche Druckstellen auf ein Minimum reduzieren. Im Oberkiefer kann so zum Beispiel auf den gaumenbedeckenden Anteil der Prothese verzichtet werden (gaumenfreie Gestaltung).

Unter bestimmten Voraussetzungen reichen zur reinen Stabilisierung einer Totalprothese zwei Implantate im Unterkiefer bzw. vier Implantate im Oberkiefer, wodurch schon eine deutliche Verbesserung der Lagestabilität erreichbar ist. Eine umfangreiche Reduzierung der Prothesenbasis ist mit dieser minimalen Implantatanzahl allerdings noch nicht zulässig, da ansonsten eine Überlastung der Implantate die Folge sein könnte.

Der von vielen Patienten häufig geäußerte Wunsch nach einer komplett festsitzenden Versorgung lässt sich mit aufwendigeren Konstruktionen von 6 – 8 Implantaten pro Kiefer realisieren. Um ein optimales ästhetisches Ergebnis zu erzielen, sind dafür in der Regel jedoch umfangreiche Aufbaumaßnahmen von Knochen und Weichgewebe notwendig, um den zuvor zurückgegangenen Kiefer zu regenerieren. Neben dem deutlich höheren operativen Aufwand ist es darüber hinaus auch im Hinblick auf die Hygienefähigkeit der Versorgung häufig sinnvoller, einen herausnehmbaren Zahnersatz anzufertigen.

6 Implantate nach Freilegung

Herausnehmbarer Teleskopzahnersatz

Lippenbild nach Fertigstellung

Neben den allgemeinen Risiken der Knochenaufbau- und Implantatoperation gibt es auch prothetische Komplikationen, die zu einem späten Misserfolg führen könnten. Eine korrekte Implantatposition ist nicht nur wichtig für die Kaufunktion, Sprachbildung und Ästhetik, sondern auch entscheidend, um die Kaukräfte optimal aufzunehmen und in den Knochen zu leiten. Sind die Implantate beispielsweise nicht an statisch oder funktional richtiger Stelle gesetzt, so kann es durch Über- oder Fehlbelastung zum Rückgang des Knochens kommen. Dieser benötigt zwar Reize, reagiert bei einem Zuviel jedoch mit Abbauprozessen, was die Stabilität natürlich verringert. Durch die technischen Möglichkeiten der dreidimensionalen computernavigierten Implantologie sind solche Risiken gerade bei umfangreichen Operationen jedoch minimierbar. Mithilfe spezieller Röntgenschablonen und der digitalen Volumentomographie (DVT oder CT) kann die später gewünschte Zahnstellung in die Planung einbezogen werden. Auf Basis dieser Konstruktionsdaten wird darauf eine Bohrschablone im zahntechnischen Labor angefertigt, in welche die exakte Position des späteren Implantates sozusagen einprogrammiert ist. Aber auch die genaue Beachtung funktioneller Grundregeln, eine korrekte Kauflächengestaltung und die Berücksichtigung der anatomischen Strukturen (wie Kiefergelenke und Kaumuskeln) sind entscheidend für einen Therapieerfolg und müssen mit einer sogenannten Funktionsanalyse einbezogen werden.

Darüber hinaus ist die korrekte Pflege und Reinigung der fertigen Prothetik ein entscheidendes Kriterium für den Langzeiterfolg einer implantatgetragenen Versorgung. Durch anhaftende Bakterien und Zahnstein kann es – ähnlich einer Parodontitis an Zähnen – zu einer Entzündung der dem Implantat anliegenden Gewebe kommen. Man spricht dann von einer Periimplantitis. Unbehandelt kann der folgende Rückgang von Knochen und Weichgewebe zum späten Implantatverlust führen. Die Hygienefähigkeit ist daher ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung für eine bestimmte Versorgungsform. Bei einer herausnehmbaren Konstruktion ist häufig eine gründlichere Reinigung möglich, da besser um die Implantataufbauten herum geputzt werden kann.

Reinigung einer Implantatbrücke mit einer Interdentalbürste

Für eine optimale und stabile Versorgung ist im Vorfeld eine äußerst genaue Planung der Implantat­anzahl, Position und Art der Prothetik notwendig, die nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Chirurg, Prothetiker und zahntechnischem Labor erreicht werden kann. Prothetische Gestaltungsmöglichkeiten werden in intensiven Beratungsgesprächen mit den Patienten erörtert. Nach Fertigstellung sollten regelmäßige Kontrollen und professionelle Prophylaxemaßnahmen erfolgen, um den Erfolg der Therapie für lange Zeit zu sichern.

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