Artikel erschienen am 01.05.2012
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Zahnunfall

Ein Zahn ist rausgeschlagen – was tun?

Von Dr. med. dent. Angela Fischer, Braunschweig

Kindergeburtstag, Schul-, Vereinssport, Fahrradunfall – passieren kann es überall: HILFE! Ein Zahn ist rausgeschlagen – was tun?

Ganz entscheidend und wichtig für Sie zu wissen ist:

  • Die Wurzelhaut darf nicht verletzt werden und die Wurzelhautzellen müssen am Leben bleiben.
  • Bereits nach einer ½ Stunde trockener Lagerung sind alle Zellen abgestorben! Der Zahn ist dann nicht mehr zu retten.

Was also können Sie tun?

  • Suchen Sie den Zahn – so schnell wie möglich.
  • Fassen Sie ihn nie an der Wurzel an, nur am Kronenteil. Wischen Sie ihn nicht ab, trocknen Sie ihn nicht.

Wohin?

  • Im Notfall transportieren Sie den Zahn in der Wangentasche, besser in einem Glas mit H-Milch oder steriler Kochsalzlösung.
  • Wer hat das schon im Notfall? Am besten, Sie haben in Ihrer Hausapotheke eine Zahnrettungsbox (Haltbarkeit ca. drei Jahre) so selbstverständlich wie Pflaster und Schmerztabletten.
  • Liegt der Zahn nun in dieser Box, haben Sie Zeit! Der Zahn wird desinfiziert und ernährt. Die Wurzelhautzellen können bis zu 24 Stunden überleben, in H-Milch und Kochsalzlösung nur zwischen drei und vier Stunden. Sie können kurz durchatmen und Ihren Zahnarzt aufsuchen.
  • Denken Sie bitte an den Impfausweis! Es muss ein ausreichender Tetanusschutz bestehen.
  • Noch etwas: Verletzungen im Munde bluten sehr stark. Ein Schock – aber meist ist es nicht so schlimm.
  • Drücken Sie mit einem Stofftaschentuch oder einem trockenen Waschlappen auf die Wunde und geben Sie dem Verletzten ein Kühlkissen, um Schwellungen zu begrenzen.

Zur Vermeidung von Zahntraumen gibt es Schutzschienen in diversen Ausführungen und Preislagen – je stabiler und professioneller, umso besser.

Zu den leichteren Zahnverletzungen gehören einfachere Schmelz oder Schmelz-Dentinabsprengungen mit oder ohne Nervverletzungen. Diese können in den häufigsten Fällen unkompliziert mit moderner Schmelz/Dentinadhäsivtechnik sicher und haltbar versorgt werden. Wichtig bei Eröffnung der Nervhöhle ist die Vitalerhaltung des Nervens (Pulpa) durch spezielle zeitnahe antibakterielle Überkappungsmedikamente.

Ist die Eröffnungsstelle breitflächig – größer als 1 mm2 – und diese Wunde den Keimen der Mundhöhle länger als zwei Stunden ausgesetzt, so muss schon mit einer Infektion gerechnet werden. Bitte so schnell wie möglich den Zahnarzt aufsuchen! Man geht davon aus, dass Mikroorganismen bei Speichelkontamination innerhalb von zwei Stunden bis zu 2 mm in das Pulpagewebe vordringen.

Mit zunehmend größer werdendem Intervall zwischen dem Unfallzeitpunkt und der Erstversorgung sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Nerven. Je nach Alter des Zahnes (Kind oder Erwachsener) sind unterschiedliche Vorgehensweisen und Prognosen zu erwarten: Im Kindesalter ist bei entsprechenden Überkappungsmaßnahmen mit einer Heilung durch die Bildung einer „Hartsubstanzbrücke“ durch vitale reaktive Nervzellen zu rechnen. Diese Reparaturfähigkeit nimmt im Alter ab.

Unfallereignisse können auch zu Schädigungen der Weichgewebe, des Zahnhalteapparates (Parodont) und des Knochens (Alveolarfortsatz, Gesichtsknochen) führen.

Man unterscheidet:

  • Zahnerschütterungen (Konkusionen)
  • Zahnlockerungen (Subluxationen)
  • Zahnintrusionen (Zahn wird in das Knochenfach gedrückt)
  • Zahnextrusionen (teilweise zentrale oder laterale Verlagerungen)
  • Zahnavulsionen (Zahn ist ganz aus dem Knochen heraus)
  • Horizontale oder schräge Wurzelfrakturen
  • Zahntraumen mit oder ohne Knochenfrakturen

Oft handelt es sich um Kombinationsverletzungen mit Beteiligung der Hart- und Weichgewebe. Jugendliche Zähne mit noch nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum tolerieren Erschütterungen oder Auslenkungen eher als solche mit schon abgeschlossenem Wurzelwachstum. Die bessere Gefäßversorgung bzw. Durchblutung bedingt die günstigere Reparations- und Regenerationsfähigkeit.

Das Wurzelwachstum ist in der Regel etwa drei Jahre nach Durchbruch des Zahnes abgeschlossen, also bei oberen Frontzähnen etwa mit zehn Jahren.

Bei allen Zahnverletzungen steht die Entzündungsvermeidung und -reduktion durch Sofortmaßnahmen im Vordergrund. Neben den Versuchen der Vitalerhaltung des Nervgewebes sind das medikamentöse (antiphlogistische gegebenenfalls antibiotische) Therapien, Zahnrepositionen, Schienung des beweglichen Zahnes (sieben bis zehn Tage ragide oder flexibel) sowie regelmäßige Sensibilitäts- und Röntgenkontrollen über einen Zeitraum von eineinhalb bis drei Jahren.

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