Artikel erschienen am 01.05.2012
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Das offene Bein – Ulcus cruris

Dazu muss es nicht erst kommen!

Von Dr. med. Hisham Kawara, Braunschweig

Das Ulcus cruris ist eine häufige Erkrankung. Ca. 1 % der Bevölkerung entwickeln in ihrem Leben ein solches Geschwür am Unterschenkel. Die Lebensqualität der Betroffenen ist wegen Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und der regelmäßigen Verbandswechsel stark eingeschränkt.

Die konservative Therapie ist langwierig. Die Rezidivrate ist hoch, sie liegt bei etwa 10–30 % nach einem Jahr. Daher resignieren oft Patienten und Ärzte. Deswegen ist es von großer Bedeutung, die Ursache des Ulcus abzuklären und zu behandeln, um eine schnelle Abheilung zu erreichen und ein Wiederauftreten zu verhindern. In 60 % der Fälle findet man eine venöse Erkrankung als Ursache, ein Krampfaderleiden oder eine Folge einer früheren Thrombose.

Bei ca. 6–10 % der offenen Beine besteht eine arterielle Ursache (Verschlüsse oder Verengungen der Beinschlagadern). In 20 % der Fälle liegt eine Mischung von arterieller und venöser Durchblutungsstörung als Ursache des Ulcus cruris vor.

In seltenen Fällen kann das Ulcus cruris durch andere Ursachen wie Hauttumore oder Vasculitis (Gefäßentzündung) bedingt sein.

Typische Symptome des Krampfaderleidens sind Spannungs- und Schweregefühl der Beine, Schmerzen, Beinschwellung vor allem im Sommer und nach langem Stehen und Sitzen. Unbehandelte Krampfadern können Komplikationen verursachen. Dazu gehört neben dem offenen Bein die sehr schmerzhafte Venenentzündung.

Das Ulcus cruris arterieller Ursache wird vor allem durch die Arteriosklerose mit nachfolgenden Verschlüssen oder Verengungen der Beinschlagadern (periphere arterielle Verschlusskrankheit) verursacht.

Die Häufigkeit der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit beträgt bei über 70-Jährigen 30 %. Risikofaktoren für die periphere arterielle Verschlusskrankheit sind Alter, männliches Geschlecht, Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und hohe Blutfettwerte. Auslöser eines arteriellen Ulcus cruris ist meist eine banale Verletzung, die bei Durchblutungsstörungen keine Spontanheilung zeigt.

Abb. 1: Seit Jahren bestehendes Ulcus cruris venöser Ursache

Betroffene sollen sich durch das Ulcus nicht entmutigen lassen, denn die meisten Geschwüre können behandelt werden. Dazu muss es aber nicht erst kommen. Bei Krampfaderleiden oder arterieller Durchblutungsstörung sollte der Patient einen spezialisierten Gefäßmediziner (z. B. Angiologe oder Gefäßchirurg) aufsuchen.

Dabei ist eine gute Ulcus-Anamnese (Patientenbefragung) sehr wichtig. Abgefragt werden frühere Geschwüre, bekannte periphere arterielle Verschlusskrankheit, Krampfaderleiden, tiefe Beinvenenthrombose (TBVT), arterielle oder venöse frühere Operationen sowie Schmerzanamnese und bisherige Therapiemaßnahmen.

Die klinische Untersuchung trägt entscheidend zur Diagnosestellung bei. Dabei verschafft sich der Arzt einen ersten Eindruck. Wichtige Hinweise auf eine mögliche Ursache des Ulcus gibt bereits das Aussehen und die Lokalisation des Ulcus. Bei ursächlichen Krampfadern sind solche in den meisten Fällen auch sichtbar. Bei länger bestehendem Krampfaderleiden und nach tiefer Beinvenenthrombose kommt es zum Beispiel sehr oft zu Hyperpigmentierung (Hautverfärbungen) im Bereich des Innenknöchels.

Erste Hinweise auf das Vorliegen von Verschlüssen oder Verengungen der Beinschlagadern (pAVK) gibt die simple Pulsaustastung der unteren Extremitäten. Die apparative Diagnostik mit Duplex- oder Doppler-Ultraschalluntersuchung gibt dem Spezialisten Informationen über die Venendynamik und die Lokalisation von Verengungen oder Verschlüssen der Beinarterien.

Mit diesen genannten Maßnahmen werden die Ursachen von ca. 90 % aller offenen Beine diagnostiziert.

Erst nach Diagnosestellung kann ein Therapieplan erarbeitet werden. Zum Einsatz kommen je nach Ursache lokale Wundbehandlung, Bewegungstraining, Kompressionstherapie, Sanierung von Krampfadern, Behandlung von arteriellen Gefäßverschlüssen und im Verlauf bei Erreichen sauberer Wundverhältnisse die Transplantation von Haut zur Deckung des Ulcus cruris. Ohne vorherige gründliche Diagnostik ist also eine Therapie nicht möglich. So könnte beispielsweise eine Kompressionstherapie bei Übersehen einer behandlungsbedürftigen peripheren arteriellen Verschlusskrankheit die Ulcus-Heilung negativ beeinflussen. In den allermeisten Fällen wird so durch die ursachenbezogene Therapie eine Abheilung erreicht.

Abb. 2: Zwei Monate nach operativer Sanierung der Krampfadern und Hauttransplantation

 

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