Artikel erschienen am 16.05.2015
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Was gibt es Neues beim Kniegelenkersatz?

Von Prof. Dr. med. Karl-Dieter Heller, Braunschweig

Ist die Verschleißerkrankung im Kniegelenk derart fortgeschritten, dass nichtoperative Maßnahmen ebenso wenig zielführend sind wie Gelenkspiegelungen oder ähnliche kleinere operative Maßnahmen, so steht die Entscheidung zur Kniegelenkprothese an.

Eine Kniegelenkprothese sollte erst dann eingesetzt werden, wenn operative Verfahren oder kleinere Operationen nicht mehr helfen können. Neben dem Röntgenbefund ist die vom Patienten beklagte Beschwerdesymptomatik wesentlich für die Entscheidungsfindung. Beides sollte eindeutig auf eine schwere Verschleißerkrankung hinweisen. Auch bei schwerem Röntgenbefund ist bei wenig Leidensdruck nur in seltenen Fällen die Notwendigkeit einer operativen Maßnahme gegeben.

Abb. 1: Schlittenprothese

Die Schwere und die Lokalisation, d. h. der Ort der Knorpelschädigung, bestimmen in gewissem Maße die Wahl der Prothese. Das Ziel ist es, so viel körpereigene Knochensubstanz wie möglich zu erhalten und nur die Gelenkteile zu ersetzen, die wirklich zerstört sind. Aus diesem Grunde kann man bei nur innenseitig oder nur außenseitig vorliegender Verschleißerkrankung eine Teilprothese, eine sog. Schlittenprothese (Abb. 1), einbauen. Der Vorteil dieser Prothese liegt darin, dass sie über einen sehr kleinen Zugang eingebaut werden kann und dadurch die Phase nach der Operation für den Patienten weniger belastend ist. Reicht diese Schlittenprothese nicht, so muss über einen sog. Oberflächenersatz nachgedacht werden, d. h. eine Prothese, die sowohl die komplette Gleitfläche des Oberschenkels, als auch die komplette Gleitfläche des Unterschenkels versorgt. Man spricht dann von einem Oberflächenersatz; hier wird die gesamte Gelenkoberfläche mit Metall überkront. Der Meniskus wird durch hochfesten Kunststoff ersetzt. Mit einer solchen Prothese sind Beugung und Streckung wieder sehr gut möglich und man sollte in der Lage sein, sich schmerzfrei fortzubewegen. In der unmittelbaren postoperativen Phase ist die Anwendung von modernen schmerztherapeutischen Verfahren für den Patienten von großer Bedeutung. Die Auswertung der internationalen Literatur zeigt, dass etwa 1/5 aller mit einer Knieprothese versorgten Patienten trotz erfolgreicher Operation mit dem OP-Ergebnis nicht hundertprozentig zufrieden sind. Dies liegt an zahlreichen Gründen. Zum einen wird durch eine Knieprothese die Oberfläche zwar perfekt rekonstruiert und aus künstliche Materialien ersetzt, ein so operiertes Knie entspricht aber nicht dem Knie des betreffenden Patienten im 18. Lebensjahr, d. h., die Erwartungshaltung ist enorm hoch und kann nicht in allen Fällen erfüllt werden. Im Rahmen der ausführlichen Aufklärung vor der Operation sollte dem Betroffenen dargelegt werden, welche Erwartungen erfüllt werden können und welche nicht. Es sollte auch erläutert werden, welche Belastungen eine solche Knieprothese nachher aushält und welche nicht.

Abb. 2: Kreuzbanderhaltende Prothese

Aufgrund dieser bekannten Rate an nicht ganz zufriedenen Patienten trotz gut eingebauter Knieprothese sind verschiedene Prothesen entwickelt worden, um die Zufriedenheit noch zu erhöhen. So wurde eine Prothese entwickelt (Abb. 2), mit der man in der Lage ist, dass vordere Kreuzband zu erhalten, welches üblicherweise im Rahmen des Einbaus eines Oberflächenersatzes geopfert werden muss. Die Operationstechnik ist anspruchsvoller und sollte nur von sehr versierten Operateuren durchgeführt werden. Der Patient hat postoperativ den Vorteil, dass das üblicherweise im Rahmen der Knieendoprothetik nicht beschädigt vorgefundene vordere Kreuzband erhalten werden kann. Es ist zu hoffen, dass hierdurch eine Verbesserung der Kniebeweglichkeit und des Kniegefühls erzielt werden kann.

Abb. 3: Maßangefertigte individuelle Knieprothese

In Abb. 3 ist die maßangefertigte Knieprothese zu sehen, die im 3-D-Drucker hergestellt wird, zu sehen. Hierfür muss der Patient vor der Operation eine Computertomographie anfertigen lassen. Anhand des hierdurch erstellten Modells wird die individuelle Knieprothese hergestellt, kommt dann in ein entsprechendes Set mit Schnittschablonen und Originalprothese und kann dann eingebaut werden. Der Vorteile dieses Prothesentyps liegt darin, dass das Kniegelenkverhalten mehr dem normalen Knie entspricht. Das Knie fühlt sich stabiler und natürlicher an.

Info

Diese modernen Verfahren sind operativ anspruchsvoller, Langzeitergebnisse hierzu liegen nicht vor. Wesentlich ist, dass diese von einem gut trainierten Operateur eingebaut werden.

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