Artikel erschienen am 11.05.2015
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Unfallchirurgie

Vom Gipsverband zur modernen Frakturbehandlung

Von Dr. med. Andreas Gruner, Braunschweig

Die Chirurgie (griechisch: χειρουργική [τέχνη] – die handwerkliche Kunst) ist das medizinische Fachgebiet, das sich mit der Behandlung von Krankheiten und Verletzungen durch direkte, manuelle oder instrumentelle Einwirkung auf den Körper des Patienten (Operation) befasst. Der Begriff Chirurgie (altgriechisch) setzt sich aus dem Substantiv χειρ (Hand) und dem Verb εργω (ich arbeite) zusammen, also wörtlich übersetzt ein „Handarbeiter“. Die Unfallchirurgie hat in den vergangenen Jahrzehnten wissen­schaftlich und klinisch einen deutlichen Wandel und außerordentlichen Fortschritt erfahren.

Von einer zuerst konservativ geprägten Denk- und Handlungsweise ohne Möglichkeit sicherer operativer Verfahren hat sich die Unfallchirurgie über einen rein bio­mecha­nischen Fokus zu einer Lehre der Biologie des verletzten Organismus entwickelt. Hiervon zeugt exemplarisch die Versorgung von Brüchen des Hand­gelenkes und des Schenkelhalses.

Handgelenksbrüche sind die häufigsten Knochen­verletzungen im fortgeschrittenen Lebensalter. So kommen ca. 2 – 3 Brüche des Handgelenkes pro 1 000 Einwohner und Jahr in Deutschland vor. Es gibt zwei Altersgipfel im Bereich 6 – 10 Jahre sowie 60 – 69 Jahre. Frauen sind hierbei doppelt so häufig betroffen wie Männer. Das Ausmaß des Bruches im Bereich des Handgelenkes ist u. a. abhängig von der Abstützrichtung beim Sturz und der Knochen­qualität. Je nach Verletzungsart und -schwere stehen verschiedene Thera­pie­möglichkeiten zur Verfügung. Diese reichen bei der sog. distalen Radiusfraktur (Bruch des körperfernen Gelenkanteiles der Speiche) vom konservativen Vorgehen und Gips­ruhigstellung über sog. Verdrahtungen bis hin zu offen chirur­gischen Operations­verfahren und Stabilisierungen mit angelegten Platten und winkelstabiler Verankerung direkt am Knochen. Ziel ist dabei die Wieder­herstellung des Hand­gelenkes mit einem guten funktionellen Ergebnis.

Schenkelhalsbruch und Stabilisierung durch Verschraubung

Schenkelhalsbruch und Stabilisierung durch Verschraubung

Eine weitere häufig anzutreffende Verletzung des älteren Patienten ist der Bruch des Schenkelhalses am Hüftgelenk. Im Jahr 2007 wurden in Deutschland mehr als 96 000 hüftgelenksnahe Oberschenkelfrakturen registriert, davon betrafen mehr als 50 000 der Frakturen den Schenkelhals. 62 % der Patienten waren älter als 80 Jahre. Frauen sind von dieser Verletzung fünf Mal häufiger betroffen als Männer. Die zugrunde liegenden Einteilungen der Brüche sind auf die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Die möglichen konservativen wie operativen Therapieverfahren richten sich nach der Bruchform, der beim Röntgen festgestellten Abkippung des Hüftkopfes, dem Lebensalter, dem Aktivitätsgrad und dem Zeitraum bis zur Operation. Als Versor­gungsmöglichkeiten kommt eine nur selten indizierte konservative Behandlung, in der Mehrzahl der Fälle jedoch eine operative Stabilisierung bzw. eine Versorgung durch eine Hüftprothese infrage.

Handgelenksnaher Bruch der Speiche

Handgelenksnaher Bruch der Speiche …

Durch winkelstabile Platte stabilisierter Bruch der Speiche

…durch winkelstabile Platte stabilisierter Bruch der Speiche

Bei sehr jungen Patienten wird – wann immer möglich – eine hüft­kopferhaltende Verschraubung angestrebt, welche innerhalb der ersten 24 Std. nach dem Unfall­ereignis erfolgen sollte. Im fortgeschrittenen Leben­salter richtet sich die Versorgung nach den o. g. Kriterien. Bei geringer Fehlstellung müssen die zur Verfügung stehenden Operations­verfahren patienten­individuell angewendet werden. Insbesondere bei grober Fehlstellung des Schenkel­halsbruches wird dann jedoch die Implantation einer Hüftprothese / Hemi­endo­prothese mit schneller Mobilisierbarkeit unter Vollbelastung empfohlen.

Behandlungsziel

Ziel jeder Behandlung eines Knochenbruches ist die Wiederherstellung der Funktionalität der verletzten Struktur des Körpers, um die Wieder­eingliederung in den Alltag zu ermöglichen. Wenngleich sich die Art der Versorgung von Knochenbrüchen vielfach an Leitlinien orientiert, ist eine individuelle Therapieentscheidung in jedem Einzelfall erforderlich.

Fotos: HEH

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