Artikel erschienen am 20.05.2015
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Lebensqualität

Von Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan, Königslutter am Elm

Was bedeutet eigentlich Lebensqualität? Für den einen, in einem Café in der Sonne zu sitzen, sich zu unterhalten, die Umgebung zu beobachten, für den anderen, unterschiedliche Länder und Kulturen zu erfahren, für den nächsten, einfach nur Zeit zu haben und vielleicht für einen schwer kranken Menschen, keine Schmerzen zu erleiden.

Lebensqualität ist offensichtlich ein komplexes Konstrukt: Neben materiellen und immateriellen Faktoren (Lebensstandard einerseits, Bildung, Beruf, sozialer Status, Gesundheit andererseits) werden subjektive, schwer messbare Aspekte (Glücksempfinden, Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, soziale Zugehörigkeit, Selbstverwirklichung) von objektiven Faktoren (identifizierte Grundbedürfnisse oder äußerlich betrachtete Lebensverhältnisse) unterschieden. Während sich die Sozialwissenschaften ursprünglich auf die sozialen und ökonomischen Inhalte der Lebensqualität konzentrierten, sind in den letzten Jahren deren subjektive Faktoren mehr und mehr in den Fokus der Forschung gerückt.

Der britische Ökonom Pigou war in den 1920er- Jahren der erste, der den Begriff in einer seiner Schriften verwendete. Im Jahr 1964 tauchte das Wort im Wahlkampf von Lyndon B. Johnson und seiner Rede zur Lage der Nation erneut auf. Inzwischen genießt es in der Politik einen hohen Stellenwert, insbesondere bei demokratischen Regierungen, wobei vor allem eine erhöhte Autonomie und Partizipation der Bevölkerung an Entscheidungen die Lebensqualität beträchtlich steigern soll. So ist es auch nicht verwunderlich, dass lt. Spiegel Online (08.2014) die vom Bürgerkrieg gezeichnete Metropole Damaskus die Stadt mit der geringsten Lebensqualität war.

In den 1980er-Jahren Jahren wurde der Begriff der Lebensqualität schließlich in der Medizin und Gesundheitsforschung relevant. Laut WHO wird die Lebensqualität als eine individuelle Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation im Kontext der jeweiligen Kultur und des jeweiligen Wertesystems und in Bezug auf die eigenen Ziele, Erwartungen, Beurteilungsmaßstäbe und Interessen definiert. Die individuelle Lebensqualität wird dabei durch die körperliche Gesundheit, den psychischen Zustand, den Grad der Unabhängigkeit, die sozialen Beziehungen sowie durch ökologische Umweltmerkmale beeinflusst (The WHOQOL-Group, 1994). Insbesondere die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde zu einem zentralen Forschungsthema in der Medizin und Psychologie. Dabei wird die Lebensqualität vor allem bei chronischen Erkrankungen, Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Störungen einschließlich demenzieller Erkrankungen untersucht. Bei der Beurteilung geht es nicht mehr allein um Heilung oder Lebensverlängerung, sondern vielmehr um das subjektive Erleben des Erkrankten unter Berücksichtigung körperlicher, emotionaler, mentaler, sozialer, spiritueller und verhaltensbezogener Aspekte des Wohlbefindens sowie seiner Funktionsfähigkeit. Dabei stellen sich immer wieder Fragen, ob Lebensqualität allgemeingültig objektivierbar und definierbar ist und inwiefern dynamischen Veränderungen, wenn z. B. bei schwer kranken Patienten im Verlauf auch Anpassungsprozesse zu beobachten sind, Rechnung getragen wird. Zu diesen Fragen existieren zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und testdiagnostische Beurteilungsverfahren. Die Ergebnisse sind dabei jedoch höchst unterschiedlich. Einigung besteht dennoch darüber, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität nur sinnvoll aus der subjektiven Sicht des Einzelnen erfasst werden kann.

In der modernen Medizin besteht das Ziel, die Lebenserwartung und Lebensqualität des Patienten trotz erheblicher wirtschaftlicher Zwänge zu verbessern. Es sollte hierbei nicht darum gehen, die individuelle Lebensqualität eines Einzelnen von außen zu definieren und zu bestimmen. Unsere Aufgabe sollte eher darin bestehen, den Patienten, vorausgesetzt, er ist zu einer freien Willensbildung fähig, über seine Erkrankung weitreichend aufzuklären und über medizinische Behandlungsmöglichkeiten bestmöglich zu informieren, damit er in die Lage versetzt werden kann, selbstbestimmt zu entscheiden, welche Maßnahmen seine Lebensqualität verbessern könnten. Die Aufrechterhaltung der Autonomie und Teilhabe an Entscheidungen scheint, wie schon im politischen Kontext erwähnt, eine wesentliche Voraussetzung für eine gesundheitsbezogene Lebensqualität zu sein.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass Lebensqualität für kranke Menschen etwas anderes bedeutet als für gesunde Menschen. Schon Aristoteles schrieb: „Wird er krank, so ist es die Gesundheit, und wenn er gesund geworden ist, ist es das Geld.“ Nicht jeder aus medizinischer Sicht gesunde Mensch fühlt sich auch gut. Lebensqualität wird also aus sehr verschiedenen individuellen Perspektiven, welche abhängig von der eigenen Wahrnehmung, persönlichen Werten und der bestehenden Situation sind, betrachtet und bewertet.

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