Artikel erschienen am 19.08.2019

Bedeutung des Muskelschwundes im Alter und in der Orthopädie

Von Prof. Dr. med. Karl-Dieter Heller, Braunschweig

Die Schwachstellen des alternden Körpers sind leicht zu definieren, es kommt zur Verschlechterung des Hörens, zur Verschlechterung des Sehens, die Knochen verlieren an Mineralien, die Bandscheiben an Elastizität, die Gelenke nutzen zunehmend ab und verändern sich degenerativ, die Muskeln verlieren an Masse und Spannkraft, im Bereich der unteren Extremitäten kommt es zur zunehmenden Krampfaderneigung.

Die Gleichgewichtsfähigkeit im Alter ist deutlich verändert, die sensorischen Eigenschaften, wie Sehen, Vibrationsempfinden, Gefühlswahrnehmung der Gelenkstellung und Nervenleitgeschwindigkeit sind rückläufig. Es kommt zu einer verzögerten Antwort der Muskulatur, Reflexe schwächen ab, die Kraft ist vermindert. Die Mobilität hat im Alter eine sehr hohe Relevanz.

Drei Punkte haben daher wesentliche Priorität, diese sind:

  • Gesundheit,
  • Lebensqualität und
  • Selbständigkeit.

Die Gesundheit hängt unmittelbar von der Bewegungskompetenz ab. Hierdurch lässt sich auch der Spruch ,,Wie geht’s?“ erklären. Ein klarer Fakt ist, wer Sport treibt, altert gesünder, dies ist auch in jeder Sprechstunde festzustellen. Patienten, die intensiv Sport betrieben haben, wirken jünger und dynamischer.

Wo liegen die Ursachen der nachlassenden, körperlichen Leistungsfähigkeit im Alter?

Es kommt zu einer biologischen Alterung, diese bedingt eine reduzierte körperliche Aktivität, hierzu gesellt sich dann häufig eine Multimorbidität im Sinne der Ent­stehung von zahlreichen Erkrankungen. Aus diesem Teufelskreis ergibt sich ein passiver Lebensstil. Dies alles zusammen führt zu einer zunehmenden Ver­meidungsstrategie, die im Nichtstun mündet. Viele ältere Patienten nehmen zusätzlich noch fünf oder mehr Medikamente ein, hierunter Schlafmittel, Antidepressiva und Neuroleptika, die das Sturzrisiko zudem noch deutlich erhöhen.

Im Zusammenhang mit einem Sturz kommt es zu einer Abwärtsspirale. Ursächlich hierfür ist ein Mobilitäts- und Kraftverlust, der Kraftverlust, insbesondere der Verlust der Schnelligkeitsfasern führt zu einem Sturz. Aufgrund des Sturzes besteht eine Angst vor weiteren Stürzen mit sinkendem Selbstvertrauen und dies führt zur Inaktivität und Rückzug.

Häufig erfolgt keine Anpassung des Wohn- und Lebensraumes, Feuchträume benötigen Toilettensitzerhöhungen, Haltegriffe und rutschfeste Badematten, die Beleuchtung ist häufig zu schwach, die Treppen haben oft nur einseitige Handläufe, in den Wohnungen findet man häufig Stolperfallen, wie Teppiche und ebenso sind die Höhen der Sitzgelegenheiten und des Bettes zu kritisieren.

Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Muskel­masse und Alter. Ohne Training reduziert sich die Muskelmasse bereits ab dem 30. Lebensjahr, ab dem 55. Lebensjahr bereits deutlich schneller. Ab dem 70. Lebensjahr ist somit ohne Dazutun 40 % der Muskelmasse verloren, folglich resultieren Kraftverlust, Ausdauerverlust und es kommt zu einer Verminderung der Schnellkraft. Häufig kommt es durch die Einschränkung von Beweglichkeit, Koordination und Balancevermögen zu einer eingeschränkten Fortbewegungskompetenz und zu dem eben beschriebenen Sturzrisiko.

Aktivität und Bewegung sind von hoher Bedeutung insbesondere im Alter. Ein aktiver Lebensstil und geistige Herausforderungen fördern soziale Kontakte, die wiederum die seelische Gesundheit positiv beeinflussen und es kommt zu mehr Bewegung und mehr Kraft.

Die abnehmende Leistungsfähigkeit ist klar definiert, es kommt zu einem deutlichen Leistungsknick nach dem 3. Lebensjahrzehnt, hierdurch bedingt ist eine verlangsamte und verringerte Adaption, es kommt zu einer Reduktion der organischen Leistungsfähigkeit, dies betrifft sowohl Muskeln und Nerven als auch Herz und Lunge sowie den Haltungs- und Bewegungsapparat.

Wesentlich ist, dass dieser Leistungsknick durch Training bis zum 70. Lebensjahr verschoben werden kann. Ein gut trainierter Siebzigjähriger hat die gleiche Muskelmasse wie ein untrainierter Dreißigjähriger. Der gesunde Alte reagiert auf Reize genauso wie der gesunde Junge. Letztendlich ist jedoch seine Belastungsgrenze herabgesetzt.

Wichtig erscheint der Hinweis, dass Training einen wesentlichen Einfluss in jedem Lebensalter auf die Muskulatur haben kann, somit ist die Skelettmuskulatur in jedem Lebensalter trainierbar, gezieltes Training kann den Verlust an Muskulatur auch im hohem Alter aufhalten oder gar umkehren. Es kommt somit zu einem differenziellen Altern. Die einzig wirksame Methode, die körperliche Leistungsfähigkeit und Fortbewegungskompetenz zu erhalten, ist definitiv das körperliche Training.

Fakt ist, dass es definitiv zu einem altersabhängigen Verlust der Muskelmasse kommt. Dies nennt man in Fachkreisen auch Sarkopenie oder Muskelschwund. Diese Sarkopenie ist ein fortschreitendes Syndrom. Parameter, die man messen kann um hierüber Aufschluss zu bekommen, sind die Greifkraft, die Greifgeschwindigkeit, das statische Gleichgewicht und der Aufstehtest. Diese Tests können einfach durchgeführt werden. Hierzu gehören der Chair-Rising-Test, der Timed-up-and-go-Test (TUG) und der Geh- und Zähltest. Der Verlust der Muskelkraft führt definitiv zu einem Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit, die potenziellen Folgen hängen vom Stadium ab. Die abnehmende Muskelmasse bedingt eine abnehmende Muskelkraft. Somit kommt es zu einer Abnahme der Mobilität, dadurch wird die Beweglichkeit im Gesamten beeinträchtigt. Es kommt zu körperlichen Behinderungen und letztendlich zur Pflegeheimeinweisung. Die Patienten merken es daran, dass alltägliche Tätigkeiten wie Gehen, Treppensteigen oder das Aufstehen aus dem Bett oder von Stühlen schwieriger werden. Hier gilt es, früh entgegenzusteuern.

Wo liegen die Vorteile des Trainings?

Muskeltraining erhält bzw. steigert den endogenen Sexualhormonspiegel. Psyche und Befindlichkeit werden hierdurch positiv beeinflusst. Ein ausreichendes Kraftniveau ist definitiv Voraussetzung für Selbständigkeit. Das Besondere ist, dass die Verringerung der Muskulatur insbesondere die Typ-2-Fasern betrifft, die für die Schnelligkeit verantwortlich sind und gerade diese Schnellkraft ist wichtig für die Sturzprophylaxe.

Therapeutisch können neben Krafttraining, Koordinationsschulung oder ähnlichem, gezielte Trainingsaktivitäten durchgeführt werden, hierfür sollen muskuläre Aktivitäten in Alltagsaktivitäten integriert werden. Rolltreppen, Aufzüge und Rollbänder sollten vermieden werden, kurze Wegstrecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad statt mit dem PKW zurückgelegt werden. Es sollten motorisch anspruchsvolle Hobbys ausgeführt werden, wie z. B. Wandern, Schwimmen, Tanzen und Gartenarbeit, soweit möglich sollte auf technische Hilfsmittel verzichtet werden.

Die Trainierbarkeit der Schnelligkeit hat eine hohe Bedeutung. Der Rückgang der Schnelligkeit ist im Alter auf mangelndes Training zurückzuführen, auch die Schnelligkeit ist trainierbar. Die Reaktionszeit von Alterssportlern ist durchweg kürzer als die von altersgleichen Nichtsportlern. Ältere Männer haben kürzere Reaktionszeiten als ältere Frauen. Durch einfache Übungen können Altersunterschiede bis zum 70. Lebensjahr trainiert und kompensiert werden.

Die Koordination mindert sich kontinuierlich ab dem 40. Lebensjahr. Die nachlassende Koordination äußert sich durch falsche Reaktionen auf eine unerwartete neue Situation, so z. B. im Rahmen eines Sturzes. Geeignetes Training verbessert die Koordination, die Bewegungsgenauigkeit und die Ökonomie der Bewegungen auch im höheren Alter.

Im hohen Alter ist die Bewegungskoordination gekennzeichnet durch die Abnahme des Bewegungstempos, die Verringerung der Fähigkeit zur Kombination von Bewegungen und ein Nachlassen der Ausführungsqualität motorischer Handlungen.

Ein optimal gestaltetes Übungsprogramm sollte bestehen aus 60% Ausdauertraining, 30% Schulung von Beweglichkeit und Gewandtheit und 10% Kraftausdauertraining. Eine intensive sportliche Betätigung ist, wenn Kontinuität gewahrt wird, kardiologisch unbedenklich. Die Belastungsgrenze beim Anfänger liegt für den Höchstpuls bei 180 minus Lebensalter. Es sollte 3 x pro Woche 45 Minuten Ausdauertraining durchgeführt werden, dies hat den größten gesundheitlichen Effekt. Krafttraining sollte ohne Pressatmung durchgeführt werden, Muskelaufbau über ein Gymnastikprogramm. Bei Beweglichkeitstraining von Knie-, Hüfte- und Schulter sowie Wirbelsäule sollten 3x täglich 15 Wiederholungen durchgeführt werden. Das Koordinationstraining kann durch Spiele durchgeführt werden, auch Tanzen ist hier von hoher Bedeutung.

Geeignete Sportarten im Alter sind insbesondere Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen und Skilanglauf, eingeschränkt Gymnastik, Low-Impact Aerobic, Steppaerobic und Bergwandern. Sicherlich ungeeignet sind Fußball und Squash ebenso wie Ski Alpin, Tennis, Kampfsportarten sowie intensives Joggen.

Grundsätzlich lässt sich aber sagen, es gibt keine gänzlich ungeeigneten Sportarten im Alterssport. Der Wettkampfcharakter sollte im Hintergrund stehen, die Empfehlungen richten sich nach individueller Leistungsfähigkeit und den Motiven des Sporttreibenden.

Betrachtet man die sportliche Aktivität, so sind die über 80-jährigen Männer und Frauen nur noch zu 15 – 18 % mehr als 2 Stunden pro Wochen aktiv. Eine Studie aus dem Jahr 2004 an hawaiianischen Männern japanischen Ursprungs belegt ganz klar, dass durch sportliche Aktivität die Demenzrate reduziert werden kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es mit zunehmendem Alter zu einem Rückgang aller psycho-physischen Leistungsfaktoren kommt. Der Leistungsrückgang betrifft die Schnelligkeit, die Schnellkraft und die Beweglich­keit. Der Rückgang der Leistungs­fähigkeit der motorischen Komponenten lässt sich durch ge­eig­­netes Training verzögern. Trainierbarkeit bleibt in allen Altersstufen erhalten, nimmt aber ab. Trainierte sind Untrainierten in allen Altersstufen überlegen. Training hat einen sehr großen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit des menschlichen Organismus.

Bild: Fotolia/Lev Dolgachov

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