rTMS
Moderne Magnetstimulation bei Depression
Von Dr. med. Catharina Meissner-Otte, Königslutter
Foto: Adobe Stock/ peterschreiber.media
Was ist rTMS?
Die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ist ein medizinisches Verfahren, bei dem Magnetimpulse eingesetzt werden, um die Aktivität bestimmter Hirnregionen zu beeinflussen und dadurch psychische oder neurologische Symptome zu verbessern. Repetitiv bedeutet wiederholend, transkraniell durch den Schädel hindurch. Dabei wird von außen eine Magnetspule auf den Kopf gesetzt und die Magnetimpulse dringen durch den Schädelknochen wenige Zentimeter in das Gehirn ein. Die Methode ist zumeist schmerzfrei und wird weltweit erfolgreich eingesetzt.
Besonders bekannt ist rTMS als Behandlungsmöglichkeit bei Depressionen, insbesondere wenn herkömmliche Therapien wie Medikamente oder Psychotherapie nicht ausreichend wirksam waren. Doch das Anwendungsgebiet wächst stetig. Auch bei Angststörungen, Zwangsstörungen, Tinnitus, Migräne und chronischen Schmerzen wird rTMS zunehmend erforscht.
Wie funktioniert rTMS?
Magnetimpulse beeinflussen elektrische Aktivität des Gehirns:
Das menschliche Gehirn arbeitet mit elektrischen Signalen. Die rTMS nutzt Magnetimpulse, die in Millisekunden kurze elektrische Ströme in den darunterliegenden Hirnzellen auslösen. Diese Ströme aktivieren oder hemmen Nervenzellen und können so gestörte Netzwerke wieder ins Gleichgewicht bringen.
Gezielte Wirkung auf relevante Hirnareale: Anders als Medikamente, die im ganzen Körper wirken, kann rTMS bestimmte Bereiche modulieren. Viele psychische Störungen sind mit veränderten Aktivitätsmustern im Gehirn verbunden. Bei Depressionen ist beispielsweise der sogenannte dorsolaterale präfrontale Cortex (DLPFC) oft unteraktiv, eine Region, die wichtige Funktionen für Motivation, Gefühlsregulation und Entscheidungsprozesse steuert. rTMS kann diese Region gezielt stimulieren und damit depressive Symptome reduzieren.
Langfristige Veränderungen (Neuroplastizität):
Die wiederholte Anwendung von Magnetimpulsen führt zu dauerhaften Anpassungen der neuronalen Verbindungen („Neuroplastizität“). Dadurch können Verbesserungen langfristig anhalten, auch nach Ende der Behandlung.
Depression als wichtigste und leitliniengestützte Hauptindikation der rTMS
Die häufigste und wissenschaftlich am besten abgesicherte Anwendung der rTMS ist die Behandlung von mittelgradigen bis schweren Depressionen, insbesondere wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichend geholfen haben. Aus diesem Grund gilt die Depression heute als Hauptindikation der rTMS. Auch in der aktuellen deutschen S3-Leitlinie zur Behandlung der unipolaren Depression wird rTMS ausdrücklich als mögliche Therapieoption empfohlen – vor allem bei Patientinnen und Patienten, die auf mindestens zwei Antidepressiva nicht ausreichend angesprochen haben oder diese nicht vertragen. Die Leitlinie stellt klar, dass rTMS zu den nicht-medikamentösen Verfahren zählt, deren Wirksamkeit durch zahlreiche kontrollierte Studien belegt ist und die daher als evidenzbasierte Ergänzung oder Alternative zur Pharmakotherapie und Psychotherapie eingesetzt werden können.
Wie läuft eine rTMS-Behandlung ab?
Bevor mit der Behandlung begonnen werden kann, sind einige Voruntersuchungen notwendig. In einem Anamnesegespräch wird zunächst der Bedarf erörtert und auf ein Vorliegen von Ausschlusskriterien untersucht. Zudem erfolgt eine neurologisch-psychiatrische Untersuchung. Häufig findet zudem eine Untersuchung mit dem bildgebenden Verfahren der Magnetresonanztomografie (MRT) und einem Elektroenzephalogramm (EEG) statt.
Vor oder am ersten Behandlungstag findet die Bestimmung der Stimulationsintensität statt. Dazu wird das Bewegungsareal im Gehirn mit einzelnen Pulsen stimuliert. Entstehende Muskelzuckungen können durch Elektroden, die an der entsprechenden Gliedmaße (z.B. am Kleinfinger) angebracht werden, aufgezeichnet werden. Die eigentliche Behandlung findet täglich werktags statt (also insgesamt 5 mal pro Woche) und erfolgt in einem Zeitraum von zumeist mehreren Wochen. Die Mehrheit spricht auf die Behandlung nach 2-3 Wochen an. Bei Teilansprechen und guter Verträglichkeit kann der Behandlungszeitraum auf bis zu 6 Wochen erweitert werden. Gleichzeitig zur Behandlung mit der rTMS ist eine psychotherapeutische Behandlung weiterhin sinnvoll. Jede Behandlungssitzung dauert wenige Minuten, abhängig vom verwendeten Protokoll. Es ist damit zu rechnen, dass sich die Behandlungswirkung über die Behandlungstage akkumuliert.
Während der Sitzung sitzt man entspannt im Behandlungsstuhl. Es sind laute Klopfgeräusche zu hören, weshalb ein Gehörschutz getragen werden sollte.
Nach der Sitzung bestehen keine Einschränkungen. In der Regel ist man verkehrstüchtig. Gelegentlich können leichte Nebenwirkungen auftreten (s.u.).
Wirksamkeit: Was sagt die Forschung?
Viele Patientinnen und Patienten erleben bei einer rTMS-Behandlung bereits nach ein bis zwei Wochen erste positive Veränderungen, etwa besseren Schlaf, weniger Grübeln oder eine leichte Stimmungsaufhellung. Diese frühen Effekte bauen sich mit fortlaufenden Sitzungen zunehmend auf. Außerdem können die erzielten Verbesserungen über Monate anhalten, besonders wenn die Behandlung vollständig abgeschlossen wurde und bei Bedarf gelegentliche Auffrischungssitzungen („Booster“) stattfinden. Auch die Kombinationen mit Psychotherapie und einer antidepressiv wirksamen Medikation haben positive Auswirkungen auf die Wirksamkeit.
Sicherheit, Risiken und mögliche Nebenwirkungen
rTMS wird seit Jahrzehnten erforscht und gilt bei richtiger Anwendung als sicher und gut verträglich. Schwere Nebenwirkungen sind äußerst selten. Zu den häufigeren, leichten Nebenwirkungen zählen Kopfschmerzen, Kopfhautirritationen und Müdigkeit. Diese Beschwerden verschwinden meist rasch wieder. Ein seltenes Risiko (weniger als 0,1% laut einer veröffentlichten Studie von Rossi et al., 2009) ist das Auftreten von Krampfanfällen. Krampfanfälle sind extrem selten und treten fast ausschließlich bei Nichteinhaltung der Sicherheitsregeln auf.
rTMS ist nicht für alle gleich gut geeignet. Beispielsweise bei Metallimplantaten im Kopfbereich, Epilepsie sowie Herzschrittmachern, Defibrillatoren und Cochlea-Implantaten ist die Durchführung von rTMS zumeist nicht möglich.
Was sollten Patientinnen und Patienten tun, wenn sie denken, dass sie rTMS benötigen?
Wenn Betroffene das Gefühl haben, dass rTMS für sie hilfreich sein könnte – etwa, weil Medikamente nicht ausreichend wirken oder starke Nebenwirkungen verursachen – sollten sie zunächst ein Gespräch mit ihrer Hausärztin / ihrem Hausarzt, ihrer Psychiaterin / ihrem Psychiater oder ihrer Psychotherapeutin / ihrem Psychotherapeuten führen. Diese können einschätzen, ob die Diagnose, die bisherige Behandlung und die Symptomgeschichte auf eine mögliche therapieresistente Depression oder eine andere Störung hinweisen, für die rTMS infrage kommt. Anschließend empfiehlt sich ein Termin in einer spezialisierten rTMS-Praxis oder -Klinik, wo eine ausführliche Anamnese, eine individuelle Beratung und gegebenenfalls eine medizinische Untersuchung erfolgen. Dort wird gemeinsam geklärt, ob rTMS geeignet ist, welches Stimulationsprotokoll sinnvoll wäre und wie ein persönlicher Behandlungsplan aussehen kann.
Fazit
Die repetitive transkranielle Magnetstimulation ist eine moderne, sichere und wissenschaftlich fundierte Behandlungsmethode, die vor allem bei Depressionen, aber auch bei anderen psychischen und neurologischen Erkrankungen helfen kann. Sie stellt eine echte Alternative für Menschen dar, die auf Medikamente oder Psychotherapie nicht ausreichend ansprechen oder diese nicht vertragen.
Dank guter Verträglichkeit, kurzen Behandlungszeiten und langfristiger Wirksamkeit ist rTMS ein bedeutender Baustein in der heutigen psychischen Gesundheitsversorgung.
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