Zukunftsszenarien der Zahnarztpraxen
Von Dr. Med. Dent. Conrad Raschke, Braunschweig | PD Dr. med. Dr. med. dent. Eduard Keese, Braunschweig
Foto: Adobe Stock/ Formoney
Die Zahl der Zahnärztinnen und Zahnärzte geht auch in unserer Region Braunschweig-Wolfsburg spürbar zurück. Personalmangel, steigende Kosten und zunehmender Zeitdruck erfordern effiziente Arbeitsabläufe und eine stärkere Spezialisierung.
Sie kennen vielleicht die Situation: Sie suchen einen neuen Hausarzt oder benötigen dringend einen Termin beim Augenarzt. Versuche über Empfehlungen oder Internetrecherche fündig zu werden, scheitern häufig oder führen zumindest zu langen Wartezeiten. Ähnlich erleben es heute immer mehr Patientinnen und Patienten in unserer Region beim Zahnarzt: Neuaufnahmestopp oder lange Wartezeiten, insbesondere dann, wenn man gezielt zu dem Zahnarzt seiner Wahl gehen möchte.
Tatsächlich ist die Zahl der Zahnarztpraxen in Deutschland seit Jahren rückläufig: Zwischen 2013 und 2023 sank die Gesamtzahl von rund 44.000 auf etwa 38.000 Praxen. Bis 2030 wird ein weiterer Rückgang auf ungefähr 30.000 erwartet. Gründe hierfür sind zunehmende Bürokratie, massiv steigende Kosten, Personalmangel oder, dass sich schlicht kein Nachfolger findet.
Besonders betroffen sind klassische Einzelpraxen, während gleichzeitig die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) wächst. Dabei unterscheidet man zwischen MVZ in zahnärztlicher Hand und sogenannten Investoren-MVZ. Letztere stehen zunehmend in der Kritik, weil wirtschaftliche Interessen möglicherweise stärker im Vordergrund stehen als eine langfristige, patientenorientierte Versorgung.
Hoffnung macht die Tatsache, dass die Zahl der Auszubildenden im Beruf der Zahnmedizinischen Fachangestellten in Niedersachsen wieder steigt. Dies sichert mittelfristig den Nachwuchs für Praxisteams und trägt zur Stabilität der Versorgung bei.
Spezialisierung als Antwort auf medizinischen Fortschritt und Kostendruck
Der Rückgang an Zahnarztpraxen führt zu einem Unterangebot an Behandlern. Dies hat zur Folge, dass Behandlungen noch effizienter gestaltet werden müssen, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden.
Zugleich hat sich die Zahnmedizin in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt: KI-gestützte Auswertungen von Röntgenbildern, digitale Abdrücke statt schmerzhafter Abformlöffel oder der 3D-Druck von Zahnkronen direkt in der Praxis. Auch die Ansprüche der Patientinnen und Patienten sind gestiegen – wer möchte heute noch eine herausnehmbare Prothese haben?
Gerade kleinere Einzelpraxen konzentrieren sich häufig auf ein oder zwei Schwerpunkte und kooperieren für andere Behandlungsbereiche mit individuell passenden Partnern. Je nach Patientenfall können Spezialisten für Endodontologie (Wurzelkanalbehandlungen), Parodontologie, Implantologie, Kieferorthopädie oder Kieferchirurgie für die Behandlung hinzugezogen werden.
Diese Spezialisierungen ermöglichen es, dass Experten ihr Wissen gezielt einbringen und komplexe Behandlungen optimal geplant werden. Jeder der beteiligten Behandler übernimmt den Teil, den er am besten beherrscht. Kosten lassen sich so reduzieren und Zeitengpässe besser bewältigen.
Digitale Vernetzung als Schlüssel zur Zusammenarbeit
Besonders entscheidend ist dabei die Vernetzung der Behandler, um eine moderne, virtuelle Zusammenarbeit zu ermöglichen. Die Kommunikation zwischen Zahnarzt, Kieferorthopäde, Dentallabor und Kieferchirurg hat sich im digitalen Zeitalter grundlegend verändert.
Statt Papierakten, Telefonabsprachen und klassischen Abdrücken läuft heute ein Großteil der Kommunikation über digitale Workflows. Die beteiligten Behandler können über Cloud-Lösungen auf dieselben Patientendaten zugreifen, Behandlungspläne teilen und ihre Expertise direkt einbringen.
Ergänzend dazu findet der persönliche Austausch in unserer Region zunehmend über Study Clubs oder Netzwerktreffen statt, bei denen Kolleginnen und Kollegen Erfahrungen, Innovationen und neue Verfahren diskutieren. Durch diese Kombination aus Spezialisierung, digitaler Datenübertragung und persönlicher Vernetzung profitieren Patientinnen und Patienten von effizienteren Abläufen, präziseren Ergebnissen und einer modernen, patientenorientierten Versorgung.

Beispiel Implantologie
Ein besonders anschauliches Beispiel für diese effiziente Zusammenarbeit zeigt sich in der zahnärztlichen Implantologie. Der Zahnarzt plant die Behandlung digital, lässt vom Labor das neue Lächeln virtuell designen und übermittelt alle Daten an den Kieferchirurgen. Dieser kann am Tag der Zahnentfernung das Implantat setzen, während ein zuvor angefertigtes Provisorium eingegliedert wird. Nach der Heilungsphase wird schließlich die definitive Krone durch den Zahnarzt eingesetzt.
Für den Patienten bedeutet dies: wenige Sitzungen, vorhersehbare Ergebnisse und hoher Komfort. Für die behandelnden Teams reduziert die digitale Planung den Aufwand, erleichtert Abstimmungen und ermöglicht eine zielgerichtete, patientenorientierte Versorgung.

Fazit
Die Zahnheilkunde befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel: Klassische Einzelpraxen nehmen ab, während Medizinische Versorgungszentren wachsen – mit unterschiedlichen Chancen und Risiken für die Patientenversorgung. Gleichzeitig spezialisieren sich immer mehr Zahnärzte, um komplexe Behandlungen effizient und hochwertig anbieten zu können und Versorgungssicherheit trotz Zeit- und Personalmangel zu gewährleisten.
Digitale Technologien und Cloud-Lösungen ermöglichen eine enge Vernetzung zwischen Zahnärzten, Zahntechnikern, Kieferchirurgen und weiteren Spezialisten. Auch wenn Termine knapper werden: Die Zahnarztlandschaft unserer Region wird zunehmend dynamisch und digital. Die Vernetzung spezialisierter Praxen steigert nachhaltig die Behandlungsqualität.
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