Artikel erschienen am 12.02.2026
E-Paper

Volkskrankheit Herzrhythmusstörungen

Moderne Diagnostik, individuelle Therapien

Von Prof. Dr. Hendrik Bonnemeier, Schildautal
Hendrik Bonnemeier
Prof. Dr. Hendrik Bonnemeier
Chefarzt der Klinik für innere Medizin und Kardiologie

Foto: Asklepios Kliniken

 

Die Elektrophysiologie und Rhythmologie ist ein sehr komplexes und herausforderndes Teilgebiet der Kardiologie, welches jahrelanges Training und ein hohes Maß an klinischer Erfahrung bedarf. Das Besondere ist die Vielfalt verschiedener Herzrhythmusstörungen an völlig unterschiedlichen Patientengruppen – ob weiblich oder männlich, jung oder alt, herzgesund oder herzkrank: Für jede Patientin und jeden Patienten gibt es spezifische und individuelle Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten.

Rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Herzrhythmusstörungen. Viele bemerken sie kaum, andere haben spürbare Symptome: Herzklopfen, Schwindel, Luftnot oder Ohnmachtsanfälle. Besonders häufig sind Vorhofflimmern, einzelne oder anhaltende Extraschläge und Aussetzer des Herzrhythmus. Das Risiko steigt mit dem Alter, aber auch junge Menschen können darunter leiden.

Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen – allerdings treten manche Rhythmusstörungen geschlechtsspezifisch häufiger auf.

Gutartig oder gefährlich? – Die Vielfalt der Herzrhythmusstörungen

Herzrhythmusstörungen lassen sich auf verschiedene Weisen einteilen. Zunächst nach der Geschwindigkeit – bei Tachykardien schlägt das Herz zu schnell, bei Bradykardien das Herz zu langsam. Nach der Herkunft – Vorhofrhythmusstörungen, wie z.B. Vorhofflimmern oder Vorhofflattern, entstehen in den Vorkammern, Kammerrhythmusstörungen, wie Kammerflimmern oder Kammertachykardien, entstehen in den Herzkammern und können lebensbedrohlich sein. Schließlich nach dem Herztakt – hier wird zwischen regelmäßigen und unregelmäßigen (z.B. Vorhofflimmern) Rhythmusstörungen unterschieden.

Warum das Herz aus dem Takt kommt

Ursachen gibt es viele – grob lassen sie sich in drei Gruppen einteilen: Für angeborene oder vererbbare Rhythmusstörungen sind genetische Veränderungen verantwortlich, welche häufig junge, sonst gesunde Menschen betreffen. Die häufigsten Herzrhythmusstörungen entstehen infolge von bestehenden Herzerkrankungen, zum Beispiel auf dem Boden einer koronaren Herzkrankheit (Herzinfarkt), eines Hochdruckherzens, einer Herzinsuffizienz, einer Herzmuskel- oder Herzklappenerkrankung. Vernarbung oder Verdickung des Herzmuskels kann die elektrische Erregungsleitung stören – das Herz schlägt unkoordiniert. Begleitende und akute internistische Ursachen wie Elektrolytstörungen, Medikamente, Schilddrüsenprobleme  oder  Schlafapnoe  können  Herzrhythmusstörungen auslösen oder verschlechtern. Besonders die schlafbezogenen Atemstörungen (Atemaussetzer in der Nacht) gelten als unterschätzter Risikofaktor.

Notfallsituationen – wenn jede Sekunde zählt

Manche Herzrhythmusstörungen können innerhalb von Sekunden lebensgefährlich werden. Kammerflimmern oder pulslose Kammertachykardien führen dazu, dass das Herz keinen wirksamen Schlag mehr ausführt – die Folge ist ein plötzlicher Herzstillstand. Hier zählt jede Sekunde: Reanimation und Defibrillation können Herzrhytmusstörungen beenden und somit Leben retten. In diesen Momenten entscheidet schnelle Erkennung und strukturierte Hilfe über Leben und Tod. Aber am wichtigsten ist: Viele dieser Situationen lassen sich heute verhindern – durch rechtzeitige Diagnostik und Therapie von Herzrhythmusstörungen.

Moderne Diagnostik – dem Herzrhythmus auf der Spur

Eine fachgerechte internistisch-/kardiologische Abklärung von Herzrhythmusstörungen ist essenziell, um zugrundeliegende funktionelle Ursachen einzugrenzen und strukturelle Herzerkrankungen zu diagnostizieren oder auszuschließen. Ziel ist es, die Ursache und Gefährdung des Patienten präzise zu bestimmen, um eine gezielte Therapie – medikamentös, interventionell oder durch die Implantation von kardialen Aggregaten – einzuleiten.

 

Foto: Asklepios Kliniken

Moderne Therapien – individuell und zielgerichtet

Die Behandlung richtet sich immer nach Ursache und Schweregrad der Rhythmusstörung. Bei der medikamentösen Therapie helfen Antiarrhythmika, den Herzrhythmus zu stabilisieren oder zu verlangsamen. Die Herzschrittmachertherapie sorgt bei langsamen Herzfrequenzen oder Ohnmachtsanfällen für einen stabilen Takt. Ein implantierbarer Defibrillator (ICD) erkennt und beendet lebensbedrohliche Rhythmusstörungen durch eine gezielte Schockabgabe. Beide Implantatsysteme werden auch als kardiale Resynchronisationstherapiesysteme zur Herzstärkung implantiert, welche das geschwächte Herz bei Herzinsuffizienz unterstützen. Unser Team in der Schildautal Klinik implantiert das gesamte Spektrum modernster kardialer Implantate: Von kabellosen Mikrostimulationskapseln, subkutanen Defibrillatoren bis hin zu unterschiedlichen komplexen Herzstärkungssystemen. Unsere besondere Expertise ist allerdings auch die Aufrüstung bereits bestehender Systeme und die operative Entfernung defekter oder überzähliger Aggregate und Elektroden.

Schnelle Herzrhythmusstörungen können in der Elektrophysiologischen Untersuchung (EPU) induziert und somit sicher diagnostiziert werden. Hier werden die elektrischen Leitungsbahnen des Herzens präzise vermessen und die Erregungsbildung 3-Dimensional dargestellt – oft der erste Schritt zu einer gezielten Katheterablation. Die Katheterablation von Herzrhythmusstörungen mit unterschiedlichen Energiequellen oder Kälteapplikation ist eine gängige minimalinvasive Methode, bei der über dünne feine steuerbare Herzkatheter gezielt die elektrischen Störquellen im Herzen verödet werden. In vielen Fällen kann so eine Herzrhythmusstörung in einem kurativen Ansatz behandelt werden.

Fazit

Herzrhythmusstörungen sind keine Seltenheit, aber sie sind leicht zu diagnostizieren und immer behandelbar – wenn man die Ursache erkennt: Das Herz hat seinen eigenen Takt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Takt zu verstehen, die zugrundeliegende Ursache zu diagnostizieren und zu behandeln – und ihn mit unseren modernen und innovativen Möglichkeiten wieder in Einklang zu bringen.

Ähnliche Artikel

Gesundheit

Wenn das Herz aus dem Takt gerät

Kardiale Resynchronisationstherapie (CRT) gibt den richtigen Rhythmus vor

Bei einer Herzinsuffizienz führt die zu schwache Pumpleistung des Herzens zu Stauungen bzw. Flüssigkeitsrückhaltungen im Körper. Blut wird deswegen nicht an die richtigen Stellen gepumpt. Rückstauungen zeigen sich durch eine zunehmende Atemlosigkeit und werden sichtbar durch hervortretende Halsvenen, ein „Rasseln“ der Lunge. Ursachen können etwa ein Herzinfarkt, eine Entzündung des Herzmuskels oder Herzrhythmusstörungen sein.

Hannover 2015/2016 | Dr. med. Christian Zellerhoff, Hannover

Gesundheit

Vorhofflimmern: Was tun?

Vorhofflimmern ist die häufigste Herzrhythmusstörung im Erwachsenenalter: Das Herz schlägt unregelmäßig und häufig mit einer hohen Pulsfrequenz. Daraus folgt eine Abnahme der Leistungsfähigkeit und die Gefahr einer Blutgerinnselbildung, die im schlimmsten Fall zum Schlaganfall führen kann. Jede therapeutische Überlegung fußt auf diesen beiden Erkenntnissen.

Hannover 2014 | Prof. Dr. med. Jürgen Tebbenjohanns, Hildesheim