Artikel erschienen am 17.02.2026
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Körpereigene Zahntransplantation

Von PD Dr. med. Dr. med. dent. Eduard Keese, Braunschweig | Dr. Med. Dent. Conrad Raschke, Braunschweig
Eduard Keese
PD Dr. med. Dr. med. dent. Eduard Keese
Facharzt für MKG-Chirurgie, Plastische Operationen

Foto: Praxis für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie

 

Die körpereigene Transplantation von Zähnen ist ein in der Zahnheilkunde etabliertes, aber wenig angewendetes Verfahren. In vielen Praxen ist es nicht bekannt, obwohl seit mehr als 70 Jahren mit etwa 100 Publikationen pro Jahr darüber berichtet wird (1). Durch die Anwendung von künstlichen Zahnwurzeln (Implantate) und durch die Möglichkeiten der Kieferorthopädie, Zähne räumlich zu bewegen, sind für die Zahntransplantation einige Anwendungen nicht mehr aktuell.

Jedoch sind folgende Einsatzgebiete bei Kindern und Jugendlichen – also im wachsenden Kiefer – besonders hervorzuheben:

  • die Nichtanlage von Zähnen
  • der Zahnverlust durch Unfall.

Im Gegensatz zu Zahnimplantaten sind transplantierte Zähne an der Entwicklung des Kiefers aktiv beteiligt. Der Zahndurchbruch selbst aber auch die natürliche oder kieferorthopädisch unterstützte Zahnwanderung entwickelt bzw. bildet und formt den Kiefer entscheidend. Künstliche Zahnimplantate nehmen dagegen am Wachstum nicht teil, sodass solche Anwendungen erst im Erwachsenenalter in Betracht kommen. Sollte der Zahnverlust dann schon sehr lange bestehen, sind häufig kieferaufbauende Maßnahmen erforderlich. Bei Zahntransplantaten können solche Maßnahmen in der Regel vermieden werden.

Nichtanlage von Zähnen

Diese Erkrankungen sind selten- kommen aber familiär gehäuft vor. Im vorliegenden Fall waren im Oberkiefer insgesamt die 4 Prämolare (kleine Backenzähne) nicht angelegt (Abb. 1a, 1b) Durch Zusammenarbeit mit der Kieferorthopädie konnten die Lücken soweit vorbereitet werden, dass jeweils ein Zahn aus dem Unterkiefer zum Oberkiefer transplantiert wurde. Die Patientin war zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt. Damit die transplantierten Zähne ihr Leben behalten, ist der richtige Zeitpunkt entscheidend. Die Wurzeln sollten mehr als 50% ihrer endgültigen Länge haben und sich noch im Wachstum befinden. Unter diesen Voraussetzungen gelingt es in mehr als 85% der Fälle2, dass die transplantierten Zähne Gefäß und Nervversorgung erhalten. Die Zahnreihen konnten hier im weiteren Verlauf geschlossen werden. Die Zähne haben sich nach der Transplantation normal weiterentwickelt und sind seit 10 Jahren beschwerdefrei.

 

 

Foto: Praxis für Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgie

 

Abb. 1a: Röntgenverlauf:

  • Oben: Im Oberkiefer sind insgesamt die 4 Prämolare (kleine Backenzähne) nicht angelegt (Pfeile).
  • Mitte: Transplantation vom Unterkiefer zum Oberkiefer 3 Monate später dann auf der anderen Seite.
  • Unten: 2 Jahre später: Die transplantierten Zähne haben sich normal weiterentwickelt.

 

Foto: Praxis für Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgie

 

Abb. 1b: Klinischer Verlauf – KFO-Behandlung Dr. Miersch

  • Oben links: Ausgangsbefund: Wechselgebiss mit Nichtanlagen und verbliebenen Milchzähnen (MZ).
  • Oben rechts: Ein Zahn wurde schon transplantiert (>) und kieferorthopädisch eingeordnet. Die Lücke für das zweite Zahntransplantat wurde vorbereitet.
  • Unten links: Nach Zahntransplantation
  • Unten rechts: Endergebnis

 

Zahnverlust durch Unfall

Die folgende Patientin hatte im Alter von 11 Jahren einen Schlag auf den oberen Schneidezahn erhalten. Trotz aller Erhaltungsversuche in der Zahnarztpraxis zeichnete sich durch die fortlaufenden Entzündungen ab, dass der Zahn nicht zu erhalten war. Die Zahntransplantation wurde empfohlen, zumal die Zähne im Oberkiefer sehr eng standen und wegen des Platzmangels möglicherweise im Verlauf der kieferorthopädischen Behandlung ohnehin die Entfernung eines Prämolaren empfohlen worden wäre. In diesem Fall wurde der Eingriff in Vollnarkose durchgeführt.

 

Foto: Praxis für Mund-, Kiefer-, und Gesichtschirurgie

Abb.2: Unfallbedingter Verlust des Schneidezahns im Oberkiefer rechts

  • Oben links: Der geschädigte Zahn (>) konnte nicht erhalten werden.
  • Unten links: Der verpflanze Zahn (>) ist eingewachsen – der Kiefer hat sich normal entwickelt.
  • Oben rechts: Ergebnis 6 Jahre später nach entsprechender zahnärztlicher Korrektur (Aufbau der Schneidekannte durch Kunststofffüllung) und Abschluss der Kieferorthopädie.
  • Unten rechts: Röntgenbild nach der Transplantation, es wurde ein weiterer Zahn im Oberkiefer zum Ausgleich des Bisses entfernt.

 

Der Ablauf einer Zahntransplantation:

  1. Vorbereitung: Eine gründliche Untersuchung und die gemeinsame Planung (Chirurgie, Zahnarztpraxis und Kieferorthopädie) ist zwingend erforderlich, da häufig mehrere Optionen bestehen und in einigen Fällen entsprechende Vorbehandlungen zu leisten sind.
  2. 3D- Planung: Mithilfe von 3D-Röntgenbildern kann ein Modell des Spenderzahns erstellt werden, was die operative Bildung eines Transplantatlagers vereinfacht. In früheren Jahren wurde hierzu der Spenderzahn selbst genutzt, was somit vermieden werden kann. Damit verbunden ist eine größere Schonung des Spenderzahns und eine Verkürzung der OP-Zeit.
  3. Entnahme und Einsetzen: Zuerst wird das Lager vorbereitet, also mit einem Bohrer ein passendes Zahnfach präpariert. Anschließend wird der Spenderzahn vorsichtig aus seiner Position entfernt und in die Zielregion eingesetzt.
  4. Fixierung: In einigen Fällen ist eine Fixierung des Zahns für 10 – 12 Tage am Nachbarzahn notwendig. In vielen Fällen genügt eine Befestigungsnaht.
    5. Einheilung und Kontrolle: Es folgt eine Heilungsphase, in der der Zahn einwächst. Röntgenbilder stellen sicher, dass die Regeneration optimal verläuft.

Voraussetzungen und Einschränkungen:

  • Ideales Alter: Die besten Ergebnisse lassen sich bei Jugendlichen erzielen, deren Zahnwurzelwachstum noch nicht abgeschlossen ist. Hier liegt die Erfolgsprognose, dass der Zahn nicht nur einwächst, sondern auch lebendig bleibt, bei mehr als 85%. (2)
  • Gesunder Spenderzahn: Ein geeigneter Spenderzahn muss vorhanden sein.
  • Gesunde Mundgesundheit: Wie bei fast allen zahnärztlich-chirurgischen Eingriffen müssen Patienten frei von schweren Infektionen und Parodontalerkrankungen sein.
  • Alternativen: Bei älteren Patienten oder ungünstigen Bedingungen sind Zahnimplantate die besser geeignete Alternative.

Fazit

Die Zahntransplantation ist eine biologische und gewebeschonende und sogar gewebeaufbauende Alternative zum herkömmlichen Zahnersatz, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Im ausgewachsenen Kiefer sind eher Zahnimplantate die geeignete Methode der Wahl.

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