Gemeinsam gegen chronische Schmerzen
Teamarbeit aus Medizin, Bewegung und Psychologie – für mehr Lebensqualität trotz Beschwerden
Von Dr. med. Jan Schulz, WolfsburgOberarzt der Klinik für Anästhesie, Leiter der stationären Schmerztherapie, Facharzt für Anästhesiologie

Foto: Adobe Stock/ My Ocean studio
„Mit den Schmerzen muss ich wohl leben.“
Dieser Satz ist von Betroffenen mit chronischen Schmerzen häufig zu hören. Doch es gibt Wege, die Beschwerden besser zu bewältigen und die Lebensqualität zurückzugewinnen. Eine besonders wirksame Möglichkeit ist die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) – ein Konzept, das verschiedene Fachrichtungen und Methoden miteinander verbindet.
Was bedeutet „interdisziplinär“ und „multimodal“?
Die Begriffe klingen kompliziert, sind aber leicht erklärt: „Interdisziplinär“ heißt, dass unterschiedliche Fachleute zusammenarbeiten – Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Pflegekräfte und weitere Berufsgruppen. „Multimodal“ bedeutet, dass verschiedene Therapieformen kombiniert werden. Denn Schmerzen betreffen nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche und das soziale Leben. Genau hier setzt die IMST an: Sie betrachtet den Menschen ganzheitlich.
Stationär versus ambulant – aktuelle Praxis
Bundesweit – und auch in Niedersachsen – wird die IMST häufiger stationär durchgeführt als ambulant. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von der intensiven, zusammenhängenden Behandlung im Krankenhaus. Ambulante Angebote bestehen ebenfalls, sind aber weniger verbreitet und nicht für alle geeignet.
Stationäre IMST – Ablauf und Inhalte
Ein Aufenthalt dauert meist einige Tage bis wenige Wochen. Der Tagesplan ist klar strukturiert und umfasst verschiedene Bausteine:
- Medizinische Maßnahmen, etwa die Anpassung von Medikamenten oder spezielle Verfahren.
- Bewegungstherapie, die Kraft und Beweglichkeit fördert.
- Psychologische Begleitung, um mit Belastungen und Stress besser umzugehen.
- Patientenschulungen, die Wissen vermitteln und zur Selbsthilfe befähigen.
Die Gesamtleitung und Koordination der Behandlung liegt bei einem Arzt mit der Zusatzqualifikation „Spezielle Schmerztherapie“. Entscheidend ist jedoch die Teamarbeit. Erst durch das multiprofessionelle Zusammenwirken entsteht der besondere Mehrwert dieser Therapie. Dies macht die IMST zu einem umfassenden Konzept, das weit über Einzelmaßnahmen hinausgeht.
Kennzeichen der stationären Form
- Intensität: tägliche, engmaschige Betreuung und Aktivierung.
- Ganzheitlichkeit: Verschiedene Maßnahmen greifen ineinander.
- Gemeinschaft: Der Austausch mit anderen Betroffenen stärkt Motivation und Verständnis.
Indikation und Rahmenbedingungen
Vor Beginn einer stationären IMST wird die Indikation sorgfältig geprüft. Sowohl der einweisende Arzt als auch die Klinik stellen sicher, dass die Therapie geeignet ist. Für die Aufnahme ist eine Einweisung zur Krankenhausbehandlung erforderlich. Privatpatienten klären eine solche intensive Behandlung in der Regel vorab mit ihrer Krankenkasse.
Für wen ist die stationäre IMST geeignet?
Vor allem für Menschen mit chronischen Schmerzen, die ambulant nicht ausreichend profitieren, oder für Patientinnen und Patienten mit komplexen Krankheitsbildern. Die stationäre IMST bietet ihnen die Chance, neue Strategien zu entwickeln und den Teufelskreis chronischer Schmerzen zu durchbrechen.
Erfahrung aus der Praxis
Ein multiprofessionelles Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften arbeitet in einem zweiwöchigen Zeitraum intensiv mit der Patientengruppe. Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass insbesondere die koordinierte Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen für den Behandlungserfolg von Bedeutung ist.
Fazit: Chancen und Perspektiven
Die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie hat sich als eine der wirksamsten Behandlungsformen bei chronischen Schmerzen etabliert. Ihre Effektivität wurde in zahlreichen Untersuchungen bestätigt. Sie verspricht keine vollständige Schmerzfreiheit, eröffnet aber die Möglichkeit, Schmerzen besser zu verstehen, aktiv zu bewältigen und die Lebensqualität deutlich zu steigern. Für viele Betroffene ist sie ein wichtiger Schritt hin zu mehr Selbstbestimmung und Lebensfreude.
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