Artikel erschienen am 03.05.2023
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Zellregeneration kann die Lebensqualität verbessern

Von Felix Grospietsch, Braunschweig

„Warum?“, fragte dieser. „Weil mein Körper heute nicht mehr so kann, wie ich will. Mit 50 gab ich das Tennis spielen auf, weil die Knie es nicht mehr mitmachten. Ich fing das Golfen an. Aber mein Rücken streikt. Im letzten Urlaub hob ich die Koffer aus dem Auto, um sie vor dem Hotel abzustellen, plötzlich schoss mir ein stechender Schmerz in den Rücken! Die nächsten 2 Wochen lag ich nur im Bett und verpasste den Urlaub.“

Dieser Gesundheitsverlauf ist klassisch:

Je mehr uns das Berufs- und Familienleben einspannt, umso inaktiver werden wir. Ständiges Sitzen wird begleitet von schnell zubereitetem Essen und so wachsen mit zunehmendem Alter auch oft die Kleidergrößen. Sportwissenschaftler wissen:

Mit 30 haben wir das Maximum unserer biologischen Leistungskraft erreicht. Danach geht es steil bergab. Beim „Durchschnittsmenschen“ pro Jahrzehnt um etwa 15 %. Somit sind die meisten im jungen Alter von 60 nur noch „halbe Menschen“: halb so stark und doppelt so krankheitsanfällig. Dafür aber: deutlich schwerer als in jungen Jahren!

Einerseits ist die Medizin ein Segen für die Menschheit, weil wir etwa durch die Entdeckung des Penicillins (Dr. Alexander Flemming Nobelpreisträger 1945) kaum noch an Infektionskrankheiten sterben.

Andererseits ist sie oft eine ungünstige Alternative, weil bei nahezu allen „Industriekrankheiten“ von Rücken- und Gelenkleiden, über verkalkte Gefäße und Herzproblemen, bis hin zu Stoffwechselstörungen wie Diabetes, macht Medizin nicht gesund! Sie hilft nur, mit den Leiden besser zu leben.

Bevor der Mid-Ager zum Fitness-Coach ging, war er wegen seines Rückens beim Arzt. Nach Hause ging er mit einer Diclofenac-Salbe. Kurz wurden die Schmerzen weniger, verschwanden aber nicht. Im nächsten Termin gab es die „Spritze in den Rücken“. Inhalt: Cortison gegen die mögliche Entzündung und etwas gegen die Schmerzen. Wenngleich die Schmerzen etwas milder wurden, war der Mann unzufrieden! Hinzu kommt: Vor einem halben Jahr verschrieb ihm sein Kardiologe einen Cholesterinsenker. Seitdem ist er ständig müde und die Muskeln schmerzen! So hatte er sich die zweite Lebenshälfte nicht vorgestellt. Ein Freund lieferte dann den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: „Spritzen bei Rückenleiden führen im Ernstfall zur Querschnittslähmung!“. Der ehemalige Sportenthusiast hatte genug von Behandlungen, bei denen vor allem Symptome angepackt, aber die Ursachen nicht behoben wurden. Sie brachten ihm nur neue Risiken, machten ihn aber nicht lebendiger. Er spürte: Es muss eine neue Alternative her. Also ging er zum Fitness-Coach.

Warum eine aktive Lebensweise tatsächlich der Weg sein kann, um bis ins hohe Alter ohne Beschwerden und Nebenwirkungen das Leben zu genießen, erklären die bahnbrechenden Entdeckungen einer neuen Wissenschaft, der Epi-Genetik!

Doch Achtung:

Oftmals wird übersehen, warum Fitness-Programme sogar schaden können und damit verhindern das Leben voller Energie zu genießen. Wer alt werden möchte und sich dabei jung und lebendig fühlen will, muss wissen, worauf zu achten ist. Entscheidende Hintergründe inklusive konkreter Checklisten erscheinen nun erstmalig in „Gesundheit-Aktuell“.


Auswirkungen des Alterungsprozesses

Altersgeschwächte Zellen führen dazu, dass die Funktionen von Schlüsselorgane nachlassen. Dadurch sind sie ihren Aufgaben immer weniger gewachsen und der Organismus wird anfälliger für Krankheiten.

Beispiel Muskelzelle: Bewegen wir uns nicht oder nur wenig, schwächt der Muskel ab. Er verliert Leistungskraft, verbrennt weniger Körperfett und kann die Gelenke nicht mehr im gewohnten Umfang stabil halten.

Das begünstigt Übergewicht und Gelenk­leiden. Altern die Herzmuskelzellen, wird Sauerstoff kraftloser durch den Körper gepumpt – die Müdigkeit steigt, das Durchhaltevermögen sinkt. Verhärten die Ringmuskeln der Blutgefäße, entsteht Bluthochdruck. Die Gefahr von Gefäßverengungen oder gar -verstopfungen steigt. Ist ein lebenswichtiges Gefäß zum Herz betroffen, verengt sich der Brustkorb und ein Infarkt steht kurz bevor. Altern Hirnzellen, werden wir vergesslicher. Bauen Knochenzellen ab, wird das Skelett porös und bruchanfällig.

Diese üblichen „Volkskrankheiten“ machen uns das Leben schwer

Viele sind der Meinung: Diese Leiden gehören mit dem Alter dazu! Behandelt werden sie oft mit Medikamenten, die häufig schwerte Nebenwirkungen haben, jedoch oft nicht nicht heilen. Nicht selten helfen sie nur, die Leiden besser zu ertragen. Dabei lassen sich einige dieser „Industriekrankheiten“ vermeiden. Wir können in jedem Alter unsere Körperzellen wieder gesünder und ähnlich vital wie in jungen Jahren machen. Wie dieser Mechanismus unterstützt werden kann, zeigt die Checkliste am Ende des Artikels.

Wie wir altern, ist eine Frage der genetischen Veranlagung

Diese Meinung ist weit verbreitet. Und tatsächlich zeigt die Entschlüsselung des 1. Genetischen Codes: Vieles ist in unseren Genen veranlagt und festgeschrieben. So etwa das Geschlecht, die Augenfarbe und durchaus die Neigung zu bestimmten Krankheiten. Dadurch lassen sich viele zur Annahme hinreißen: Wir sind den Umständen hilflos ausgeliefert. Doch weit gefehlt, denn die Entdeckung des 2. Genetischen Codes offenbart: Gene steuern nicht nur unser Leben, sondern
sie werden auch gesteuert! Nämlich von unseren Umständen. Unser Verhalten: wie wir essen, uns bewegen und denken, prägt. Gut zu erkennen an eineiigen Zwillingspaaren: Kommen sie als genetisch identische Klone zur Welt, sind sie im Kindesalter nicht auseinander zu halten. Doch die unterschiedlichen Lebenswege prägen
die Zwillinge und so sehen sie im hohen Alter oft nur noch entfernt verwandt aus!

Die Erkenntnis, dass wir in weiten Teilen Einfluss darauf haben, wie wir altern, ist vielen Menschen nicht bewusst. Die Wissenschaft, die immer deutlicher aufzeigt, wie wir den Alterungsprozess entschleunigen können, heißt: Epi-Genetik. Tatsache ist: Wie wir uns bewegen, ernähren und sogar denken, beeinflusst maßgeblich das biologische Alter und die Vitalität unserer Zellen.

So funktioniert der Entschleunigungsprozess

Mit den Bausteinen der Nahrung bildet der Organismus permanent frisches Zellgewebe. Hierzu teilt sich die Mutterzelle und gibt ihr Erbgut an zwei neue,
lebendige Tochterzellen weiter. Leider lässt sich diese Erneuerung nicht unbegrenzt fortsetzten und mit dem Alter läuft die Zellteilung nicht mehr so reibungslos wie in der Jugend. Anfang der 1960er-Jahre hat das Leonard Hayflick heraus gefunden.

Er züchtete Bindegewebszellen in einer Petrischale und stellte fest: Jugendliche Zellen erneuern sich 100-150 mal, während die Zellen eines 70-jährigen sich nur noch 20-30 mal teilen. Somit war klar: die Alterung beeinflusst die genetische Lebensspanne einer Zelle. Die maximale Anzahl von Zellteilungen wurde nach seinem Entdecker benannt: die Hayflick-Grenze. Bis Mitte der 80er ging man davon aus: Ist die genetische Spanne einer Zelle erschöpft, stirbt sie. Doch ein Forscherteam um Elisabeth Blackburn entdeckte Schritt für Schritt, wie sich das Hayflick-Limit durchbrechen lässt. 2009 erhielt Blackburn hierfür den Medizin-Nobelpreis.

Wie funktioniert der Alterungsprozess?

Tief im Zellkern befinden sich die fadenförmigen Chromosomen. Sie enthalten den geheimnisvollen Lebens-Code, also alle exakten Erbinformationen. Bei jeder Zellteilung wird diese DNA weiter gegeben, damit frisches Zellgewebe entsteht. An den Endstücken der Chromosomen, sitzen wie die Schutzkappen am Ende eines Schnürsenkels die Telomere. In diesen Endkappen tickt die biologische Uhr, denn nur solange die Telomere noch lang genug sind teilt sich die Zelle noch und erneuert das Gewebe. Ein ungünstiger Lebenswandel lässt die Telomere bei jeder Zellteilung kürzer werden. Wenn diese Endkappen erst einmal vollkommen abgewetzt sind, teilt
sich die Zelle nicht mehr und stirbt. Das Ende der Zelle ist vergleichbar mit einem Schnürsenkel der seine Schutzkappe verliert, anfängt zu fasern und somit unbrauchbar wird.

Wie funktioniert der Verjüngungsprozess?

Die Entdeckung von Blackburn ist das Enzym Telomerase. Denn dies hält die Abnutzung der Telomere auf und kann sie teilweise rückgängig machen. Dadurch vergessen die Zellen quasi, wie oft sie sich schon geteilt haben und erneuern sich, über die Hayflick-Grenze hinaus, immer wieder neu. Zwar lässt uns das nicht ewig leben, aber wir bekommen ein paar schöne Lebensjahre dazu geschenkt.

Fünf entscheidenden Einflüsse, die die Telomere abwetzen und uns beschleunigt altern lassen:

  • Dauerstress und Schlafmangel
    Warum stirbt der Lachs? Weil er auf dem Rückweg zu seinem Geburtsort wochenlang gegen den Strom bergauf schwimmt. Ohne Rast und Ruhe steigt der Stresshormonspiegel permanent an. Das zerfrisst die Zellwände! Am Ziel angekommen, laicht er mit letzter Kraft ab und stirbt. Biologen sprechen vom programmierten Zelltot. Wie beim Lachs lassen uns Stress und Schlafmangel altern und wir werden anfälliger für Krankheiten.
  • „Industrienahrung“
    Wie werden Lebensmittel für das Supermarktregal vorbereitet? Vieles, was frisch ist, also lebt und Vitalität enthält, wird rausgezogen! Damit es länger haltbar ist und im Regal nicht schimmelt. Pflanzen wir einen Apfel in den Boden, entsteht aus dem Kern ein neuer Baum. Verbuddeln wir einen Apfelkuchen, passiert nichts. Das fehlende Leben im Essen, fehlt auch den Zellen. Das schwächt Abwehrkräfte, macht dick und kürzt die Telomere!
  • Hormonstörungen
    Medikamente, Umweltgifte und Alt-Macher-Hormone, wie Insulin oder Stress, bringen die richtige Mischung aus dem Gleichgewicht! Hormone, die uns jung, schlank und lebendig machen, werden immer stärker ausgebremst. Dafür sind altmachende Hormone immer mehr auf dem Vormarsch, die uns schwach, krank und dick machen!
  • Umweltgifte
    Wenn Sauerstoff aggressiv auf der Oberfläche von Eisen oxidiert, entsteht Rost, der selbst harten Stahl zerfressen kann. Schadstoffe, die wir durch die Umwelt, behandelte Lebensmittel oder z. B. Kosmetika aufnehmen, können unsere Zellwände auf ähnliche Art angreifen. Vor allem ein schlagkräftiges und starkes Immunsystem kann diese Angriffe neutralisieren und den Organismus entgiften.
  • Bewegungsmangel und Leistungssport
    Es hat einen Grund, warum gesagt wird: Sitzen ist das neue Rauchen. Wer sitzt, zieht wenig Sauerstoff in die Lunge. Den braucht jede Zelle, um lebendig zu sein. Bewegung zwingt uns, Sauerstoff zu tanken und belebt. Sitzen wir, schwächt der Muskel immer mehr. Bewegung fällt uns schwerer und somit machen wir es nicht gern. Ein Teufelskreis. Leistungssport ist das andere Extrem und stresst den Körper! Ist also auch ein Altmacher!

Biologische Verjüngung ist vergleichbar mit der Sanierung eines Altbaus

Zunächst werden von innen heraus das Fundament und die Grundmauern gestärkt, bevor die Fassade von außen abgedichtet und neu verputzt wird, um das Haus vor wiederholter Witterung zu schützen. Notwendig für die körpereigne Sanierung sind vor allem drei entscheidende Techniken:

Vitalisierender Sport

Der Herz und Muskeln kräftigt, den Körper elastisch und beweglich macht. Achtung: Im Sitzen Gewichte zu drücken und schieben, ist für die Verjüngung ungeeignet, weil die aufrechte Haltung nicht verbessert wird. Trainingseinheiten sollten kurz sein. Idealerweise unter 30 Minuten. Wer länger als 40 Minuten intensiven Sport treibt, häuft Stresshormone an. Die treiben die Alterung voran!

Genussvolles Essen

Denn strenge Diäten, die alles verbieten, scheitern. Wer sich quälen muss, wird es bald bleiben lassen. Essen muss schmecken und individuelle Vorlieben, die stattfinden sollten, denn nur, was wir gerne tun, behalten wir dauerhaft bei. Wichtig ist frisch, möglichst unverpackt zu essen. Die Zellen brauchen Vitalstoffe, sonst verhungern sie. Der wohl wichtigste Vitalstoff: Wasser. Ausgetrocknete Zellen sterben! Der Wasser-Vorteil: Um es auf Körpertemperatur aufzuwärmen, wird viel Energie verbraucht. Wassertrinken verbrennt also automatisch Kalorien.

Aktiv Erholen

Denn Stress ist der Jugend-Killer. Er lässt Telomere in Rekordzeit schrumpfen, erzeugt Fett am Bauch sowie inneren Organen und macht müde. Der einfachste Erholungstrick: Ausatmen, denn es gibt dem Organismus das automatische Signal zur Entspannung. Das reguliert Stresshormone herunter, entspannt die Muskeln und lässt uns erholsamer Schlafen. Wichtig: Unbedingt länger ausatmen als einatmen!

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