Artikel erschienen am 27.04.2023
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Der Klang der Welt

Von Steffi von Siegroth, Braunschweig

Alle Geräusche, ob Sprache, Musik oder Lärm, erzeugen Schallwellen. Diese werden vom Ohr aufgenommen, in Nervenimpulse umgewandelt und vom Gehirn ausgewertet.

Wesentlich komplexer, aber auch weniger erforscht ist das, was dann im Gehirn verarbeitet wird. Dort erfolgt eine Auswertung – wird das Hören verstärkt oder vermindert, ist es negativ, positiv oder neutral bewertet. Manches kann sogar völlig weggefiltert werden.

Diese Auswertung wird immer ungenauer, je weniger Informationen vom Ohr an das Gehirn weiter gegeben werden können.

Durch die verbesserte medizinische Versorgung und eine gesündere Lebensweise haben wir heutzutage eine hohe Lebenserwartung. Der Ruhestand wird auch aktiver gestaltet und dauert länger, als noch vor 30 Jahren. Unsere Sinnesorgane lassen aber im Laufe des Lebens nach und verlieren Ihre Zuverlässigkeit. Hinzu kommen Krankheiten oder Lebensumstände, die ihre Spuren hinterlassen können.

Die Wichtigkeit, gut zu hören, um mit Menschen in Kontakt zu bleiben und sich ein soziales Umfeld zu erhalten, wurde von der Medizin, der Hörgeräte­industrie und nicht zuletzt dem Hörakustikerhandwerk erkannt. Permanent werden die neuesten Forschungsergebnisse genutzt, um mit dem digitalen Hören dem natürlichen Hören so nahe wie möglich zu kommen.

Jeder Mensch ist anders in seinen individuellen Fähig­keiten, Lebensstil, Erfahrungen, Erwartungen und Prioritäten. Auch jeder Hörgerätehersteller verarbeitet die akustischen Daten anders und entwickelt eigene Anpassstrategien. Am Ende ist es wichtig, dass der Kunde und der Hörakustiker gemeinsam Lösungen finden, um die Rückkehr in das soziale Umfeld zu ermöglichen.

Hörgeräte verstärken nicht mehr nur den Schall, um die Schädigungen des Innenohres auszugleichen. Neueste wissenschaftliche Studien zeigen, dass unterschiedliche Verarbeitungen im Gehirn stattfinden. Es werden zum Beispiel die Schallsignale von beiden Ohren genutzt, um sich räumlich zu orientieren. In geräuschvoller Umgebung trennt das Gehirn wichtige von unwichtigen Signalen. Auch die Fokussierung auf den Gesprächspartner, trotz lauter Umgebungsgeräusche, ist möglich. Bei einem intakten Gehör laufen die Prozesse automatisch ab. Bei einer Hörminderung muss das Gehirn ein unvollständiges und verzerrtes Signal entschlüsseln. Es kann sich schlechter orientieren. Verschwommene Klänge erschweren es außerdem, Sprache von Hintergrundgeräuschen zu trennen. Es ist ein viel höheres Maß an Konzentration nötig. Die dafür benötigte Energie fehlt für andere Aufgaben, wie für die Merk- und Reaktionsfähigkeit.

In unserem Alltag gibt es viele Situationen, wo sich mehrere Menschen unterhalten und es zusätzlich Nebengeräusche gibt. Die Klänge und Geräusche sind wichtig, da wir so Veränderungen der Situation oder der Stimmung wahrnehmen können.

Moderne Hörgeräte unterstützen durch komplexe Verarbeitungen Menschen mit Hörminderungen schon sehr gut. Die akustische Umgebung wird mehrere hundertmal pro Sekunde analysiert. Es wird Sprache von Nebengeräuschen getrennt und auf unterschiedlichen Signalwegen verarbeitet. Durch die Mehrmikrofontechnologie kann auch die Richtung, aus der das Signal kommt, erkannt werden. Geräusche, die von der Seite oder von hinten aufgenommen werden, werden unterschiedlich bewertet.

Jeder Mensch hat eine eigene Sprachmelodie. Mischen sich Stimmen, nutzt das Gehör diese Eigenheiten, um Sprecher zu unterscheiden und besser zu verstehen. Hörsysteme sollten deshalb akustische Signale, ganz besonders die Sprache, so natürlich wie möglich übertragen. Dies ist durch die schnelle Verarbeitung in vielen Frequenzen möglich.

Es werden natürliche Lautstärkeunterschiede in sehr kurzen Zeitfenstern aufgenommen, analysiert und verarbeitet. So ergibt sich ein stabiles und unversehrtes Signal, wobei das Gehirn weniger Energie zur Dekodierung benötigt. Ebenfalls ein wichtiger Faktor für die Spracherkennung ist die Unterdrückung von Impulsschall. Dieser wird so reduziert, dass wichtige Impulse, wie eine Hupe, noch hörbar sind, aber nicht die Verarbeitung der Sprache beeinflussen.

Herkömmliche Hörgeräte arbeiten unabhängig voneinander. Dadurch ist es für das Gehirn schwieriger, zwei teilweise völlig unterschiedliche Signale der Geräte auszuwerten.

Durch eine beidseitige Signalverarbeitung werden die Signale von vier Mikrofonen aufgenommen und von den Geräten so verarbeitet, dass die natürlichen Lautstärkeunterschiede zwischen den Ohren erhalten bleiben und eine Lokalisation von den Umgebungsgeräuschen erfolgen kann. Richtmikrofone verbessern auch nachweislich das Verstehen von Sprache im Lärm. Normalerweise spricht der Gesprächspartner von vorn und der Lärm kommt aus einer anderen Richtung. Die Richtmikrofone passen sich automatisch an die akustische Situation an. Dabei steht immer die beste Sprachverständlichkeit im Vordergrund. Diese kann so um 10-15 % verbessert werden.

Ein Lärm-Management ermittelt zusätzlich in jedem einzelnen Kanal des Hörsystems das Verhältnis von Sprache und Lärm. Die Signalverarbeitung erzeugt auf Grundlage dieser Informationen in allen Kanälen ein Ausgangssignal, für maximales Sprachverstehen beziehungsweise maximalen Hörkomfort.

Obwohl der technische Fortschritt enorm ist, besteht noch nicht die Möglichkeit, ein intaktes Ohr durch Technik vollständig zu ersetzen. Aus diesem Grund gibt es leicht bedienbares Zubehör.

Hörgeräte sind für natürliche Sprache und Geräusche ausgelegt. Fernseher und Telefone haben aber ein anderes Klangbild. Zusätzlich erschweren die immer lauter werdende Hintergrundmusik und eine schlechtere akustische Verarbeitung bei Filmproduktionen und Sendungen das Verstehen. Außerdem kommen Sprache und Nebengeräusche aus der gleichen Richtung und oft sogar aus dem gleichen Lautsprecher. Dafür gibt es einfach zu bedienende kabellose Adapter. Sie stellen die Verbindung vom Hörgerät zum Fernseher her. Bis zu 30m Entfernung kann so bei brillanter Klangqualität und in Echtzeit wieder entspannt das Fernsehprogramm erlebt werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass man für Mitmenschen im Raum noch ansprechbar bleibt und die Tür- bzw. die Telefonklingel hörbar bleibt.
Das Telefonsignal wird direkt in die Hörgeräte übertragen und verstärkt. Dadurch ist wieder ein gut verständliches entspanntes telefonieren möglich. Außerdem kann das Handy, mit Hilfe einer App, auch als Fernbedienung fungieren.

Durch die Erkenntnis, dass Verstehen der wichtigste Sinn für unsere sozialen Bindungen ist, durch die Weiterentwicklungen in der Medizin, um das Gehör zu erforschen und durch den technischen Fortschritt, ist es immer besser möglich, dass Menschen länger am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und nicht in der Isolation oder gar Vereinsamung bleiben müssen.

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