Artikel erschienen am 21.11.2018

Inkontinenz

Das Tabu überwinden und Lebensqualität gewinnen

Von Gülhan Turk, Braunschweig | Melanie Horatzek, Braunschweig

Der Begriff „Inkontinenz“ bezeichnet den unkontrollierbaren Urinverlust. Täglich leiden in Deutschland ca. 5 Mio. Menschen unter dieser Erkrankung. Grundsätzlich steigt mit dem Alter das Risiko, an Inkontinenz zu erkranken, aber nicht selten sind auch Frauen zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr betroffen. Aus Scham sprechen die Betroffenen oftmals nicht mit ihrer Ärztin darüber, sondern versuchen im Alltag irgendwie zurechtzukommen. An Ausflügen, Sport oder Unternehmungen mit Freunden nehmen sie nicht mehr teil, um peinliche Situationen zu vermeiden. Häufig finden die Patientinnen erst nach einem langen Leidensweg in die Sprechstunde, wenn selbst der Einkauf im Supermarkt zur Qual wird und der Alltag zum Spießrutenlauf.

Zusammen mit den Betroffenen wird ein individuelles Behandlungskonzept – passend zur Lebenssituation – erarbeitet. Grundsätzlich gilt: Nicht immer muss operiert werden! Um das optimale Behandlungskonzept zu finden, ist es wichtig, festzustellen, unter welcher Inkontinenzform der Betroffene leidet.

Belastungsinkontinenz

Früher auch Stressinkontinenz genannt, wenn der Urin ohne Dranggefühl verloren geht. Es wird in Grad I bis III unterteilt. Typischerweise beschreiben Betroffene Urinverlust beim Husten, Lachen, Niesen, Heben, Treppe herunterlaufen etc.

Es gibt verschiedene Operationstechniken, die ab Grad II empfohlen werden. Die häufigste und eine bewährte Operation ist die sog. Schlingenopera­tion. Dabei wird unter die Harnröhre ein Bändchen gefädelt, das den Schließmuskel der Harnröhre in seiner Funktion unterstützt.

Alternativ kann während einer Blasenspiegelung eine Unterspritzung der Harnröhre durchgeführt werden. Es wird ein Polster aus Kollagen eingespritzt, sodass der Schließmuskel aufgepolstert wird und die Harnröhre besser abdichten kann. Weder die Schlinge, noch das Kollagenpolster können vom Körper abgebaut werden, was einen langfristigen Effekt gewährleistet.

Dranginkontinenz

Auch als Syndrom der überaktiven Blase (ÜAB) bekannt, zeichnet sich die Dranginkontinenz durch ein nahezu dauerhaft bestehendes Dranggefühl aus. Frauen berichten, sie müssten tagsüber häufiger als 15 mal zur Toilette gehen. Zusätzlich tritt der Harndrang überfallartig heftig auf, teilweise entleert sich die Blase sofort. Besteht nur der dauerhafte Drang, nennt man dies eine „trockene“ ÜAB. Entleert sich dazu unwillkürlich die Blase, spricht man von einer „nassen“ ÜAB.

Behandeln lässt sich die überaktive Blase mit Medikamenten in Tablettenform. Die Medikamente zeigen ihre Wirkung erst nach mehreren Wochen, sodass ein Therapieversuch mindestens über sechs bis acht Wochen gehen sollte. Ist die Wirkung auch nach Dosissteigerung nicht ausreichend oder sind die Nebenwirkungen zu groß, lohnt es sich immer, auf ein anderes Präparat umzustellen. Sollte auch dies erfolglos bleiben oder ist aufgrund von anderen Erkrankungen die medikamentöse Behandlung nicht möglich, steht noch die Botox-Injektion zur Verfügung. Im Rahmen einer Blasenspiegelung wird Botox in den Blasenmuskel eingespritzt. Die Wirkung hält mindestens sechs, meist sogar neun Monate an.

Die Ursachen von Inkontinenz sind vielfältig. Neben den hier beschriebenen Hauptformen gibt es weitere Gründe für ungewollten Urinverlust, die sich oft gut behandeln lassen.

Resümee

Seien Sie mutig und sprechen Sie Ihre/Ihren Ärztin/Arzt an. Es lohnt sich!

Bild: Fotolia/jes2uphoto

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