Artikel erschienen am 19.10.2018

Bessere Versorgung von Unfallverletzten durch Traumanetzwerke

Von Prof. Dr. med. Thomas Gösling, Braunschweig

Nur ein Moment der Unachtsamkeit, ein kurzer Blick auf das Handy oder vielleicht ein Sekundenschlaf und schon rast der PKW ungebremst auf das Stauende. Dies ist eine Szene, wie sie sich fast täglich auf deutschen Autobahnen ereignet. Etwa 7200 Verkehrsunfälle registriert die Polizei pro Tag. Hieraus resultieren 1 100 Verletzte und fast neun Todesopfer täglich. Mit 3 180 Verkehrstoten im Jahr 2017 erreichte die Zahl den niedrigsten Stand nach ihrem Höhepunkt mit 21 000 Todesopfern im Jahr 1970.

Trotz dieses deutlichen Rückgangs zeigen Unfalltote weiterhin den höchsten Verlust an Lebenszeit. Die Sterblichkeit eines Schwerverletzten hat sich in den letzten 30 Jahren in deutschen Kliniken auf nun 15 % gedrittelt. Trotz dieses immensen Fortschrittes bzgl. der Quantität bestehen weiterhin erhebliche Einschnitte in der Qualität des Überlebens. Zwei Jahre nach einem Unfall leiden 60 % der Verunfallten noch an relevanten Behinderungen und 30 % an permanenten Schmerzen. 50 % der Schwerverletzten können nicht an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehren. Die Schweizer Unfallversicherung berechnet 5-Jahres-Gesamtkosten von CHF 780 000 pro Schwerverletzten, wobei lediglich 5 % auf die primäre Versorgung entfielen.

Das Behandlungsergebnis von Schwerverletzten wird maßgeblich und nachhaltig von der Behandlung in der richtigen Zielklinik bestimmt. Neben der medizinischen Erfahrung in der Behandlung von Schwerverletzten sind personelle und strukturelle Gegebenheiten der Klinik entscheidend, die eine 24-stündige Behandlungsbereitschaft an 365 Tagen im Jahr garantieren. Die deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie hat 2008 die Initiative TraumaNetzwerk DGU® ins Leben gerufen. Zurzeit sind 677 Kliniken überwiegend aus Deutschland teilnehmend. Abhängig von der Fallzahl und der technischen und personellen Ausstattung werden Kliniken in überregionale, regionale und lokale Traumazentren eingeteilt. So muss z. B. ein überregionales Traumazentrum auch alle in der Versorgung von Verletzungen selten notwendigen Fachabteilungen in 24-stündiger Bereitschaft vorhalten. Da Zeit ein weiterer wichtiger Faktor bzgl. der Prognose ist, sind die Traumazentren einer Region zu einem sog. Traumanetzwerk zusammengeschlossen. 53 zertifizierte Traumanetzwerke gibt es derzeit in Deutschland. Ziel ist es, jedem Schwerverletzten an jedem Ort in Deutschland zu jeder Zeit die gleichen Überlebenschancen zu bieten.

Jedes Traumazentrum garantiert eine suffiziente 24-stündige Akutbehandlung lebensbedrohlicher Verletzungen. Die Netzwerke ermöglichen eine schnelle Rettungszeit und im Bedarfsfall eine unproblematische Weiterverlegung in ein anderes, evtl. höher eingestuftes Traumazentrum. Zwischen den beteiligten Kliniken und den Rettungsdiensten finden regelmäßige Treffen statt, um Schnittstellenprobleme zu besprechen und durch gemeinsame Fortbildungen und Fallbesprechungen die Versorgungsqualität zu verbessern.

Trotz der großen sozialen und volkswirtschaftlichen Bedeutung ist die Schwerverletztenversorgung durch die hohen personellen und technischen Vorhaltekosten sowie die fehlende Planbarkeit für die Krankenhäuser weiterhin defizitär. Die gesetzliche Unfallversicherung hat die sozioökonomische Bedeutung einer hochqualifizierten Patientenversorgung zur Verbesserung der Reintegration und Minderung der Langzeitkosten erkannt. Ähnlich dem Traumanetzwerk ist hier ein dreistufiges System etabliert, das für Patienten mit komplizierten Verletzungen, Komplikationen und Folgeerscheinungen gilt. Kliniken ohne notwendige Expertise bzw. Vorhaltung dürfen bestimmte Operationen nicht mehr durchführen.

Unfälle können unabhängig von Lebensalter und körperlicher Gesundheit jeden treffen. Sie führen zu einem mehr oder weniger großen Einschnitt im Leben des Verunfallten. Eine gut strukturierte Zusammenarbeit innerhalb einer Klinik und außerhalb im Traumanetzwerk erhöhen die Überlebenswahrscheinlichkeit und Lebensqualität der Schwerverletzten.

Foto: Fotolia/Animaflora

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