Artikel erschienen am 19.11.2018

Aspekte einer guten Hörgeräteversorgung

Von Sylke Posimski, Braunschweig | Andreas Posimski, Braunschweig

Mehr als 10 Mio. Menschen in Deutschland hören schlecht, aber erst ein Drittel tragen Hörgeräte. Ein riesiger Markt, auch aufgrund des demografischen Wandels. Suchte man noch vor 10 Jahren einen Hörgeräteakustiker, konnte man ihn in unattraktiven Stadtlagen, mit meist völlig zugehängten Fenstern, finden. Das hat sich grundlegend geändert. Immer mehr große Ketten sind am Verdrängungswettbewerb der mittelständischen Hörgeräteunternehmen beteiligt.

Ein kleines, fast unsichtbares, im Gehörgang sitzendes Hörgerät

Hörgeräteherstellerfirmen treten aktiv durch eigene Geschäfte in den Markt ein, Investoren haben diesen Gesundheitsmarkt für sich entdeckt. Durch das schnelle Wachstum der Hörgeräteketten sind wirklich qualifizierte Mitarbeiter heute sehr schwer zu finden. So ist es jetzt möglich, dass sog. Fachassistenten, die in acht Wochenkursen an speziellen Akademien ausgebildet werden, danach Hörgeräte anpassen. Hörgeräteanpassung über das Internet sowie Ferneinstellung von Hörgeräten sind ein weiteres spezielles Thema. Derzeit gibt es im Hörgeräteakus­tikerhandwerk leider noch keine Fortbildungspflicht. Wie soll also der Kunde nun eigentlich eine wirklich kundenorientierte Hörgeräteanpassung erkennen? Folgende Aspekte sollten erfüllt sein:

Ohrenarzt und Hörgeräteakustiker – zwei wichtige Partner

Bei einer Hörgeräteerstversorgung ist der Ohrenarzt ein wichtiger Ansprechpartner neben dem Hörgeräteakustiker. Er untersucht den Patienten, um schwerwiegende Erkrankungen des Ohres auszuschließen. Es folgt ein Hörtest und ggf. wird eine Verordnung für ein Hörgerät, welches dem Patienten den Kassenanteil der Krankenkasse sichert, ausgestellt. Der Ohrenarzt darf jedoch keinen Hörgeräteakustiker empfehlen, die Wahl obliegt allein dem Kunden. Nach erfolgter Hörgeräteanpassung ist der Nachkontrolltermin beim Ohrenarzt wichtig.

Meisterpräsents und Berufserfahrung

Da der Hörakustikberuf zu den gefahrengeneigten Handwerken zählt, ist die Meisterpräsenz für jedes Fachgeschäft zwingend. Jedoch ist es der Personalknappheit geschuldet, dass oft ein junger Geselle nach nur drei Jahren Berufsausbildung anschließend die Meisterschule besucht, um dann ein Fachgeschäft zu führen. Ein solider beruflicher Erfahrungsschatz kann jedoch bei einer guten Hörgeräteanpassung von Vorteil sein. Selbst das technisch hochwertigste Hörgerät funktioniert am Kundenohr nur so gut, wie der Hörgeräteakustiker es eingestellt hat.

Zeit für die Probleme des Kunden

In einigen Fachgeschäften gibt es Zeitvorgaben, wie lange eine Hörgeräteanpassung höchstens dauern darf. Dies ist natürlich für den Kunden genauso von Nachteil, wie ein festgelegtes Produktportfolio. Kleinere inhabergeführte Fachgeschäfte können da oft freier in der Gestaltung sein. Vor der eigentlichen Hörgeräteanpassung sollte immer ein ausführliches Anamnesegespräch mit dem Akustiker stattfinden. Dafür sollte ausreichend Zeit eigeplant werden, denn nur so können Ihre persönlichen Höransprüche bei der späteren Geräteauswahl genau berücksichtigt werden. Durch verschiedene Messungen wird dann der Hörverlust ermittelt und bestenfalls mit dem Kunden besprochen, warum Hören nicht gleich Verstehen ist, dass ein Hörgerät immer nur ein Hilfsmittel ist und das natürliche Hören aus jungen Jahren nicht ersetzen kann: und dass ein Hörgerät aber dem Kunden einen enormen Zugewinn an Lebensqualität bringt und die soziale Interaktion stärkt. Gemeinsam sollten anschließend die persönlichen Hörziele besprochen werden.

Ein erfahrener und kompetenter Hörgeräteakustiker wird abschließend eine Empfehlung aussprechen und den Kunden die passende Technik in gewohnter Umgebung testen lassen.

Hausbesuch möglich?

Wichtig ist auch eine ausführliche Beratung über technische Möglichkeiten, die dem Betroffenen den Alltag in Verbindung mit dem Hörgerät erleichtern können: Anbindungsmöglichkeiten an den Fernseher, Musikanlage, Mobiltelefon und vieles mehr. Hier kommt es darauf an, dass der Hörakustiker sich Zeit nimmt, die Welt des Kunden kennenzulernen und seinen speziellen Bedarf ermittelt. Bestenfalls gibt es einen Hausbesuchsservice, der Hilfestellung beim Anschluss von Zubehör bietet und im Krankheitsfall auch in das Krankenhaus oder Seniorenheim kommt.

Das Hören neu erlernen

Zu einem immensen Vorteil für den Kunden hat sich in den letzten Jahren das Hörtraining entwickelt, was immer zu einer Hörgeräteversor­gung dazugehören sollte, bestenfalls ohne zusätzliche Kosten. Da in den meisten Fällen eine Hörgeräteversorgung erst nach ca. 7 Jahren bestehender Hörminderung durch den Kunden angegangen wird, hat sich gezeigt, dass auch bei sehr hochwertiger Technik die körpereigenen Ressourcen nicht mehr ausreichen, um mit dem Hörgerät wirklich gut zu verstehen. Folglich muss so das Hören umso mühevoller wieder erlernt werden, da der Körper neuronale Verbindungen im Laufe der unbehandelten Hörminderung abgebaut hat, wenn die Hörgeräteanpassung ohne ein Hörtraining stattfindet. Oft landen die besten Hörgeräte dann in der Schublade. Von großem Vorteil für die Kunden, die Sprache in Gesellschaft nicht gut verstehen, können Hörtrainings sein, die vor der eigentlichen Hörgeräteanpassung mit Trainingsgeräten erfolgen. Hier werden Hörfilterfunktionen wieder aufgebaut, die für das Verstehen von Sprache in geräuschvoller Umgebung wichtig sind. Insbesondere wenn mehrere Menschen gleichzeitig in geselliger Runde durcheinander sprechen. Denn ein Hörgerät ist nicht in der Lage, zu erkennen, welchem Sprachsignal der Hörende folgen möchte und welchem nicht. Wer sich also oft in Gesellschaft aufhält und auch beruflich auf gutes Verstehen nicht verzichten möchte, sollte sich über geeignete Hörtrainings- oder Gehörtherapien informieren.

CI-Akustiker

Ab einem bestimmten Schwerhörigkeitsgrad kann es sein, dass Hörgeräte nicht mehr ausreichen und unter Umständen ein Ohr mit einem Cochlea-Implantat und das andere Ohr mit einem Hörgerät versorgt sind. Dann ist es ein großer Vorteil, wenn das Fachgeschäft, für das sich der Kunde entscheidet, einen speziell ausgebildeten CI-Akustiker hat, der sich mit Hörimplantaten auskennt.


Spezielle Ausbildung hilft demenzkranken Kunden

Jeden von uns kann es treffen, an Demenz zu erkranken. Die Alzheimer-Demenz ist dabei die häufigste Form, die vermutlich 60 % der Krankheitsfälle ausmacht. Studien ergaben, dass schwerhörige Menschen, die nicht mit Hörgeräten versorgt sind, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, an Demenz zu erkranken. Weitere Studien ergaben auch, dass Patienten, die mit Hörsystemen versorgt sind, einen wesentlich langsameren Krankheitsverlauf verzeichnen als unversorgte schwerhörige Patienten. Doch ist eine Hörgeräteversorgung bei diesem Krankheitsbild nicht einfach, kann aber der Verschlechterung des Gesundheitszustandes entgegenwirken. Es ist von Vorteil, wenn bei einem Demenzkranken eine Hörgeräteversorgung vorgenommen werden soll, einen Fachbetrieb zu wählen, der Mitarbeiter an der Akademie für Hörgeräteakustik in Lübeck eine spezielle Fortbildung erhalten haben.

Tinnitusspezifikation

Man geht davon aus, dass ca. 80   % der Tinnitusbetroffenen eine Hörminderung haben, die mit einem Hörgerät zu versorgen ist. Wünschenswert ist natürlich hier für Betroffene ein Hörgeräteakustiker, der eine Zusatzqualifikation im Bereich Tinnitusversorgung hat, um bestmögliche Beratung und Hilfestellung zu geben.

Gehörschutz und Hörgerät – wie passt das zusammen?

Wenn jemand schwerhörig ist und an einem Lärmarbeitsplatz beschäftigt ist, braucht er beides. Einerseits um das vorhandene Restgehör zu schützen und aber gleichzeitig gut zu verstehen. Betroffene sind so bei einem Hörgeräteakustiker mit spezieller Fortbildung im Bereich Gehörschutz gut aufgehoben.

Ein Wichtiger Hinweis!

Wer sich abends oft erschöpft fühlt, sollte mal einen Hörtest machen. Es könnte eine sog. Hörermüdung vorliegen. Die Verarbeitung der Hörinformationen beansprucht unser Gehirn. Funktioniert das Gehör nicht mehr richtig, erhöht sich die Anstrengung für das Gehirn enorm. Betroffene müssen immer aus dem Zusammenhang erschließen und so werden wertvolle körperliche Ressourcen verbraucht. Die Hörminderung ist dem Betroffenen oft nicht bewusst, aber leicht messbar.

Bild: Siemens

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