Artikel erschienen am 20.07.2017
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Medikamentöse Behandlung in der Allgemeinpsychiatrie

Von Christiane Stein, Königslutter am Elm

Die Psychopharmakotherapie ist in der Allgemeinbevölkerung noch sehr angstbesetzt. Viele Menschen verstehen darunter Medikamente, die ihre Persönlichkeit verändern, die abhängig machen, schädlich und gefährlich sind und schwere Nebenwirkungen verursachen. Begriffe wie „chemische Keule“ oder auch „Zuckerpillen“ sind vielen geläufig. Dennoch gehören Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva („stimmungsaufhellende Medikamente“) zu den meist verordneten Medikamenten.

Medikamentöse Behandlung in der Allgemeinpsychiatrie

Wesentliche therapeutische Fortschritte in der Versorgung psychisch Kranker sind erst seit den 1950er-Jahren mit der Einführung von Psychopharmaka belegt. So wurde 1949 das antimanisch wirksame Lithium, 1952 Chlorpromazin als erstes Antipsychotikum und 1957 Imipramin als Antidepressivum entdeckt. Davor konnten viele seelische Krankheiten nicht symptomorientiert behandelt werden. Zahlreiche Patienten waren einem langen Leidensweg mit quälenden Krankheitssymptomen hilflos ausgeliefert. Auch wenn Psychopharmaka psychische Erkrankungen nicht heilen können, sondern Leiden lindern, sind sie heute nicht mehr wegzudenken. Sie schaffen bei schwerem Krankheitsverlauf oft erst die Voraussetzung für eine gesellschaftliche und berufliche Wiedereingliederung und Verbesserung der Lebensqualität.

Was sind Psychopharmaka?

Es handelt sich dabei um Substanzen, die bestimmte Stoffwechselvorgänge im Gehirn beeinflussen und somit die psychische Verfassung sowie krankhaftes Verhalten und nicht die Persönlichkeit eines psychisch Erkrankten positiv verändern. Sie sind unverzichtbar bei der Behandlung schwerer psychischer Störungen, wie z. B. einer schweren depressiven Erkrankung, einer Schizophrenie, einer manisch-depressiven Störung oder auch bei einer ausgeprägten Angst-und Zwangsstörung.

Die individuelle Wirksamkeit von Medikamenten ist sehr unterschiedlich. Wie alle Medikamente haben Psychopharmaka auch Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Nicht jede unerwünschte Wirkung muss auftreten. In der Packungsbeilage der einzelnen Präparate werden alle Nebenwirkungen nach Häufigkeitswahrscheinlichkeit aufgelistet. Manchmal ist es schwierig, krankheitsbedingte Symptome von Nebenwirkungen eindeutig zu unterscheiden. Oberstes Prinzip sollte es sein, Patienten ernst zu nehmen. Von daher ist es wichtig, unter strenger ärztlicher Kontrolle, Verlaufsbeobachtung und Risiko-Nutzen-Abwägung – es kann genauso gut sein, dass eine medikamentöse Behandlung nicht erforderlich ist – Patienten sachgemäß aufzuklären und zu betonen, dass die medikamentöse Therapie ein Bestandteil eines Gesamtbehandlungsplans ist, zu dem andere Therapieverfahren wie Psychotherapie, Psychoedukation, Soziotherapie, Entspannungsverfahren, Ergotherapie und Physiotherapie gehören. Die Psychoedukation spielt bei der Psychopharmakotherapie eine große Rolle. Hierunter versteht man eine wissenschaftlich fundierte, verständliche Informationsvermittlung über die Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten, um einen selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung zu fördern und Patienten bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen.

Psychopharmaka-Gruppen

Zu den meisten in der therapeutischen Praxis verwendeten Psychopharmaka-Gruppen gehören:

  • 1. Antidepressiva
  • 2. Antipsychotika (Neuroleptika)
  • 3. Stimmungsstabilisierer (Phasenprophylaktika)
  • 4. Anxiolytika (angstlösend), Hypnotika (Schlafmittel).

Auf weitere Psychopharmaka, wie Psychostimulanzien zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung, Antidementiva zur Behandlung von Demenzen und Mittel zur Behandlung von Suchterkrankungen wird auf Grund der thematischen Ausrichtung des Artikels hier nicht weiter eingegangen.

1. Antidepressiva
Sie sollen ein Ungleichgewicht im Hirnstoffwechsel der körpereigenen Botenstoffe, die für die Übertragung von Nervenimpulsen wichtig sind, wiederherstellen. Sie zeigen die stärkste Wirkung bei schweren Depressionen, weniger bei leichten Ausprägungen und werden nach unterschiedlichen Wirkprinzipien eingesetzt. Wichtig zu wissen ist, dass eine Stimmungsaufhellung erst nach wenigen Wochen (Wirklatenz) auftritt, keine Abhängigkeit zu befürchten ist und je nach Substanz antriebssteigernde oder -hemmende und schlafanstoßende Wirkungen auftreten können. Man unterscheidet aus der älteren Generation trizyklische und tetrazyklische Antidepressiva, heute Mittel zweiter Wahl, von neueren Präparaten. Nebenwirkungen, wie Verstopfung, Störung beim Wasserlassen, Mundtrockenheit, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Sehstörungen (Akkommodation), EKG-Veränderungen und Kreislaufprobleme können auftreten.

Selektive Serotonin- Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und Duale Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) und weitere Präparate, die hier nicht alle aufgelistet werden, gehören zu den neueren, am häufigsten verordneten, nebenwirkungsärmeren Präparaten, die inzwischen aber auch schon seit den 1980er-Jahren auf dem Markt sind.

Viele Nebenwirkungen treten nur vorübergehend auf. Es wird daher eine langsame Dosissteigerung zu Beginn der Behandlung empfohlen, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu reduzieren. Generell werden Antidepressiva aber gut vertragen.

2. Antipsychotika (Neuroleptika)
Diese werden hauptsächlich in der Behandlung von Schizophrenien eingesetzt und sollen psychotische Symptome wie Wahn (nicht korrigierbar falsche Beurteilung der Realität), Halluzinationen (Trugwahrnehmungen, Sinnestäuschungen) und Denkstörungen reduzieren. Auch bei anderen psychischen Störungen, wie der akuten Manie oder akuten Erregungszuständen, sowie gelegentlich in der Schmerztherapie und bei Übelkeit nach Operationen werden sie angewandt. Man unterscheidet klassische Neuroleptika, sogenannte „Typika“ wie Haloperidol, von „Atypika“ wie Clozapin, Risperidon, Olanzapin, Aripiprazol, Quetiapin und Ziprasidon, die weniger Nebenwirkungen, insbesondere weniger Bewegungsstörungen verursachen sollen. Antipsychotika, insbesondere die „Typika“, beeinflussen einen körpereigenen Botenstoff (Dopamin) und blockieren Dopaminrezeptoren, während die „Atypika“ auch auf andere Rezeptoren wirken.

Mögliche Nebenwirkungen der konventionellen typischen Antipsychotika sind vor allem Bewegungsstörungen (extrapyramidalmotorische Störungen). Es kann zu Muskelverkrampfungen, einer Sitz- und Bewegungsunruhe (Akathisie), Zittern (Tremor), Steifheit der Muskeln, unwillkürlichen Bewegungen, mangelnder Koordination (Dyskinesie), Bewegungsverarmung mit Unbeweglichkeit der Gesichtszüge, kleinschrittigem Gangbild und fehlender Mitbewegung der Arme beim Gehen kommen.

Bei den neueren, atypischen Antipsychotika werden diese Nebenwirkungen seltener beobachtet, dafür aber bei einigen Präparaten Gewichtszunahme, Stoffwechselstörungen (Metabolisches Syndrom), wie Diabetes, Erhöhung der Blutfette und Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen.

Weitere potenzielle Nebenwirkungen aller Antipsychotika – wie EKG-Veränderungen, Blutbildveränderungen oder Erhöhung der Leberwerte – machen regelmäßige Routineuntersuchungen erforderlich.
Bei der Therapieplanung werden ein möglichst früher, für die Prognose entscheidender, Behandlungsbeginn und im Gegensatz zur vergangenen Praxis eine minimal effektive Dosis von Antipsychotika empfohlen.

3. Stimmungsstabilisierer (Phasenprophylaktika)
Stimmungsstabilisierer werden bei manisch-depressiven Erkrankungen verwandt, um das Rückfallrisiko bzw. Anzahl und Schwere der Episoden zu vermindern oder zu verhindern. Hier wird insbesondere Lithium als Mittel erster Wahl empfohlen, da es am wirkstärksten ist. Weitere Medikamente zweiter Wahl wie Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure wurden ursprünglich zur Behandlung der Epilepsie verwandt. Ihre genauen Wirkmechanismen sind bis heute nicht bekannt.

Lithium, ein Salz, welches über die Nieren ausgeschieden wird, soll ähnlich wie ein Botenstoff wirken, den Tag-Nacht-Rhythmus mit beeinflussen und an Kaskadenreaktionen, die Hormonsignale und Sinnesreize übertragen, beteiligt sein. Patienten müssen hinsichtlich Nebenwirkungen und langfristiger Kontrolluntersuchungen ausführlich aufgeklärt werden, auch über die Notwendigkeit regelmäßiger Bestimmungen der Konzentration des Medikaments im Blut, da es aufgrund einer geringen therapeutischen Breite (sehr kleiner Wirkungsbereich) bei zu hohem Lithiumserumpiegel zu Intoxikationserscheinungen (Farbsehstörungen, starkes Zittern, Schwindel, Gangunsicherheit, Erbrechen, verwaschene Sprache, Schläfrigkeit, Bewusstlosigkeit) kommen kann. Wichtige Nebenwirkungen, die auftreten können, sind Kopfschmerzen, Zittern, Durst, Übelkeit, Durchfall, Gewichtszunahme, Gedächtnisstörungen, Schilddrüsenvergrößerung und langfristig Nierenfunktionsstörungen.

Valproinsäure sollte Frauen im gebärfähigen Alter wegen einer erheblichen Gefahr der Fruchtschädigung nur in Ausnahmefällen und nur nach schriftlicher Aufklärung bei gesicherter Kontrazeption verordnet werden.

Lamotrigin ist relativ gut verträglich und soll bei vorwiegend depressiven Phasen wirksam sein. Da, wenn auch selten, allergische Reaktionen auftreten können, soll es sehr langsam aufdosiert werden.

Carbamazepin ist ebenfalls nicht Mittel der Wahl, aber zugelassen, wenn Lithium nicht wirkt. Häufige Nebenwirkungen sind anfangs Schwindel, Benommenheit, Bewegungsstörungen, Hautreaktionen und Sehstörungen.

4. Anxiolytika und Hypnotika
Anxiolytika, früher auch Tranquilizer genannt, sind angstlösende und beruhigende Medikamente. Unter Hypnotika versteht man schlaffördernde Substanzen. Die am häufigsten verwendete Substanzklasse stellen die Benzodiazepine (z. B. Diazepam, Lorazepam, Oxazepam, Alprazolam) dar. Sie verstärken die hemmende Wirkung des Botenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Benzodiazepine werden als Begleitmedikation vorübergehend – z. B. im Rahmen einer antidepressiven oder antipsychotischen Akutbehandlung und in psychiatrischen Notfallsituationen – eingesetzt. Sie führen auch zur Muskelentspannung und wirken antiepileptisch. Problematisch ist allerdings, dass Benzodiazepine auf Dauer (ca. nach 4 – 6 Wochen) zur Abhängigkeit führen können, weshalb sie nur vorübergehend verabreicht werden sollten. Neben dem erhöhten Abhängigkeitspotenzial können als häufig unerwünschte Wirkungen Schwindel, Tagesmüdigkeit, Schläfrigkeit, Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit und des Reaktionsvermögens, Muskelschwäche, Mattigkeit, Gangunsicherheit, Verwirrtheit sowie nach längerer Einnahme eine „gefühlsmäßige Abstumpfung“ auftreten. Zu den schlaffördernden, neueren Präparaten gehören auch die sogenannten Non-Benzodiazepine oder Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon), die ähnlich wie Benzodiazepine wirken, bei denen das Abhängigkeitspotenzial aber milder ausgeprägt sein soll.

Foto: Fotolia/Photographee.eu

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