Artikel erschienen am 29.05.2015
E-Paper

Welt-Krebstag

Lösungen in Reichweite

Von Prof. Prof. h. c. Dr Peter Hammerer, Braunschweig

Am 04.02.2015 fand wieder der Welt-Krebstag statt. Er steht ganz unter dem Motto „Krebs – Lösungen in Reichweite“. Der jährliche WeltKrebstag hat das Ziel, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Weltweit steigt die Zahl der Krebserkrankungen, die Gründe hierfür sind sehr unterschiedlich. Neben Umweltfaktoren und genetischen Einflüssen spielt natürlich auch das individuelle Gesundheitsverhalten eine große Rolle.

Nach den aktuellen statistischen Daten erkranken in Deutschland jährlich rd. 500 000 Menschen neu an Krebs, etwa 220 000 sterben an den Krankheitsfolgen. Krebs ist damit die zweithäufigste Todesursache. Mehr als die Hälfte aller Männer und über 40 % aller Frauen müssen damit rechnen, im Laufe ihres Lebens eine bösartige Erkrankung zu erleiden. Die Deutsche Krebshilfe und die Welt-Krebsorganisation (UICC) haben anlässlich des Welt-Krebstages 2015 dazu aufgerufen, die bestehenden Wissensdefizite über Krebs auszuräumen.

In Niedersachsen hat das Cancer Center des Klinikums Braunschweig unter der Schirmherrschaft der Niedersächsischen Krebsgesellschaft eine Telefonaktion zum Welt-Krebstag durchgeführt.

Zwei Stunden standen die Telefone nicht still: Bis zu 40 Anruferinnen und Anrufer pro Thema nahmen die Ärzte des Klinikums am 04.02.2015 entgegen. Anruferinnen und Anrufer aus der gesamten Region, darunter aus den Landkreisen Helmstedt, Peine und Goslar sowie zahlreiche Interessierte aus Braunschweig nahmen die Möglichkeit wahr, ihre ganz persönlichen Fragen an die medizinischen Experten zu stellen.

Elf Ärzte aus neun Kliniken hatten sich von 10 bis 12 Uhr Zeit genommen, um die Fragen der Anruferinnen und Anrufer persönlich und fachlich versiert zu beantworten. Die übergeordneten Themen waren Brustkrebs, gynäkologische Tumoren, Darmkrebs/gastrointestinale Tumoren, Prostatakrebs/urologische Tumoren, Lungenkrebs, Hals-Kopf-Tumoren sowie Chemotherapie und Strahlentherapie.

Ein positives Fazit zog Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, Chefarzt der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie sowie Sprecher des Cancer Centers Braunschweig: „Die große Anzahl der Teilnehmer zeigt, dass beim Thema Krebs häufig immer noch eine große Unsicherheit herrscht. Mit der Telefonaktion konnten wir bei den Anruferinnen und Anrufern viele offene Fragen klären, über Heilungsmöglichkeiten informieren und deutlich machen, welch hohen Stellenwert die Vorsorge in diesem Bereich hat.“

Zahlreiche Anrufe gingen bei Chefarzt Prof. Dr. Peter Hammerer ein, der die Telefonaktion koordiniert hatte und zusammen mit Oberarzt Dr. Lukas Manka Fragen zur Urologie und Uroonkologie beantwortete: „Die Resonanz war überragend. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sehr geduldig, wenn sie nicht gleich beim ersten Anruf eine freie Leitung erwischten. Aufgrund der durchweg positiven Reaktionen wird diese Aktion im nächsten Jahr wieder am Welt-Krebstag angeboten.

Prof. Dr. Peter Hammerer, Chefarzt der Klinik für Urologie und Uroonkologie

(Thema: Prostatakrebs/urologische Tumoren)
Anruferin, 47 Jahre: „Man liest so viel über Krebserkrankungen, nehmen diese Erkrankungen zu?“
Professor Dr. Peter Hammerer: „Krebserkrankungen nehmen in Deutschland nach den Daten des Robert Koch-Institutes gering zu. Vor über 90 Jahren wurden die ersten Krebsregister in Deutschland gegründet, im Rahmen des Nationalen Krebsplanes wurde im Frühjahr 2013 das Krebsfrüherkennungs- und Krebsregistergesetz verabschiedet, damit genaue Zahlen über die Häufigkeit von Krebserkrankungen gesammelt werden können.

Viele Krebserkrankungen sind heutzutage heilbar, besonders dann, wenn sie in Frühstadien entdeckt worden sind. Drei Dinge sind bei Krebserkrankungen wichtig:

1. Prävention
Das heißt, auf Dinge wie Ernährung, ausreichende körperliche Betätigung achten. Rauchen und Alkoholkonsum einschränken, denn viele Krebserkrankungen werden durch Giftstoffe ausgelöst.

2. Früherkennung
Frühzeitig erkannte Erkrankungen lassen sich sehr viel besser behandeln als Erkrankungen im Spätstadium. Aus diesem Grunde sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen für die häufigsten Krebserkrankungen zu empfehlen.

3. Optimale Behandlung
Die Krebsbehandlung ist komplex und es werden häufig mehrere Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten benötigt, um die für Sie optimale Therapie auszuwählen. Komplexe operative Eingriffe sollten z. B. in großen Zentren mit ausreichender Erfahrung durchgeführt werden.“

Anrufer, 61 Jahre: „Bei meinem 56 Jahre alten Bruder ist Prostatakrebs festgestellt worden. Er hat mir gesagt, ich hätte deshalb ebenfalls ein erhöhtes Risiko, Prostatakrebs zu bekommen. Soll ich zur Vorsorge gehen?“
Professor Dr. Peter Hammerer: „Männer, bei denen in der Familie Prostatakrebserkrankungen aufgetreten sind, haben ein erhöhtes Risiko, selbst an Prostatakrebs zu erkranken. Prostatakrebs ist die am häufigsten diagnostizierte Krebsart bei Männern und die zweithäufigste Krebstodesursache für Männer. Sie sollten nach ausführlicher Aufklärung an einer Prostatakrebsfrüherkennung durch Abtasten der Prostata und Bestimmung des Blutwertes PSA teilnehmen und sich untersuchen lassen.“

Anruferin, 51 Jahre: „Mein Man ist jetzt 58 Jahre alt, soll er einen PSA-Test machen? Man hört immer wieder, dass dieser Bluttest nicht aussagekräftig ist?“
Professor Dr. Peter Hammerer: „Der Bluttest mit der Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) ist kein perfekter Test für Prostatakrebs. Allerdings ist es bei sehr niedrigen PSA-Werten unwahrscheinlich, dass ein Prostatakrebs vorhanden ist; je höher der PSA-Blutwert ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Prostatakrebs vorliegt. Ein PSA-Wert sollte immer in Zusammenhang mit dem Tastbefund, der Prostatagröße und eventuell vorhandenen Beschwerden interpretiert werden. Eine sehr große europäische Studie hat aktuell gezeigt, dass das Risiko, an Prostatakrebs zu versterben, deutlich gesenkt werden kann.“

Anrufer, 39 Jahre: „Ich habe seit einigen Wochen eine Vergrößerung meines Hodens auf der rechten Seite, muss sich damit zum Arzt gehen?“
Dr. Lukas Manka: „Eine Veränderung am Hoden, die durch das Tasten aufgefallen ist, muss immer durch eine Ultraschalluntersuchung abgeklärt werden. Eine Hodenveränderung kann eine harmlosere Zyste oder ein Wasserbruch sein, es kann aber auch auf einen bösartigen Hodentumor hindeuten. Sollte die Ultraschalluntersuchung zeigen, dass ein Tumor vorliegt, ist eine weitere Behandlung absolut notwendig.“

Anrufer, 55 Jahre: „Ich habe seit einigen Wochen eine rötliche Verfärbung meines Urins, die zwischendurch immer wieder von alleine verschwindet und mir auch keine Schmerzen bereitet. Was soll ich machen?“
Dr. Lukas Manka: „Bei diesen Verfärbungen kann es sich um Blut im Urin handeln. Dieses ist ein Alarmzeichen und muss in jedem Fall durch einen Urologen weiter abgeklärt werden. Üblicherweise wird in einer derartigen Situation eine Ultraschalluntersuchung und eine Blasenspiegelung durchgeführt.“

Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann, Chefarzt der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie

(Thema: Strahlentherapie)
Anruferin, 35 Jahre: „Ich bin aktuell an einem Mammakarzinom erkrankt. Der Tumor in der linken Brust war 4 cm groß und es bestand der Verdacht auf Lymphknotenbefall in der Achselhöhle. Ich erhielt dann eine Chemotherapie, der Tumor wurde deutlich kleiner. Vor 4 Wochen bin ich brusterhaltend operiert worden. Der Tumor war nur noch 1,5 cm groß und es waren 2 von 25 entfernten Lymphknoten in der Axilla befallen. Muss ich denn jetzt überhaupt noch bestrahlt werden?"
Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann: „Ja, auf jeden Fall. Ein Brusterhalt ist immer nur mit Bestrahlung möglich. Ohne eine postoperative Bestrahlung ist das lokale Rückfallrisiko viel zu hoch. Mit einer Bestrahlung jedoch ist das Risiko eines lokalen Rückfalls so gering, wie nach einer Amputation, die man früher immer gemacht hat. Darüber hinaus ist bei einem Lymphknotenbefall in der Achselhöhle auch eine Bestrahlung sinnvoll, da sie dann auch die Heilungswahrscheinlichkeit erhöht.“

Anruferin: „Werde ich die Bestrahlung vertragen?“
Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann: „Allgemein ist die Therapie nicht sehr belastend und wird vertragen. Bei manchen Patientinnen kann es zu Hautreaktionen kommen, die aber allgemein nach der Therapie schnell abklingen.“

Dr. Tielko Seeba, Oberarzt der Med. Klinik II

(Thema: Lungenkrebs)
Anrufer, 66 Jahre: „Ich habe seit meinem 17. Lebensjahr viel geraucht. Was kann ich zur Vorsorge machen, um einen Lungenkrebs rechtzeitig zu erkennen?“
Dr. Seeba: „Die wichtigste Vorsorgemaßnahme liegt in Ihrer Hand: aufhören zu rauchen! Wir wissen aus vielen großen Untersuchungen, dass langjährige Raucher im Durchschnitt 8 bis 10 Jahre kürzer leben als Nichtraucher. Je früher man aufhört, desto höher die Lebenserwartung. Als positiver Nebeneffekt spart man auch noch jede Menge Geld und verbessert seine Lebensqualität.“
Zwischenfrage des Anrufers: „Aber Helmut Schmidt ist doch auch über 90 Jahre alt …“
Dr. Seeba: „Richtig, die durchschnittlich kürzere Lebenserwartung gilt natürlich nicht für jeden. Der Fall von Helmut Schmidt ist aber leider nicht die Regel, sondern eher eine Ausnahme ... Zurück zu Ihrer Frage: Eine prophylaktische Computertomographie (CT) wird von den deutschen Fachgesellschaften derzeit noch nicht empfohlen und die Kosten von den Krankenkassen auch nicht übernommen. Zum Thema CT-Screening sind in den letzten Jahren viele große Untersuchungen gelaufen, weitere sind noch nicht abgeschlossen. Das Hauptproblem ist v. a. die Strahlen­belastung durch die Computer­tomographie. Wenn man diese CT-Diagnostik regelmäßig bei allen Rauchern durchführen würde, bestünde das theoretische Risiko, damit bei Einzelfällen auch eine Krebserkrankung auslösen zu können. Dieses Risiko ist natürlich inakzeptabel.“

Viele weitere Fragen wurden von den Experten aus Braunschweig beantwortet

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe erklärt anlässlich des Welt-Krebstags in einem Interview: „Die Krebsbekämpfung bleibt eine gesundheitspolitische Herausforderung ersten Ranges. Deshalb dürfen die Anstrengungen nicht nachlassen, die gute Krebsversorgung in Deutschland weiter auszubauen und zu verbessern. Klinische Krebsregister sind dabei ein entscheidendes Element. Durch die flächendeckende Auswertung aller Behandlungsdaten in klinischen Krebsregistern werden erfolgreiche Behandlungsmethoden schneller sichtbar. Das kommt Krebskranken unmittelbar zugute. Mit dem Nationalen Krebsplan sind wir bereits ein gutes Stück vorangekommen: Der Ausbau klinischer Krebsregister wird in allen 16 Bundesländern unter Hochdruck vorangetrieben. Ganz wichtig ist auch die Krebsfrüherkennung. Deshalb muss es jetzt verstärkt darum gehen, Früherkennungsprogramme weiterzuentwickeln und noch besser über Möglichkeiten der Krebsfrüherkennung zu informieren.“

Info

Die Spezialisten des Klinikums informieren deshalb Betroffene und Angehörige immer wieder darüber, welchen Nutzen ein gesunder Lebensstil hat, welche unterschiedlichen Möglichkeiten der Früherkennung von Krebs es gibt und welche modernen Ansätze für die Diagnostik und Behandlung von Krebs entwickelt wurden.

Fotos: Panthermedia/Pablo Calvo G., Robyn Mackenzie

Ähnliche Artikel

Gesundheit

Wie eine HDTV-Übertragung live aus dem Bauch

Ultraschall vermag in Diagnostik und Therapie Erstaunliches zu leisten

Ultraschall (Sonografie) ist eines der am häufigsten gebrauchten Verfahren in der Medizin, weil es sehr aussagekräftig, patientenschonend, schnell und strahlungsfrei ist. Ultraschall wird praktisch in allen Bereichen der Medizin genutzt, spielt aber insbesondere in der Inneren Medizin eine herausragende Rolle in der Erkennung von Erkrankungen, z. B. im Bauchraum.

Braunschweig 2014 | Prof. Dr. med. Kinan Rifai, Wolfenbüttel

Gesundheit

Behandlung in einem modernen Darmzentrum

In einem professionell und modern geführten Darmzentrum ist die gesamte Expertise aller an der Behandlung von Patienten mit Darmkrebs direkt und indirekt beteiligten Berufe versammelt. Sämtliche ärztlichen und nichtärztlichen Fachgruppen arbeiten hier Hand in Hand für die Betroffenen.

Braunschweig 2013 | Prof. Dr. med. Heinrich Keck, Wolfenbüttel