Artikel erschienen am 02.06.2015
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„Hören ist nicht nur eine Sache der Ohren, sondern auch des Gehirns...“

Über 100 Millionen Nervenzellen wollen wieder hören – lassen Sie sie nicht zu lange warten!

Von Christian Pogan, Braunschweig

Was viele Betroffene nicht wissen: Hören ist nicht nur eine Sache der Ohren, sondern auch des Gehirns! Im Hörzentrum sorgt ein engmaschiges Netz von Nervenzellen für den eigentlichen Wahrnehmungsprozess. Permanent werden Hörerfahrungen abgespeichert (z. B. wie klingt mein eigener Schritt) und auch bewertet (z. B. der Klang meines eigenen Schrittes ist unwichtig, ich muss ihn nicht beachten). Neu ankommende Impulse werden mit den bereits abgespeicherten verglichen und wieder bewertet. Wichtiges wird verstärkt und wir hören es, Belangloses wird weniger verstärkt, sodass wir es kaum oder gar nicht wahrnehmen. So ist es dem Hörgesunden möglich, auch leise Sprache aus lauten Umgebungsgeräuschen herauszuhören.

Wie alle Nervenzellen braucht aber auch das Nervenzellennetz im Hörzentrum kontinuierliche Anregung, um aktiv zu bleiben. Infolge einer Schwerhörigkeit kommen durch die reduzierte Schallweiterleitung im Ohr immer weniger Reize im Hörzentrum des Gehirns an. Die Folge: Nervenzellverbindungen werden unterbrochen und abgebaut. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns bei der Verarbeitung von Tönen, Geräuschen und Sprache lässt nach. Ist die Degeneration schon weit fortgeschritten, wird auch nach dem Erwerb eines Hörsystems die gewünschte Besserung oft nicht eintreten. Die Fülle der lauten und fremd klingenden Höreindrücke kann schnell zu einer Überforderung führen. Oft müssen dann die Hörsysteme in ihrer Lautstärke so reduziert werden, dass eine zufriedenstellende Hörverbesserung kaum erreichbar ist.

Hier kann Hörtraining helfen!

Idealerweise beginnt das Training begleitend zur Neuanpassung eines Hörgeräts. In diesem Fall ist eine Basis-Trainingseinheit Bestandteil des Anpassungsprozesses.

Aber auch Betroffene, die bereits ein Hörgerät tragen, können mit dieser Trainingsmethode ihr Hören und Verstehen oft verbessern.

Ein großer Vorteil: Nach einer Einführung ist das Training zu Hause durchführbar. Mit einem Abspielgerät und spannend aufbereiteten Übungsbüchern wird neben dem Wortverstehen auch das akustische Gedächtnis intensiv trainiert. Jeder Trainingstag beinhaltet unterschiedliche Übungen, die jeweils andere Teilkompetenzen der Hörverarbeitung fördern. Sie werden stufenweise anspruchsvoller und intensiver. Voraussetzung für den Erfolg ist die engagierte Mitarbeit des Kunden!

Nach Abschluss dieser ersten Trainingsphase haben Sie alles getan, um das Gehirn auf das Hören mit Hörgeräten vorzubereiten. Sie haben jetzt eine gute Basis, um verschiedene Hörsysteme zu testen und beurteilen zu können.

Erkenntnisse aus der Neurophysiologie zeigen: Die Teile des Gehirns, die viel benutzt werden, haben eine besser ausgebaute Struktur von Nervenzellen und deren Verbindungen (Synapsen). Sie sind leistungsfähiger, transportieren mehr und schneller Informationen und werten diese aus. So sieht das Gehirn eines Leistungssportlers anders aus, als das eines Musikers, oder das eines Wissenschaftlers. Es sind jeweils andere Areale des Gehirns besonders gut ausgeprägt. Im Umkehrschluss bilden sich die Strukturen der Gehirnareale, die immer weniger benutzt werden, zurück.

Das bedeutet, dass die intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung mit einer Sache – also Lernen – Auswirkungen auf den dafür zuständigen Teil des Gehirns hat. Beim Lernen (gemeint ist nicht stures Auswendiglernen, sondern ein wirkliches Auseinandersetzen mit einer Sache) entstehen neue Nervenzellverbindungen (Synapsen) und bestehende werden ausgebaut. Das Gehirn baut also seine Strukturen je nach Beanspruchung auf oder ab. Das nennt man die Plastizität des Gehirns.

Info

Das spezielle Hörtraining hilft dem Hörgeräteträger, sich langsam an die benötigte Lautstärke zu gewöhnen. Er muss nun lernen, mit dem „neuen Hören“ umzugehen. Dabei unterstützen ihn die systematisch aufeinander aufgebauten Hör- und Versteh­übungen. So kann er gezielt trainieren, kleine Unterschiede in Tonhöhe und Lautstärke heraus zu hören und sich auf das Hören zu konzentrieren.

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