Artikel erschienen am 29.05.2015
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Erfüllt leben – auch im Alter

Wie möchte ich leben, wenn ich alt bin? Von Realitäten und Visionen

Von Dipl.-Ing. Nicolai Richter, Braunschweig

Ich will zu Hause leben, da, wo ich es mir gemütlich gemacht habe. Wenn ich einmal richtig alt und gebrechlich bin, ziehe ich zu meinen Kindern und Enkeln, die können mir dann ja ein wenig unter die Arme greifen.

Dieses Großfamilien-Zuhause gibt es heute jedoch kaum noch. Die Gesellschaft ist aus der Enge, die ein solches Leben auch bedeutet, ausgebrochen. Wenn wir pflegebedürftig werden, sind unsere Angehörigen schnell überfordert. Dann kommt irgendwann der Vorschlag: „Du musst ins Heim.“

Doch da will niemand hin. Warum eigentlich nicht? Heute sind die „Seniorenresidenzen“ keine Verwahranstalten mehr mit Mehrbettzimmern und Bad auf dem Flur. Die alten Menschen werden dort gut versorgt und gepflegt. Ein kleines Beschäftigungsangebot gibt es meist auch. Doch unseren Ansprüchen an ein erfülltes Leben im Alter entspricht das bei Weitem nicht. Immer mehr Menschen setzen sich frühzeitig damit auseinander, vielleicht weil sie erlebt haben, wie ihre Eltern pflegebedürftig wurden und sie mit der Situation überfordert waren. Nun wollen sie nicht genauso unvorbereitet das Gleiche erfahren und ins Heim „abgeschoben“ werden. Die Suche nach Alternativen hat begonnen.

Zu Hause wohnen bleiben

Um in den eigenen vier Wänden alt werden zu können, ziehen viele Menschen in sog. altengerechte Wohnungen, am besten mit mobilem Pflegedienst im Haus. Hier wird aus architektonischer Sicht alles dafür getan, dass die Bewohner in ihren Wohnungen bleiben können, auch wenn sie mit immer mehr Behinderungen durch ihren Körper zurechtkommen müssen.

  • Gegen Einsamkeit hilft all das jedoch nicht. Der Mensch ist ein Rudeltier und braucht soziale Kontakte.
  • Auch dieses Problem wird inzwischen professionell angegangen, so hat z. B. der Verein Ambet e. V. in Braunschweig-Watenbüttel ein Haus errichtet, das mehr ist als nur eine Wohnanlage. Neben den Wohnungen für ältere Menschen sind hier weitere Nutzungen untergebracht. Das Herzstück der Anlage ist eine Begegnungsstätte, die nicht nur den Bewohnern, sondern dem ganzen Ort zur Verfügung steht. Die Bewohner sollen nicht abgesondert wohnen, sondern im Herzen einer Dorfgemeinschaft leben. Es ist zu hoffen, dass das hier geschaffene Potenzial eine gute Entwicklung in Gang setzt.

Wohnen in Gemeinschaft

Nicht immer steht eine professionelle Organisation hinter neuen Projekten. Wohngemeinschaften nicht für Studenten, sondern für Senioren sind seit geraumer Zeit im Gespräch und einige wurden auch in die Tat umgesetzt. Nicht immer mit Erfolg. Für viele Menschen ist die Umstellung zu groß. Wer in einer Gruppe leben will, muss sich auf Kompromisse einlassen können.

  • Doch es gibt auch erfolgreiche Wohngemeinschaftsprojekte für Senioren. In Potsdam haben sich die Kinder und Partner von Senioren mit De­menz zusammengetan und die Wohngemeinschaft „Leben wie ich bin“ für ihre Angehörigen aufgebaut. Solch ein Projekt ist sicherlich nicht ohne enormes persönliches Engagement zu stemmen. Damit Nachahmer es einfacher haben, wurden die Erfahrungen aus der Gründung dieser Wohngemein­schaft in einem Handbuch zusammengefasst.

Die neue Großfamilie

All die o. g. Lebensformen sind ganz speziell für Senioren entworfen worden. Der historischen Großfamilie kommen wir so nicht näher. Da der Wunsch danach aber vielfach existiert, sind sog. Mehrgenerationenhäuser entstanden, in denen Menschen aller Altersgruppen leben. Meistens handelt es sich hierbei nicht um eine große Wohngemeinschaft, sondern um private Wohnungen und zusätzliche gemeinschaftlich genutzte Räume.

  • Durch die räumliche Nähe und das Zusammentreffen in den Gemeinschaftsräumen haben die Bewohner viele Kontakte untereinander. Davon profitieren besonders die alten und ganz jungen Bewohner dieser Häuser. So wohnt Oma mit im Haus, auch wenn sie nicht die leibliche Großmutter, sondern Frau Müller ist.
  • Die zusätzlichen Flächen kosten Geld und machen Arbeit. Viele Projekte scheitern daran, denn an Geld fehlt es häufig, und der Wille zur Gemeinschaft ist in der Theorie meist größer als in der Praxis.
  • Teilweise werden solche Wohnprojekte von den Kommunen unterstützt oder diese treten sogar als Investor und Vermieter auf. Wenn es diese öffentliche Unterstützung nicht gibt, müssen die Bewohner das notwendige Kapital selbst aufbringen oder einen Investor haben. Bei einigen Projekten sind Wohnungsbaugesellschaften als Träger aufgetreten. Es wäre schön, wenn hier mehr Experimentierfreude zu sehen wäre. Das könnte sich auch auszahlen, denn mit einem attraktiven Angebot können Mieter langfristig gebunden werden.

Wer wird noch gebraucht?

Für ein erfülltes Leben reicht es nicht aus, angenehm zu wohnen. Das Leben braucht einen Sinn. In unserer heutigen Gesellschaft wird vieles schön sauber voneinander getrennt. Auch das Leben wurde unterteilt: Erst kommt die freie Kindheit zum Spielen, dann die Schulzeit zum Lernen, gefolgt von der Erwerbstätigkeit und zum Abschluss gibt es das Rentenalter zum Ausruhen. Doch wer will sich zwanzig Jahre lang ausruhen?

  • Sicherlich suchen sich die allermeisten Menschen eine Beschäftigung und sind durchaus zufrieden, nicht mehr arbeiten zu müssen. In Altersheimen kann man jedoch folgendes Phänomen beobachten: Die Bewohner dort haben alles, was sie brauchen, und müssen sich um nichts kümmern. Da sollten sie doch glücklich sein. Sind sie aber nicht, denn der Sinn fehlt.
  • Sie sind nicht mehr Teil der Gesellschaft. Wer pflichtbewusste Kinder und Enkel hat, wird noch regelmäßig besucht. Wer das nicht hat, kann leicht alle sozialen Kontakte verlieren.
  • Wer arbeitet, bringt sich sinnvoll in die Gesellschaft ein. Wer in Rente ist, darf die Erträge seiner Arbeit genießen, einbringen soll er/sie sich bitte nicht mehr. So ist die Realität in unserer Gesellschaft, aber so sollte sie nicht sein. Ich habe mich deshalb hier zu einer Utopie hinreißen lassen:

Sich einbringen dürfen

Ich stelle mir eine Heimat für Senioren vor, in der die Bewohner nicht nur versorgt werden, sondern leben und arbeiten, sich also in die Gesellschaft einbringen können, soweit das individuell noch möglich und gewünscht ist.

  • Es geht hierbei natürlich nicht um ein Arbeitslager für Alte. Ökonomischer Leistungsdruck sollte hier nicht herrschen. Den Bewohnern soll hier jedoch die Möglichkeit geboten werden, sich sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen.
  • Das Haus könnte z. B. eine Werkstatt haben und einen Laden, vielleicht auch ein Café. Unterrichtsräume für Nachhilfeunterricht dürfen natürlich nicht fehlen.
  • Wer sich die Bewohner eines heutigen Seniorenheimes in meiner Utopie vorstellt, muss mich schlicht für verrückt halten. Wie bitte schön sollen demenzkranke Menschen, die sich kaum noch bewegen können, ein Café betreiben? Richtig, doch die Bewohner meiner Utopie haben sich rechtzeitig mit dem Problem des Alterns auseinandergesetzt und haben sich früh dafür entschieden, hier einzuziehen.
  • In unsere heutigen Altenheime gehen die Menschen erst, wenn nichts anderes mehr geht, dann muss schnell gehandelt werden, und ein Seniorenheim ist die einzige Möglichkeit.
  • Sicherlich gibt es Krankheitsbilder, bei denen eine Betreuung in den eigenen vier Wänden kaum noch möglich ist, selbst wenn ich in engem Kontakt mit den Nachbarn bin und die Wohnung behindertengerecht ist. Enge soziale Kontakte, ein mobiler Pflegedienst und eine behindertengerechte Wohnung können jedoch in den meisten Fällen helfen.

Was nichts kostet, ist nichts wert

Die Bewohner meiner Utopie bringen sich also mit ihrer Arbeit in die Gesellschaft ein und das wird anerkannt. Unserer Gesellschaft hat ein Mittel, um Anerkennung auszudrücken: Geld.

  • Das bedeutet, dass die Arbeit in meiner Utopie auch bezahlt werden muss. Wie schon gesagt, es geht nicht darum, im Konkurrenzkampf der freien Wirtschaft große Gewinne zu machen, es geht lediglich darum, Anerkennung zu zeigen, nicht jedoch darum, Almosen zu geben.
  • Geht das denn? Nein, natürlich geht das nicht, denn eine Einrichtung, in der die Bewohner gepflegt werden und gleichzeitig Geld verdienen, lassen unser Arbeits- und Pflegerecht nicht zu.
  • Wünschenswert wäre es trotzdem. Wir sollten uns also fragen, wie wollen wir alt werden, und was hindert uns daran?
  • Gesetze sind Vereinbarungen, die unsere Gesellschaft getroffen hat. Für die meisten Gesetze gibt es gute Gründe, doch wo sie uns im Wege stehen, sollten sie an die Bedürfnisse der Gesellschaft angepasst werden.

Fotos: Panthermedia/arekmalang

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