Artikel erschienen am 20.05.2014
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Survival – ein Projekt zur Unfallverhütung für Schulkinder

Von Prof. Dr. med. Wolf-Peter Sollmann, Braunschweig

Unfälle mit Kopfverletzungen sind die häufigste Todesursache bei Kindern und jungen Menschen. Die Überlebenden behalten oft schwere Schäden zurück, die fortan ihr Leben und das ihrer Angehörigen bestimmen. Auch die beste medizinische Hilfe kann den unmittelbar beim Unfall eingetretenen Hirn- und Rückenmarkschaden nicht reparieren, sondern bestenfalls eine Verschlechterung nach Einlieferung ins Krankenhaus verhindern und das Gehirn bei der begrenzten möglichen Erholung fördern. Für die einzig effektive Vorbeugung von Kopfverletzungen gibt es zu wenig geförderte Programme. Aus dieser Not heraus entstand 2009, initiiert von Prof. Sollmann, Neurochirurgische Klinik des Städtischen Klinikums Braunschweig, mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Braunschweiger Land (Familie Hinrichs) das Projekt „Survival“: Schadens- und Risikovermeidung im Verkehr aktiv lernen.

Das Konzept des Projekts Survival ist eine ganztägige Veranstaltung für Schulklassen, bei der jeder Schüler an verschiedenen Stationen selbst aktiv unter professioneller Anleitung Versuche und Übungen durchführen kann, die an die Vermeidung von Unfällen und Kopfverletzungen heranführen. Die Veranstaltung fand 2009 erstmals in der Autostadt Wolfsburg statt und 2014 zum nunmehr dritten Mal im Bildungszentrum des Städtischen Klinikums Braunschweig. Bereits beim Betreten des Hörsaals kommen die Schüler an einer abgesperrten simulierten Unfallstelle mit einem zerstörten Fahrrad, moderiert von einem Mitarbeiter des Präventionsteams der Polizei, vorbei. Während sie im Hörsaal Platz nehmen, laufen Videos von ADAC-Crashtests mit Fahrzeugen und Dummys von Erwachsen, Kindern und Tieren. Nach der Begrüßung folgt ein Vortrag über Unfallsituationen mit Veranschaulichung der Ernergieeinwirkung und Hinweis auf Gefahrensituationen an Kreuzungen und Überwegen sowie Möglichkeiten der besseren Sichtbarkeit im Dunkeln. Anschließend begeben sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen von 25 Kindern auf die 7 Stationen, wo sie im Wechsel jeweils 30 Minuten verbleiben.

Der ADAC ist mit 3 Aktionen vertreten: Bei „Achtung Auto“ erlernen die Schulkinder den Unterschied zwischen Brems- und dem sehr viel längeren Anhalteweg, sie lernen Anhaltewege bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten abzuschätzen und erleben im Fahrzeug eine Vollbremsung mit. Beim ADAC-Fahrrad-Parcours geht es um Beweglichkeit und Präzision beim Radfahren auf einem Parcours, der hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Balance stellt. Im Überschlagssimulator wird ein Fahrzeug 360 Grad um die Längsachse gedreht, die Kinder spüren dabei das Gefühl, kopfüber im Sicherheitsgurt zu hängen (Abb. 1).

Abb. 1: Überschlagssimulator des ADAC

Feuerwehr, Johanniter, DRK und Arbeiter-Samariter stellen im Wechsel ein Notarzt-Einsatzfahrzeug mit seiner Ausrüstung vor. Die Schülerinnen und Schüler, die fast alle ein Smartphone oder Handy besitzen, erlernen das korrekte Absetzen eines Notrufes, Bergung, Lagerung und Erste Hilfe eines simulierten Unfallverletzten.

An einem 10-Tonner-LKW der Firma Wandt erklärt ein erfahrener Berufskraftfahrer das eingeschränkte Gesichtsfeld des Fahrzeugführers und die Größe des sogenannten „toten Winkels“ im seitlichen und hinteren Feld des Lastkraftwagens. Die Kinder können selbst die Position des Fahrers einnehmen, während sich die gesamte übrige Schulklasse im toten Winkel versteckt, hier ist zusätzlich ein schweres Motorrad abgestellt, an dem ein erfahrener Biker die Besonderheiten eines Zweirads bezüglich der Sichtbarkeit, der schnellen Annäherung und des Bremsverhaltens erklärt. Selbstverständlich können sich die Kinder auch auf die schwere Maschine setzen und die Fahrerposition einnehmen (Abb.2).

Abb. 2: Eine ganze Schulklasse im toten Winkel des LKW

Drei Aktionen finden im Innenbereich statt

Ärztinnen und Ärzte der neurochirurgischen Klinik zeigen mit original Operationsinstrumenten, wie man eine Kopfoperation durchführt und wie groß das Schädelknochenstück sein muss, das man für eine lebensrettende Entlastung des Gehirns he-rausnimmt. Als Modell dienen Kokosnüsse und Profilholzbretter. Die Kinder können – geschützt durch OP-Haube, Mundschutz und Schutzbrille – selbst die OP-Instrumente verwenden. Die Botschaft ist sehr naheliegend: Es ist gar nicht so schwierig, eine Kopfoperation zu lernen, aber besser wir brauchen das überhaupt nicht (Abb. 3)!

Abb. 3: Simulation einer Kopfoperation mit Kokosnuss

Die Schutzwirkung von Helmen wird im Eier-Crashtest demonstriert. Jedem ist völlig klar, dass ein Ei bereits beim Fall aus weniger als 50 cm Höhe sicher zerbricht. Wenn man das Ei allerdings mit einem kleinen Spezialhelm aus Styropor schützt, übersteht es mit großer Wahrscheinlichkeit sogar den freien Fall aus 2 m Höhe, und wenn es beschädigt ist, hat es vielleicht nur einen kleinen Sprung und ist nicht völlig zerstört. Jedes Kind erhält ein Ei, das oft liebevoll angemalt und mit einem Gesicht individuell gestaltet wird, man fiebert mit, dass dem eigenen Ei möglichst nichts zustößt.

Besondere körperliche Aktivität ist bei der Aktion des Braunschweiger Judo Clubs gefragt (Vorsitzender Honner Hornuß). Wettkämpfer und Jugendtrainer demonstrieren zunächst einige spektakuläre Wurftechniken und zeigen, wie sich der Kämpfer beim Fallen richtig abfängt oder abrollt. Anschließend erfolgt ein spielerisches Aufwärmprogramm für die Kinder, die nun selbst unter Anleitung das richtige Fallen zur Vermeidung von Verletzungen erlernen. Ein aktives, bewegliches und geschicktes Kind ist sowohl aufmerksamer beim Erkennen von Unfallsituationen als auch geschickter bei der Vermeidung schlimmer Folgen, beispielsweise durch rechtszeitiges Ausweichen oder Abrollen im Kollisionsfall. Bei den Übungen erkennt man erhebliche Unterschiede zwischen gut trainierten und weniger sportlichen Kindern, denen aber auch ein Erfolgserlebnis vermittelt und Motivation für sportliche Aktivität gegeben werden soll (Abb. 4).

Abb. 4: Fallübung, Anleitung durch Kämpfer des Braunschweiger Judo Clubs

Nach einer kurzen Pause treffen sich alle Beteiligten erneut im Hörsaal, hier haben die Schülerinnen und Schüler nun die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu äußern und die Stationen der Veranstaltungen zu beurteilen. Die Gruppen haben Evaluationsbögen ausgefüllt und Schulnoten für die einzelnen Aktivitäten vergeben. Es erfolgt unter viel Applaus der Dank an die mitgereisten Lehrer und die Moderatoren, die sich noch einmal kurz vorstellen. Der Heimweg erfolgt individuell oder mit gecharterten Bussen.

Die drei beteiligten Schulen führen Projektwochen zur Verkehrssicherheit durch, dabei werden Fragebögen über Erfahrungen und Risikoverhalten im Straßenverkehr ausgefüllt und zur Auswertung dem Survival-Team zur Verfügung gestellt. Hierbei soll herausgefunden werden, ob durch das Projekt wertvolle Kenntnisse erworben und das Risikobewusstsein verändert werden konnte.

Danksagung

Survival ist für die Schülerinnen und Schüler kostenfrei, einschließlich der Busanreise für die entfernteren Schulen und der Mittagsverpflegung. Die Kosten in Höhe von ca. 5 000 Euro pro Veranstaltung für Hörsaal, Anreise, Verpflegung, Medien und Auslagen der Moderatoren werden aus Spenden finanziert. Hauptsponsor ist die Stiftung Braunschweiger Land, ferner die Aktion Kinderunfallhilfe und der Rotary Club Braunschweig Hanse. Dieser führt 2014 einen Benefiz-Oldtimer-Tag zur Unterstützung von Survival durch. Besonderer Dank gilt dem ADAC Sachsen-Anhalt (Reinhard Manlik) und den bis zu 40 freiwilligen Helfern. Durch die großzügige Unterstützung und die Begeisterung der beteiligten Schulen ist das Projekt Survival auch in den nächsten Jahren gesichert.

Information

www.klinikum-braunschweig.de

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