Artikel erschienen am 16.05.2014
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Psychosoziale Folgen der Hörminderung

Von Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan, Königslutter am Elm
Mohammad-Zoalfikar Hasan
Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan
Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie

Hörverluste, bzw. Hörminderung können schwere seelische und psychosoziale Folgen nach sich ziehen. Die Tatsache, dass nur ca. eine Million von vier bis sechs Millionen betroffener Menschen in der Bundesrepublik Deutschland mit Hörgeräten versorgt sind, weist zum einen auf die Unterversorgung dieser Menschen hin und zum anderen darauf, dass Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema erforderlich sind. Für Guthörende ist die Schwerhörigkeit kaum vorstellbar, denn anders als beim Sehen kann das Hören nicht einfach und willkürlich abgestellt werden. Die Alarmfunktion des Hörens ist entscheidend für die Gefahrensicherung und das Überleben. Durch das Hören ist auch unsere räumliche Orientierung sicherer und unsere Aufmerksamkeit zentrierter. Gerade in der Moderne ist das Hören eine entscheidende Voraussetzung für Kommunikation und emotionale und soziale Beziehungsgestaltung.

Eine angeborene Gehörlosigkeit stellt eine besondere Belastung und Herausforderung an die betroffenen Kinder aber auch deren Eltern dar. Das Kind muss verarbeiten und bewältigen, dass es mit den Eltern und Geschwistern nicht so kommunizieren kann wie andere Kinder. Die sozialen Kontakte zu anderen Kindern sind erschwert. Kinder mit Hörverlust werden als „Mutisten“, „geistig behindert“ usw. fehleingeschätzt. Die Situation verbessert sich oft mit der Einschulung. In Schulen für Hörgeschädigte haben gehörlose Kinder die Möglichkeit, andere gehörlose Kinder zu treffen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen und zu kommunizieren. Die starke Orientierung Gehörloser an gehörlosen Menschen setzt sich nicht zuletzt wegen der Gebärdensprache im Laufe des Lebens dieser Menschen fort. Eine weitere besondere Anpassungsleistung wird von gehörlosen Eltern nach der Geburt ihrer eigenen Kinder, die in der Regel normal hören, abverlangt. Die Mehrzahl der Gehörlosen, die in einer partnerschaftlichen Beziehung leben, haben ebenfalls eine gehörlose Partnerin bzw. einen gehörlosen Partner. Dabei sind nur 10 % der Kinder von gehörlosen Frauen hörbehindert.

Glücklicherweise sind viele Gehörlose beruflich tätig. Sie sind aber mehrheitlich als Arbeiter oder ungelernte Kräfte tätig und ihr Einkommen ist in der Regel unterdurchschnittlich. Die Untersuchungen der Spezialambulanz für Gehörlose in Linz haben gezeigt, dass ca. 40 % der 300 untersuchten Gehörlosen in der Spezialambulanz seelische Störungen aufweisen. Ein Drittel litt an neurotischen, belastungs- und somatoformen Störungen, 10 % an Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sowie Depressionen und 5 % an Suchterkrankungen. Die Schizophrenie lag bei dieser Untersuchung bei 1 %, genau wie in der Allgemeinbevölkerung. Die frühere Meinung, dass Schizophrenie bei Gehörlosen häufiger auftritt als bei der Allgemeinbevölkerung, hat sich nicht bestätigt.

Bei erworbener Schwerhörigkeit, die meistens im erwachsenen Lebensalter beginnt, dominieren Aspekte der Selbstunsicherheit, Verlust des Selbstvertrauens und des Vertrauens in die Umgebung und das soziale Umfeld. Menschen mit Schwerhörigkeit können deshalb misstrauisch, empfindlich, leicht verletzbar und zum Teil gereizt reagieren. Sie ziehen sich zurück, werden einsam, schließen sich aus der Gesellschaft aus. Manchmal werden sie aufgrund der o. g. Verhaltensweisen gemieden. Es kann zu Missverständnissen, heimlichem Spott mit entsprechenden Konflikten und Belastungen im sozialen Bereich kommen. Die Folge ist der soziale Rückzug, die soziale Isolation und Beeinträchtigung der Souveränität und der psychischen und physischen Robustheit. Psychosomatische Beschwerden wie Wetterfühligkeit, Kopfdruck, Schlafstörung, Schwindel, Nervosität, Reizbarkeit und rasche Erschöpfbarkeit sind häufig. Ebenfalls werden Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen und Traurigkeit berichtet. Es kann aber auch zu schweren psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit kommen; die Suizidgefahr ist bei Menschen mit Schwerhörigkeit zehnmal höher als in der allgemeinen Bevölkerung.

Die Anzahl der Betroffenen insbesondere mit psychischer Belastung macht deutlich, wie wichtig es ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es hat sich als hilfreich erwiesen, wenn sich Mitmenschen für das Gespräch mit den Betroffenen mehr Zeit nehmen, ihnen die Möglichkeit geben, von den Lippen abzulesen, so weit wie möglich Nebengeräusche vermeiden und sich bemühen, mit ihnen klar und deutlich zu sprechen. Für die Betroffenen ist es wichtig, zu ihrer Behinderung zu stehen, sie nicht zu verheimlichen und um Rücksicht seitens der Umgebung zu bitten. Sie sollten sich nicht scheuen, Hilfen – auch technische – anzunehmen.

„Wer als Schwerhöriger glaubt, sein Leben wie zuvor weiterführen zu können, zersplittert seine Kräfte und gerät in Überforderung, Erschöpfung, seelische Verwundbarkeit, Verzweiflung und vielleicht sogar ‚dunkle Gedanken‘.“ – Prof. Dr. Volker Faust. Recht hat er.

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