Artikel erschienen am 19.05.2014
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Diagnose Skoliose! Was nun?

Von Nils Behre, Braunschweig

Die Patienten und ihre Angehörigen berichten immer wieder, dass die Diagnose Skoliose sie umgehauen hat und dass sie nichts oder nur sehr wenig über diese Erkrankung der Wirbelsäule wussten und sofort viele Fragen auf die meist jugendlichen Patienten einstürzten. Was ist Skoliose? Wer bekommt Skoliose? Und wie wird sie behandelt?

Die Skoliose (altgriechisch skolios für krumm) ist eine Seitabweichung der Wirbelsäule in der Längsachse. Die Wirbelsäule ist im gesunden Zustand von frontal gesehen eine Gerade; bei der Skoliose weicht die Wirbelsäule von dieser Geraden aber ab. In Bögen biegt sich die Wirbelsäule nach rechts und links und kann nicht von der Muskulatur gehalten werden, sodass sie eine S- oder Fragezeichen-Form annimmt. Zusätzlich verdrehen sich die Wirbelkörper gegenseitig, was als Rotation in der Diagnose bezeichnet wird. Diese Verdrehung fällt auch zuerst den Angehörigen der jugendlichen Patienten auf, denn beugt sich ein Patient mit Skoliose nach vorne, entsteht durch die Rotation der Wirbelkörper (in Verbindung mit den Rippen) im Bereich der Brustwirbelsäule der sogenannte Rippenbuckel. In der Lendenwirbelsäule rotiert der Wirbelkörper mit der Rückenmuskulatur und es entsteht die sogenannte Lendenwulst. Diese beiden Veränderungen stellen die Angehörigen zumeist im häuslichen Umfeld fest und suchen dann den Kinderarzt oder den Orthopäden auf, der dann die Dia­gnose stellt und die Therapie einleitet.

Eine der meistgestellten Frage ist immer wieder: „Auf was haben wir nicht geachtet? Wie konnte die Skoliose entstehen?“ Doch leider hat die Medizin hierauf keine Antwort. Denn 90 % der diagnostizierten Skoliosen sind sog. idiopathische (= spontan entstehend, ohne bekannte Ursache) Skoliosen. Die Ursache ist somit nicht bekannt, doch man hat bei der Erkrankung Faktoren festgestellt, die sich häufen. Es trifft mehr heranwachsende Frauen als Männer, in der Pubertät nehmen durch das vermehrte Längenwachstum die Verbiegungen (Gradzahlen) meistens zu und 3/4 der Skoliosen haben die Form eines Fragezeichens, wenn man auf den Rücken schaut.

Abb. 1: Winkel nach Cobb

Wie sieht die Therapie aus, wenn eine Skoliose diagnostiziert wurde? Um diese Frage zu beantworten, muss erwähnt werden, dass die Skoliose in unterschiedliche Schweregrade (Winkel) und Verbiegungsarten eingeteilt wird. Um die Stärke der Verbiegung festzustellen, wird an dem Röntgenbild des Patienten der sogenannte Cobb-Winkel (nach John Robert Cobb) gemessen. Dazu wird der Wirbelkörper vom Beginn des Bogens bis zum Wirbelkörper am Ende des Bogens gemessen. Dieser Winkel entscheidet, wie mit der Therapie begonnen wird. Ist der Cobb-Winkel zwischen 0 – 20 Grad, wird mit Physiotherapie begonnen, die zur Aufgabe hat, die geschwächte Muskulatur an der Wirbelsäule zu stärken und zu stabilisieren. Dies erfordert aber, dass der Patient die ihm gezeigten Übungen 5 – 6 mal die Woche wiederholt, um der Verbiegung entgegenzuwirken.

Ist der Cobb-Winkel zwischen 20 – 40 Grad, dann wird zusätzlich zur Physiotherapie eine Korsetttherapie eingeleitet, weil man aus den Erfahrungen mit der Erkrankung festgestellt hat, dass die biomechanischen Kräfte, die ab 20 Grad wirken, nicht mehr nur mit dem Aufbau und der Stabilisation der Muskulatur gehalten werden können. Dazu bedarf es dann eines Korsetts, welches die Aufgabe hat, von außen den Rumpf des Patienten in eine korrigierte Position zu bringen, in der die Cobb-Winkel verkleinert sind und die Wirbelsäule begradigter weiterwachsen kann. Mit einem solchen korrigierenden, asymmetrischen Korsett wird die Wirbelsäule aufgerichtet und der Patient stabilisiert und durch sein Wachstum die gewünschte Position der Wirbelsäule gehalten.

Abb. 2: Korsettvergleich vorher-nachher

Der Beginn der korrigierenden Korsetttherapie beginnt unmittelbar nach der Diagnose und endet mit Abschluss des Wachstums des Patienten, welches durch ein Wachstumszeichen nach Risser festgestellt wird. Hat ein Patient einen Cobb-Winkel von mehr als 40 Grad, ist es ratsam, sich bei einer operativen Klinik vorzustellen, die die jugendliche Skoliose operiert. Das Korsett und die Physiotherapie können ab dieser Winkelzahl nur noch eingeschränkt wirken, sodass man über eine operative Begradigung und Stabilisation der Wirbelsäule nachdenken muss.

Abb. 3: Risser-Zeichen

In den letzten Jahrzehnten haben verschiedene Ärzte und Einrichtungen Korsette entwickelt, die der Skoliose entgegenwirken oder sie stoppen sollen. Beispiele hierfür sind das Boston- oder das Milwaukee-Korsett. Diese beiden Beispiele sind aber nicht mehr Stand der Technik und werden nur noch vereinzelt eingesetzt. Durchgesetzt hat sich die Korsettbauweise nach dem französischen Arzt Jacques Chêneau. Er führte 1978 ein Korsett ein, welches als sog. aktives Inspirations-Derotations-Korsett die Orthopädietechnik auf den Kopf stellte. Die Ansichten und Ergebnisse von Chêneau sind heute die Basis, auf der die Orthopädietechnik dem Erfinder folgt und andere Bauweisen verdrängt hat.


Die Modellherstellung eines Korsetts hat sich in den letzten 10 Jahren stark gewandelt. So wurden früher die Patienten noch von Schulter bis Gesäß eingegipst, um daraus ein Gipsmodell des Patienten herzustellen. In diesem Teil der Orthopädietechnik ist die Computertechnik ein Gewinn für die Patienten. Das Gipsmodell ist ein starrer Körper und kann nicht verändert werden. Mit Hilfe der Computertechnik ist es möglich, anhand eines virtuellen Körpers z. B. den Bauch gegen die Brust zu verschieben, um eine bessere Aufrichtung zu erreichen. Die neueste technische Erweiterung wird gerade in die Korsettherstellung integriert. Mit Hilfe eines 3-D-Fotoscanners (der 16 Bilder pro Sekunde aufnimmt), kann der ganze Patient erfasst werden und direkt an seinem virtuellen Rumpf das Korsettmodell angepasst werden.

 

Abb. 4: Rumpfmodell im PC

Abb. 5: 3-D-Scanner

Nachdem das virtuelle Rumpfmodell des Patienten fertig ist, wird mit Hilfe einer Fräse dieses Modell aus einem Schaumrohling gefräst. Erhitztes Plastik wird dann um das Modell gelegt und mit einem Unterdruckverfahren angeformt. Nachdem das Plastik abgekühlt ist, wird das Korsett vom Schaum gelöst und zugeschnitten. In der Anprobe wird das Korsett dann am Patienten angepasst, sodass die Druckpunkte, die das Korsett aufbauen sollen, auch optimal sitzen. Die Eingewöhnung an das Korsett erfolgt nach einem Stufensystem und wird pro Tag um eine Stunde erhöht. Ist der Patient bei einer Tragedauer von 23 Stunden angelangt, wird das Korsett am Patienten überprüft und ggf. Korrekturen vorgenommen. Das Korsett sollte dann nur noch zum Sport, der Körperhygiene, den häuslichen Eigenübungen und der Physiotherapie abgelegt werden.

Die Therapie der Skoliose ist langwierig und gewiss nicht einfach, da sie in der Pubertät der Patienten stattfinden muss. Die Erfolge vor allem mit den virtuell hergestellten Rumpfmodellen und der konsequenten Physiotherapie sprechen aber für sich.

In manchen Krankenhäusern werden Skoliose-Sprechstunden angeboten und sich somit verstärkt um die Patienten und ihr Krankheitsbild gekümmert.

Info

Wenn Sie zu diesem Thema oder einem anderen orthopädietechnischen Hilfsmittel eine Frage haben, stehen wir Ihnen gerne mit Rat und Tat zur Seite.

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