Artikel erschienen am 10.05.2013

Erkrankungen und Fehlstellungen im Bereich der Zehen und des Vorfußes

Von Prof. Dr. med. Karl-Dieter Heller, Braunschweig

Erkrankungen im Bereich des Vorfußes können zahlreiche Ursachen haben – es gibt sowohl anlagebedingte als auch erworbene Erkrankungen. Von besonderer Bedeutung in dieser Region sind Zehenfehlstellungen, Fehlstellungen oder  Verkürzungen der Mittelfußknochen und Instabilitäten zwischen den Mittelfußknochen und den Fußwurzelknochen.

Beschwerdesymptomatik

Viele Betroffene suchen ihren Orthopäden wegen Fußbeschwerden auf. Durch den aufrechten Gang unterliegen die Füße einer großen statischen Belastung. Bei erheblicher Vorbelastung (Fußform, zu lockeres Bindegewebe) kann es im Laufe des Lebens zu einer zunehmenden Fehlstellung der Zehen mit daraus resultierenden Schmerzen kommen. Enge Schuhe können diese Fehlstellung begünstigen, sind jedoch nicht die Ursache dafür. Eine typische Fehlstellung ist das Abweichen der Großzehe nach außen, verbunden mit einer Krallen- oder Hammerfehlstellung der anderen vier Zehen. An der Innenseite des Vorfußes bildet sich eine schmerzhafte Vorwölbung, häufig mit begleitender Schleimbeutelentzündung (Abb. 1). Typischerweise beklagen die betroffenen Patienten anfangs belastungsabhängige Beschwerden, wie einen Druck im Bereich des Schuhwerks und in weiterer Folge Schmerzen in den betroffenen Zehengelenken. In fortgeschrittenen Fällen kann daraus eine Verschleißerkrankung des Zehengelenkes resultieren, die sogar zu belastungsabhängigen Ruheschmerzen führen kann. Es kann zu einem einem hinkenden Gangbild führen.

Abb. 1: Typische Fehlstellung

Behandlungsstrategien

Therapeutisch unterscheidet man zwischen der konservativen (nichtoperativen) und der operativen Therapie. Kriterien für die Wahl des geeigneten Therapieverfahrens sind einerseits das Ausmaß der Fehlstellung bzw. der Verschleißerkrankung und andererseits die vom Patienten beklagten Beschwerden. Die Behandlungsziele sind die Beseitigung der Schmerzen sowie die Aufhebung der Fehlstellung und damit die Verbesserung der Lebensqualität.

Konservative Behandlung

In Frühstadien der Fehlstellungen oder der verschleißbedingten Veränderungen kann durch eine nichtoperative Therapie eine Beschwerdefreiheit oder Beschwerdelinderung herbeigeführt werden. Diese Therapieform besteht neben krankengymnastischen und physikalischen Therapieanwendungen in der Verschreibung von Einlagen und orthopädischem Schuhwerk. Auch gezielte Injektionen können sinnvoll sein.

Operative Behandlung der Zehenfehlstellungen und Vorfußerkrankungen

Sollten konservative Maßnahmen nicht helfen, so ist ein operativer Eingriff notwendig, um die gestörte Funktion des Fußes und die damit verbundenen Schmerzen zu beseitigen. Eine Spezialisierung auf diesem Gebiet ist sinnvoll, da zahlreiche Operationsverfahren im Bereich der Zehen und des Vorfußes beherrscht werden müssen. Es wird eine differenzierte Behandlungsstrategie, orientiert am Grad der Fehlstellung, der Beschwerdesymptomatik bzw. des Arthrosegrades angeboten. Bei reinen Fehlstellungen der Großzehe orientiert sich die Art des Behandlungsverfahrens und damit die Aufwendigkeit der Nachbehandlung an dem radiologischen Befund des Vorfußes.

Sowohl der Grad der Arthrose im Großzehengrundgelenk als auch die Stellung des ersten Mittelfußknochens zum 2. Mittelfußknochen bestimmen die Wahl des Operationsverfahrens.

Ohne Verschleiß im Großzehenrundgelenk wird entweder gelenknah korrigiert (Abb. 2) oder es wird in Abhängigkeit vom Winkel eine Korrektur im Mittelfußknochen (Abb. 3) vorgenommen. Im Falle einer Arthrose des Großzehengrundgelenkes sowie des Gelenkes zwischen dem Mittelfußknochen und dem Fußwurzelknochen kommen je nach Ausmaß der Arthrose gelenkversteifende Maßnahmen zur Anwendung. Nach einer Versteifung ist ein schmerzfreies Gehen ohne Probleme möglich. Oft werden begleitende Fehlstellungen der Zehen 2 bis 4 mittherapiert.

Abb. 2: Gelenknahe Korrektur (Chevron-Osteomie)

Abb. 3: Gelenkferne, sog. basisnahe Korrektur mit Korrektur im Grundglied (Akin-Osteomie)

Die Operationen können entweder ambulant oder stationär durchgeführt werden. Bei den aufwendigeren Operationen empfiehlt sich eine stationäre Behandlung. Die Rehabilitation beginnt bereits am ersten Tag nach der Operation. Für alle Fälle werden bei der Therapieform exakt angepasste Behandlungsschemata angewandt.

Nachbehandlung

Die Art der Nachbehandlung richtet sich nach dem Aufwand bzw. dem Umfang des Eingriffes.

Bei kleineren Operationen kann der Patient sofort nach der Operation unter Verwendung einer entsprechenden Schuhversorgung für die ersten vier Wochen direkt voll belasten. Bei aufwendigen Operationsverfahren im Mittelfußknochenbereich muss in bestimmten Fällen die betreffende Extremität entlastet werden.

Fußchirurgie ist keine Schönheitschirurgie!

Die Aufgabe der Fußchirurgie besteht darin, Schmerzen zu beseitigen. Kosmetische Probleme sind nicht der alleinige Grund für einen operativen Eingriff.

Foto: panthermedia/Oleg Kirillov

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