Artikel erschienen am 10.05.2013
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CMD – Cranio-mandibuläre Dysfunktion

Eine ganzheitliche Betrachtung

Von Dr. med. dent. Angela Fischer, Braunschweig

Körper und Seele bilden eine untrennbare Einheit. Funktion, Dysfunktion, Adaption und Schmerz liegen dicht beieinander: „Bewege ein Mosaik dieses Systems und siehe, alle anderen Teile reagieren, richten sich neu aus. “

So führt zum Bespiel eine experimentelle Beinlängenverkürzung zu Stellungsänderungen (adap­tiert oder nicht?) im Knie, im Becken, in der Schulter, an der Wirbelsäule, im Kopf- oder Kiefergelenk. Umgekehrt zeigen Untersuchungen, dass wie auch immer geartete Fehlstellungen von Oberkiefer zu Unterkiefer zu Störungen und Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich führen können.

Das Kiefergelenk, bestehend aus Gelenkköpfchen, -pfanne, Gelenkzwischenscheibe (Diskus), Kapsel und Bandapparat, ist nur eines von vielen Gelenken unseres Körpers. Alle Gelenke werden durch fein koordinierte Muskelaktivitäten bewegt und durch das zentrale Nervensystem gesteuert. Sie reagieren miteinander auf Störungen und Reize von außen.

Unser Körper ist ein Mobile

Die Fäden, die die Mobileteile verbinden bzw. steuern, sind die Muskeln, die Nerven und die Psyche. Belastende Lebensumstände modifizieren signifikant unsere psychosomatische Reaktion, Belastbarkeit und Fähigkeit zur Adaption.

Kennen Sie nicht alle den Spruch: „Zähne zusammenbeißen und durch?“

Was geschieht hier? Zähne, die an einem 24-Stunden-Tag normalerweise nur insgesamt 30 Minuten Kontakt zueinander haben, werden massiv mit mehr als der doppelten Kaukraft zusammengepresst. Und das über Stunden. Diese unphysiologische Daueranspannung der Muskulatur führt zu Stoffwechselstörungen, Übersäuerung, Verkrampfung und Schmerz.

Das facettenreiche Schmerzbild der cranio-mandibulären Dysfunktion innerhalb und außerhalb des stomatognathen Systems stellt die behandelnden Ärzte und Therapeuten nicht selten vor das Pro­blem der kausalen Zuordnung des Schmerzes. Eine Kooperation verschiedener Fachrichtungen ist in vielen Fällen nötig.

Anschauungsmodell für das gesunde, störungsfrei arbeitende Kauorgan. Die einzelnen Komponenten dieser funktionellen Einheit stehen fest aufeinander.

Geringfügige Differenzen, z. B. durch Störung in der Okklusion, führen nicht zwingend zu einem Einsturz des Systems, mindern allerdings die Stabilität dieser funktionellen Einheit.

Sind die Störungen jedoch in einem oder mehreren Teilen des Kauorgans zu massiv ...

... gerät der „Turm“ letztendlich aus dem Gleichgewicht und stürzt ein. Der Patient gibt in diesem Stadion häufig Beschwerden in Muskulatur und Kiefergelenken an (Myoarthropathien).

Die gleiche Situation wie in Abb. 3. Die funktionelle Einheit drohte zusammenzubrechen, wird nun aber sicher gestützt. Der kleine Hocker als Unterstützungsblock symbolisiert hier den Aufbissbehelf, mit dem es zunächst möglich ist, ohne Korrekturen an der natürlichen Bezahnung das unkoordiniert arbeitende Kauorgan in seiner Funktion zu stablilisieren.

Als zahnärztliche Ursachenaspekte für CMD gelten

  • andauernde Muskelverspannungen (Pressen, Knirschen)
  • Störungen in der Verzahnung (statische und dynamische Fehlkontakte)
  • Zahnfehlstellungen (Dysgnathien)
  • zu hohe oder zu tiefe Füllungen, Kronen oder Brücken
  • falsche Bisslagen oder falsche Vertikaldimensionen (Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer).

Diagnosestellung

  • Mit der klinischen Funktionsanalyse wird das funktionelle Zusammenspiel von Zähnen, Muskulatur und Gelenken untersucht. Dazu gehören Provokationstests, aktive und passive Bewegungstests, Dehnung und Kompression der Gelenk­räume in Statik und Dynamik, Resilienztests u. a.
  • Mit der instrumentellen Funktionsanalyse können Störungen, die sich bei der klinischen Untersuchung zeigen, verifiziert werden. Diag­nostische Hilfen bieten Scharnierachsenbestimmung, gelenkbezogene Justierung von Gipsmodellen in Artikulatoren (Kausimulator), Gelenkbahnregistrierung, penible Zentrikregistrierung (Biss) sowie Mandibularpositions- und Bewegungsanalysen.
  • Bei strukturellen Gelenkveränderungen und Diskopathien (Diskus = Gelenkscheibe) können weiterführende bildgebende Verfahren (MRT, CT, Röntgen) zur Anwendung kommen.

Therapiemöglichkeiten

  • Durch penibel im adjustierten Artikulator (Kau­simulator) gelenkbezüglich gefertigte Aufbissschienen (Bissführungs- oder Entspannungsschienen) wird die Muskulatur nach und nach entspannt. Die Kiefergelenke werden entlastet oder repositioniert. Eine adaptierte schmerzfreie Bisslage sowie eine verbesserte Funktion und das Wohlempfinden der Patienten sind das Therapieziel.
  • Krankengymnastische Übungen zielen auf eine Stärkung der defizitären Skelettmuskulatur, auf eine bewusste Körperhaltung (erlernbar!) und auf die Aufrichtung des gesamten Bewegungsapparates. Dazu gehören auch Dehnung und Mobilisierung von Gelenken sowie das Lösen von Blockaden.
  • Zusätzlich können physikalische Therapien (Wärme, Kälte, Druckwellentherapie, Elektrostimulation) die Behandlung positiv beeinflussen.
  • Zur Therapieunterstützung sind auch kurzfristig hoch dosierte entzündungshemmend und abschwellend wirkende Medikamente hilfreich.
  • Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, soziale Kontakte pflegen, Stressabbau – z. B. durch autogenes Training – unterstützen den Therapieerfolg.

Fazit

Wie eingangs als Mobile veranschaulicht, bilden Körper und Seele, Funktion und Statik eine komplexe Einheit. Alle ursächlichen Aspekte sollten interdisziplinär beleuchtet oder zumindest berücksichtigt werden. Sich daraus ergebende Nebenbefunde – orthopädische wie auch psychosomatische Faktoren – müssen zusammengeführt werden und in die Therapie einfließen.

Die Frage nach einer kausalen Ursache ist oft nicht zu beantworten. Viele laufende Wasserhähne führen zum Überlaufen einer „Badewanne“. Ob Zahnarzt, Orthopäde, Physio- oder Psychotherapeut, Osteopath oder Manualtherapeut – jeder muss und kann nur an „seinem“ Hahn drehen. Und der Patient muss aktiv mitarbeiten.

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