Artikel erschienen am 01.05.2012
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Von Kopf bis Fuß auf Gefäße eingestellt

Was kann eine moderne Gefäßchirurgie leisten?

Von PD Dr. med. Tomislav Stojanovic, Wolfsburg

Gefäße sind für die Durchblutung essenziell. Eine Gefäßeinengung (Arteriosklerose) führt auch zu einer Erkrankung der betroffenen Organe. So kann es z. B. zu einem Schlaganfall, einer Durchblutungsstörung von Organen, z. B. im Magen-Darm-Trakt oder in den Beinen (Schaufenstererkrankung, Amputation), kommen. Bei einer Erweiterung der Gefäße (Aneurysma) hingegen führt im schlimmsten Fall ein Platzen des Gefäßes zur akuten bedrohlichen Blutung. Die moderne Gefäßchirurgie kann durch moderne, schonende Verfahren (z. B. endovaskuläre Stents) und durch Kombination von mehreren Verfahren (Hybridverfahren) diese Erkrankungen behandeln und das Behandlungsrisiko so reduzieren.

Arteriosklerose

Die Arteriosklerose ist eine häufige Erkrankung in unserer Gesellschaft. Da sie das gesamte Gefäßsystem betrifft, kann sie auch unterschiedliche Gefäße betreffen. Sie ist hauptsächlich verantwortlich für Erkrankungen wie Schlaganfall, Durchblutungsstörung von Organen (z. B. Magen-Darm) – und insbesondere für die Durchblutungsstörung der Beine. Diese können sich entweder als sogenannte Schaufenstererkrankung äußern und im schlimmsten Fall zu einer Amputation des Beines führen. Risikofaktoren für eine Arteriosklerose sind zum Beispiel eine Zuckererkrankung, hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte, Rauchen oder Übergewicht. Auch fortgeschrittenes Alter ist ein Risikofaktor für Arteriosklerose.

Was kann man tun?

Grundlage der Behandlung der Arteriosklerose ist zunächst die konsequente Einstellung der Risikofaktoren. So kann mit einer guten Einstellung des Blutzuckers, der Blutfettwerte und einer konsequenten Einstellung eines hohen Blutdruckes sowie durch regelmäßige Bewegung und einem Verzicht auf Rauchen einiges getan werden. Wenn diese Maßnahmen keinen Erfolg bringen und Beschwerden auftreten, können dann Patient und Arzt gemeinsam über weitere Möglichkeiten entscheiden.

Von Kopf bis Fuß – welche Möglichkeiten gibt es bei verschiedenen Erkrankungen?

Einengung der Halsschlagader

Eine der häufigsten Ursachen eines Schlaganfalls ist eine Einengung der Halsschlagader. Durch die Arteriosklerose des Gefäßes können Partikel in das Gehirn verschleppt werden und so zu einem Schlaganfall führen. Sollte es zu Symptomen gekommen sein, können durch eine Behandlung der Ursache (der Kalkablagerungen in der Halsschlagader) weitere Schlaganfälle vermieden werden. Durch eine Operation der Halsschlagader wird die Kalkablagerung sicher entfernt und weitere Schlaganfälle werden verhindert. Die Operation selbst ist ein kleiner, standardisierter Eingriff mit einem geringen Risiko. Sie stellt das Standardverfahren für diese Erkrankung dar. In besonderen Fällen kann auch ein Stent eingesetzt werden. Welches Verfahren im Einzelfall angewandt wird, wird individuell und interdisziplinär zusammen mit dem Patienten entschieden. Auch wenn noch keine Symptome aufgetreten sind, stellt die Einengung der Halsschlagader ein potenzielles Risiko für mögliche Schlaganfälle dar. Hier ist eine regelmäßige Kontrolle durch Ultraschall ausreichend, sodass bei einer Zunahme der Einengung rechtzeitig über einen möglichen Eingriff entschieden werden kann.

Durchblutungsstörung von Arm und Bein – welche Beschwerden können auftreten?

Durchblutungsstörungen der Muskulatur durch Einengung der versorgenden Gefäße äußern sich in belastungsabhängigen Beschwerden. So führt eine Belastung der Muskulatur zu Krämpfen und Schmerzen, die sich in Ruhe rasch bessern. Ob eine Durchblutungsstörung dahinter steckt, können einfache und ungefährliche Untersuchungen aufdecken. Ist eine Durchblutungsstörung die Ursache der Beschwerden, kann bei einfachen Fällen eine Aufdehnung der Engstelle/-n bereits Linderung der Beschwerden bringen. Eventuell kann dies durch Einsetzen einer Gefäßstütze (Stent) weiter verbessert werden. In schwierigen Fällen kann durch offen chirurgische Verfahren wie dem Entfernen des Kalkes, Patchplastik oder Bypass ggf. in Kombination mit einer gleichzeitigen Aufdehnung in vielen Fällen eine deutliche Verbesserung der Beschwerden bringen oder das Bein retten. Selbst Operationen bzw. Interventionen an kleinen Gefäßen des Unterschenkels sind heute mit gutem Erfolg möglich. Auch größere Eingriffe sind heutzutage durch schonende Operationsverfahren und schonende Narkoseverfahren mit einem geringen Risiko durchführbar. Welches Verfahren im Einzelfall angewandt werden soll, wird individuell von Arzt und Patient zusammen entschieden.

Verschluss der langen Oberschenkelarterie

Mittels einer endovaskulären Prothese (Gefäßstütze) wiedereröffneter Verschluss der Oberschenkelarterie

Durchblutungsstörung des Magen-Darm-Traktes

Diese sind sehr selten, können aber zu Bauchschmerzen nach dem Essen und zu ungewolltem Gewichtsverlust führen. Sollte eine Durchblutungsstörung die Ursache sein, können hier entweder endovaskuläre Verfahren oder Umleitungsoperationen helfen. Das jeweilige Verfahren richtet sich nach Ausdehnung und Befund.

Erweiterungen der Gefäße (Aneurysmen)

Erweiterungen der Gefäße, sogenannte Aneurysmen, bereiten meist keine Beschwerden. Leider steigt mit zunehmender Größe das Risiko, dass sie platzen können. Lebensgefährliche Blutungen können dann die tragische Folge sein. Albert Einstein starb am 18.04.1955 an einem geplatzten Aortenaneurysma. Einer der häufigsten Orte dieser Erweiterungen ist die Bauchschlagader. Weitere Orte sind die Brustschlagader, Leistenschlagader und die Knieschlagader. Eine einfache und ungefährliche Ultraschalluntersuchung der Bauch- und Beinschlagadern kann eine Erweiterung der Gefäße nachweisen oder ausschließen. Wenn Aneurysmen rechtzeitig erkannt werden, kann durch eine Operation das Risiko des Platzens verhindert werden. Moderne Verfahren wie das Einsetzen von Gefäßstützen (Stent) in die Bauchschlagader, Brustschlagader oder Knieschlagader haben den Vorteil, dass sie mit geringem Risiko auch im hohen Alter eingesetzt werden können. Aber auch die offene Operation hat heutzutage durch entsprechend schonende Technik und sehr gute Narkoseverfahren ein niedriges Risiko. Ziel ist es, durch frühzeitiges Erkennen der Erweiterung, diese rechtzeitig zu behandeln, da im Notfall bei bereits geplatztem Aneurysma auch heute noch das Risiko, daran zu sterben, sehr hoch ist. Einfache Ultraschalluntersuchungen können hier oft lebensrettend sein.

Abb. 1 und 2: Erweiterung der Bauchschlagader (Bauchaortenaneurysma)

Abb. 3 und 4: Mittels einer Gefäßstützte (Aortenstent (EVAR)) von innen versorgtes Bauchaortenaneurysma

Krampfadern – was tun?

Erweiterungen der oberflächigen Venen des Beines, Krampfadern genannt, sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Familiäre Vorbelastung sowie häufige stehende Tätigkeiten stellen Risikofaktoren für die Entwicklung von Krampfadern dar. Müde, schwere und abends geschwollene Beine sind häufige Symptome dieser Erkrankung. Unbehandelt kann sich nach Jahren bis Jahrzehnten eine Erweiterung auch der tiefen Venen ausbilden, so dass sich in späteren Stadien Geschwüre an den Unterschenkeln (sogenannte Ulcera curis) entwickeln können. Eine Unterbindung und Entfernung der Krampfadern kann aus medizinischen und kosmetischen Gründen zur Vorbeugung von Spätschäden indiziert sein. Hier bieten sich schonende und kosmetisch einwandfreie Operationsverfahren an. Auch moderne Verfahren zur Verödung von Krampfadern von innen durch Laser oder Radiowellen stellen kosmetisch günstige Möglichkeiten dar, ohne dass Hautschnitte nötig sind. Das jeweilige Verfahren wird individuell an Patient und Befund angepasst.

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