Artikel erschienen am 01.05.2012
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Harmlos – bis sie sich entzünden

Chronische Dickdarmerkrankung macht jedem vierten Betroffenen Probleme

Von Prof. Dr. med. Heinrich Keck, Wolfenbüttel

Die meisten Menschen wissen nicht einmal, dass sie diese kleinen Schleimhaut-Ausstülpungen am Dickdarm haben. Die Divertikel, wie sie genannt werden, machen ihnen keine Beschwerden – bis sie sich entzünden. Dann ist aus den harmlosen Divertikeln eine Divertikulitis geworden. Jeder Vierte, in dessen Darm sich die Ausstülpungen ausgebildet haben, leidet daran. Sie gilt als häufigste chronische Dickdarmerkrankung.

Rund 60 % der über 60-jährigen Menschen in Industrie­ländern bilden Divertikel – kleine Schleimhautausstülpungen – meist im Dickdarm aus.

Prof. Dr. Heinrich Keck, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Minimal-Invasive Chirurgie des Städtischen Klinikums Wolfenbüttel, erläutert:

„Dickdarmdivertikel sind Ausstülpungen der Darmschleimhaut durch Muskellücken der Darmwand. Sie entwickeln sich entlang der Durchtrittsstellen für die Blutgefäße. Am häufigsten sind sie im linken Darmabschnitt, dem sogenannten Sigma. Seltener finden sie sich an der rechten Seite des Dickdarms. Im Enddarm kommen sie gar nicht vor. Finden sich mehrere Divertikel in einem Darmabschnitt, spricht man von einer Divertikulose. Entzünden sich diese Ausstülpungen, handelt es sich um eine Divertikulitis.

Dickdarmdivertikel entstehen mit zunehmendem Alter der Betroffenen. Als Grund für ihre Entstehung wird eine Fehlfunktion des unteren Dickdarmabschnitts angenommen.“, so Prof. Dr. Keck. Genau geklärt sei aber der Mechanismus der Erkrankung bisher nicht. Wesentliche Ursachen für die Entstehung seien aber faserarme, ballaststoffarme Kost, Bewegungsmangel und ein erhöhter Druck im Darm.

Welche Beschwerden lassen vermuten, dass es sich um eine Divertikulitis handelt?

Prof. Dr. Keck: „Patienten mit einer Divertikulose haben mehrheitlich keine Beschwerden. Wenn aber Beschwerden auftreten, werden sie durch Entzündung einzelner oder mehrerer Divertikel als Folge dort verbleibender Stuhlanteile hervorgerufen. Typisch sind dann Schmerzen im linken Unterbauch, Fieber, Übelkeit und Erbrechen, Stuhlunregelmäßigkeiten in Form von Verstopfung oder auch Durchfall.

Bei solchen Symptomen muss unverzüglich der Arzt aufgesucht werden, da sonst schwere Komplikationen drohten. Genannt seien vor allem ein Darmdurchbruch, starke Blutungen und eine narbige Enge, eine Stenose.

Zu einem Darmdurchbruch kommt es in etwa 10 % der Fälle. In Form einer gedeckten Perforation führt dieser zu einer lokalen Entzündung. In der Folge bilde sich ein Abszess“, erklärt Prof. Dr. Heinrich Keck. Diese Form unterscheidet sich meist nur wenig von einer einfachen Entzündung. Lediglich die Unterbauchschmerzen sind oft stärker ausgeprägt. Die sich möglicherweise nach dem Abheilen bildende Sigma-Blasenfistel kann dann allerdings zu hartnäckigen Blasenentzündungen und Luftaustritt beim Wasserlassen führen.

Sehr viel gefährlicher ist die freie Perforation, also ein Darmdurchbruch, der dazu führt, dass Darminhalt in den Bauchraum gelangt. Prof. Dr. Keck: „Die Folge ist eine schwere Bauchfellentzündung – eine Perotonitis. Sie kann bei zu spät einsetzender Behandlung tödlich verlaufen.“

Eine Divertikelblutung tritt vor allem bei älteren Menschen auf. Sie gilt als häufigste Ursache einer Darmblutung.

Zu einer narbigen Enge kann es durch immer wieder auftretende entzündliche Schübe einer Divertikulitis kommen. Die Passage des Nahrungsbreis durch den Darm wird immer schwieriger, im schlimmsten Fall führt das zum Darmverschluss.

Wie findet der Arzt heraus, ob eine Divertikulitis vorliegt?

Er wird den Patienten zunächst untersuchen und den Bauch abtasten. Dabei kann er oft schon eine walzenförmige Verhärtung im linken Unterbauch feststellen. Der Patient hat Schmerzen, deren Stärke vom Grad der Entzündung abhängt.

„Eine Röntgenuntersuchung des Darms und/oder eine Darmspiegelung (Koloskopie) sind dann erforderlich. Vermutet der Arzt eine Passagestörung und ist eine Enge nachgewiesen, ist eine Darmspiegelung obligatorisch, um einen Dickdarmkrebs auszuschließen“, betont Prof. Dr. Keck.

„Während eines akuten Entzündungs­schubs können diese Verfahren wegen der Gefahr eines Darm­durch­bruchs allerdings nicht eingesetzt werden. In dieser Situation erfolgt eine Computer­tomo­graphie (CT) des Bauch­raums mit Kontrast­mittelgabe. Neben Ent­zündungen der Divertikel können dabei auch mögliche Komplikationen – wie eine gedeckte Perforation oder die Ausbildung einer Enge – festgestellt werden.“

Mit einer Ultraschalluntersuchung lässt sich sowohl in einer akuten Entzündungsphase als auch nach dem Abklingen der Beschwerden eine Darmwandverdickung erkennen, die auf das Vorliegen einer Divertikulose hinweist.

Die Behandlung

Wenn jemand zwar eine Divertikulose, aber keinerlei Krankheitszeichen hat, muss er nicht behandelt werden.

Tritt zum ersten Mal ein entzündlicher Schub auf, wird dieser zunächst medikamentös – in erster Linie mit Antibiotika und Schmerzmitteln – behandelt. Auf das Essen sollte verzichtet werden, bis die akute Entzündung abgeklungen ist.

Bei immer wieder auftretenden Entzündungen ist aber eine Operation erforderlich. Dabei wird der betroffene Darmabschnitt entfernt und die Passage, also der Durchgang des Nahrungsbreis durch den Darm, wiederhergestellt. „Ein künstlicher Darmausgang muss dabei nicht angelegt werden“, beruhigt Prof. Dr. Keck: „Die Operation erfolgt in der Regel heute minimal-invasiv mittels kleinster Schnitte (Knopflochchirurgie). Das bedeutet für den Patienten weniger Schmerzen, nur wenige kleine Narben und einen kürzeren Kranken­haus­aufenthalt.“

Abb.: Vier kleine Schnitte ermöglichen den Zugang zum entzündeten Darmabschnitt.

Wenn es allerdings zuvor zu Komplikationen gekommen ist, etwa einem freien Darm­durch­bruch oder einem Darm­verschluss, genügen kleine Schnitte meist nicht. Der Patient ist in akuter Lebensgefahr. Prof. Dr. Keck: „Dann besteht immer die Notwendigkeit zur Operation in konventioneller, offener Technik. Vorübergehend muss auch ein künstlicher Darm­ausgang angelegt werden, der nach drei Monaten wieder zurückverlegt werden kann.

Ratschlag

Bei immer wieder auftretenden Entzündungen sollte rechtzeitig an die Möglichkeit der Operation gedacht werden.

Fotos: Keck, Panthermedia/Marc Dietrich

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