Artikel erschienen am 01.05.2012
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„Drum denk ich gern des Todes als freundliches Gesicht“

Umgang mit Suizidalität

Von Vsevolod Silov, Königslutter am Elm

Jeder Mensch kennt in seinem Leben Situationen, in welchen er sich durch berufliche oder private Aufgaben überfordert, von den anderen Menschen verlassen bzw. ungerecht behandelt fühlt. Die meisten können jedoch dabei entweder sich selbst stabilisieren bzw. mithilfe von nahestehenden Personen, in seltenen Fällen professionellen Helfern, wie Ärzten oder Psychotherapeuten, den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen finden, um vorläufig verlorene Lebensfreude wiederzugewinnen. In seltenen Fällen kann es jedoch zu einer starken Verzweiflung mit lebensmüden Gedanken bis hin zu Selbstmordideen und -versuchen kommen.

Unter Suizidalität versteht man ein breites Spektrum menschlichen Verhaltens von Ruhebedürfnis mit gelegentlichen Phantasien oder Wünschen, tot zu sein („Wenn ich morgen nicht aufwache, würde es mir nichts ausmachen“) bis hin zu suizidalen Handlungen. Erhebliche Risikofaktoren für Suizidalität stellen die psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, manisch-depressive Krankheiten, schizophrene Psychosen oder Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit dar. Auslöser können oft schwierige aktuelle Lebenssituationen sein, welche auch ohne vorbestehende psychische Erkrankung zu suizidalen Gedanken oder Handlungen führen können. Während es im jungen Lebensalter eher Entwicklungs- und Beziehungskrisen, familiäre oder Ausbildungs- bzw. berufliche Probleme sind, zählen im hohem Lebensalter überwiegend Vereinsamung, Verwitwung, körperliche Erkrankungen und Beeinträchtigungen zu solchen Risikofaktoren.

Die wenigsten Menschen setzen ihrem Leben spontan und unerwartet für sich oder die anderen ein Ende, das passiert meistens nach einer enormen akuten seelischen Belastung. Bei vielen baut sich das suizidale Verhalten jedoch langsam auf, es handelt sich dabei oft um die Wendung der aggressiven Impulse gegen sich selbst bis zur Selbsttötung. Da aus der klassischen Sicht der tiefenpsychologischen Psychotherapieschule, welche ihren Ursprung in der Psychoanalyse Siegmund Freuds hat, die Wendung der Aggression gegen die anderen Menschen Beziehungen gefährden kann, was sich häufig mit wenig Zuwendung und Anerkennung aufgewachsener depressiv veranlagter Mensch „nicht leisten kann“. Da erscheint manchmal sogar die Phantasie an den eigenen Tod als eine freundliche Vorstellung wie in den zitierten Zeilen des Gedichtes von Anna O., Patientin von S. Freud (siehe Titel des Artikels).

Neben Kenntnissen über die bestehenden psychischen Erkrankungen bzw. aktuellen Lebenskrisen ist es zum rechtzeitigen Erkennen der Suizidgefährdung auf die „Alarmzeichen“, wie eine schwere depressive Verstimmung mit Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, sozialem Rückzug oder insbesondere plötzliche Zustands- bzw. Verhaltensänderungen bei den Betroffenen, z. B. unerwartete Stimmungsaufhellung, zu achten. Letzteres könnte ein Ausdruck der Erleichterung der getroffenen Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, sein. Gefährlich sind die fehlende Distanzierung von Suizidgedanken bei Nachfrage, sich häufig aufdrängende Gedanken, besonders mit konkreten Vorstellungen über die Art der Selbsttötung bzw. wenn die Betroffenen dadurch auffallen, dass sie „die letzten Dinge“ zu regeln versuchen, sich von Menschen verabschieden bzw. die ihnen wichtigen Gegenstände verschenken.

In den beschriebenen Situationen ist es hilfreich, ohne Scheu die Suizidgedanken, die oft verschwiegen werden, bei den Betroffenen anzusprechen. Anders als man häufig denkt, macht es dies in vielen Fällen den Menschen leichter, offen über ihre Nöte zu sprechen. Auch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit müssen vorsichtig hinterfragt werden, denn ein Suizidwunsch bedeutet nicht so sehr „Ich will unter keinen Umständen mehr leben“, sondern eher „Ich kann unter diesen Umständen nicht mehr leben“. Unentbehrlich ist es, dem Betroffenen eine feste Beziehung anzubieten; das Gefühl vom Gegenüber ernst genommen und unterstützt zu werden, kann den Gedanken an einen Suizid schwächen.

In der Regel ist es unerlässlich, den suizidgefährdeten Menschen nicht alleine zu lassen und eine fachärztliche Hilfe bis zur Klinikeinweisung, zur äußersten Not auch gegen den Willen des Betroffenen in die Wege zu leiten. Beim Vorliegen einer psychiatrischen Grunderkrankung tritt hier ihre Behandlung in den Vordergrund, aber auch in „einfachen“ Krisensituationen kann den Menschen mit medikamentösen und/oder psychotherapeutischen Maßnahmen gut geholfen werden.

 

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