Artikel erschienen am 16.12.2015
E-Paper

Professionalisierung der Vermögensanlagen in mittelständischen Unternehmen

Von Axel Melber, Bielefeld

Die Niedrigzinsphase fordert ihren Tribut – das Ergebnis aus Finanzanlagen bricht bei vielen Unternehmen ein.

Der Anlagebedarf mittelständischer Unternehmen hat sich mit durchschnittlich 5,9 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Dies ergab eine Studie zum Finanzanlageverhalten mittelständischer Unternehmen der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Bielefeld.

Die schon seit Langem gute konjunkturelle Situation in Deutschland hat die Kassen der Unternehmen zwar prall gefüllt, die Ergebnisse aus den Finanzanlagen gehen dennoch kontinuierlich zurück. Zwar werden Ersatzinvestitionen getätigt, Erweiterungsinvestitionen sind jedoch aufgrund der unsicheren konjunkturellen Lage wie auch der weltpolitischen Situation eher die Ausnahme.

Die Liquidität in den Unternehmensbilanzen war noch nie so hoch wie zurzeit. Gleichzeitig erreichen die Zinsen für Tagesgelder und Festgelder Tiefststände. Was lange undenkbar erschien: Strafzinsen auf Kontokorrentguthaben – darüber wird nunmehr von einer zunehmenden Zahl von Banken laut nachgedacht.

Die Unternehmenslenker stehen vor einem Dilemma: Gemäß der Studie erwarten mittelständische Unternehmen durchschnittlich eine Rendite von 2,4 % aus ihren Finanzanlagen. Mit klassischen Bankeinlagen lassen sich diese Renditen aktuell nicht realisieren.

Während die Rendite in ihrer Bedeutung für institutionelle Investoren mittlerweile den höchsten Stand seit 2007 erreicht hat (25 % der Investoren bezeichnen die Rendite als wichtigstes Anlagekriterium), ist die Liquidität in ihrer Bedeutung mit 11 % auf ein Mehrjahrestief gesunken. Dies ergab eine Risikomanagement-Studie der Union Investment, die Anfang November 2015 veröffentlicht wurde.

In der Konsequenz bedeutet dies, dass immer mehr Unternehmer Abstriche bei der Liquidität machen, um ihre Renditeziele zu erreichen.

Aufseiten der Unternehmen sind Lösungen gesucht, die den besonderen Bedürfnissen dieser Anlegergruppe nach Sicherheit, Liquidität und Rendite bei der Anlage der freien liquiden Mittel weitgehend Rechnung tragen.

Um die Flexibilität des Unternehmens nicht einzuschränken, sollte der Unternehmer zunächst eine Basisliquidität für das Unternehmen definieren. Diese sollte ausreichen, um alle Forderungen, die kurzfristig auftreten, erfüllen zu können. Der Unternehmer ist i. d. R. aufgrund seiner Erfahrung in der Lage, diesen Betrag richtig einzuschätzen. In der Praxis zeigt sich nach dieser Entscheidung schon häufig, dass erhebliche Beträge der vorhandenen Liquidität gar nicht kurzfristig benötigt werden.

In einem zweiten Schritt sollte der Unternehmer die Beträge definieren, die mittelfristig (zwei bis drei Jahre) oder sogar langfristig (drei bis fünf Jahre) für eine Kapitalanlage zur Verfügung stehen. Im Anschluss daran sollte eine Zielrendite für die gesamten Finanzanlagen formuliert werden.

Auf Basis dieses Renditeziels lassen sich nun individuelle Anlagekonzepte formulieren, die aus den Variablen des Anlagezeitraums und dem maximalen Risiko, das der Unternehmer bereit ist einzugehen, abgeleitet werden.

Um im Unternehmen keine zusätzlichen Ressourcen zu binden, greifen mittelständische Unternehmen zunehmend auf die Unterstützung professioneller Vermögensverwalter zurück. Diese setzen hierbei schon heute Softwarelösungen ein, die in der Entscheidungsfindung historische Risiko-/Renditekombinationen unter Berücksichtigung der Korrelationen einzelner Anlageformen im Zeitablauf berechnen können.

Der Erfolg einer Vermögensverwaltung hängt im Wesentlichen von der ständigen Beobachtung der relevanten Märkte ab und erfordert vom Vermögensverwalter schnelles und flexibles Handeln, um Marktopportunitäten zu nutzen. Nur so lassen sich individuell formulierte Ziele des einzelnen Unternehmens zielgerichtet umsetzen.

Aufgrund der speziellen Anforderungen, die mittelständische Unternehmen an diese Form der Kapitalanlage stellen, sind standardisierte Angebote wie z. B. Fondslösungen nicht ausreichend, um die Ziele des einzelnen Unternehmens hinreichend zu erfüllen. Gefragt sind hier Spezialisten, die gemeinsam mit dem Unternehmer maßgeschneiderte Lösungen erarbeiten.

Beispiel

Aktuelle Situation
Zinssatz/Rendite
Kontokorrent 2 Mio. 0,10 %
Festgeld 30 T 2 Mio. 0,10 %
Festgeld 60 T 2 Mio. 0,20 %
Festgeld 90 T 2 Mio. 0,25 %
Festgeld 180 T 2 Mio. 0,30 %
Durchschnittsrendite 0,19 % 19 000 Euro
Nach Planung und Optimierung
Zinssatz/Rendite
Kontokorrent 1 Mio. 0,10 %
Festgeld 30 T 2 Mio. 0,10 %
Festgeld 60 T 1 Mio. 0,20 %
Kapitalanlage 2–3 Jahre 3 Mio. 2,50 %
Kapitalanlage 3–5 Jahre 3 Mio. 3,50 %
Durchschnittsrendite 1,85 % 185 000 Euro

Parameter, die im Rahmen der Vermögensanlage beachtet werden müssen

  • Um dem Aspekt der Sicherheit Rechnung zu tragen, ist eine breite Risikostreuung der Anlagen unerlässlich.
  • Eine ausreichend hohe Liquidität erfordert Anlageformen mit überschaubarer Laufzeit und ausreichender Marktliquidität.
    Eine Rendite zwischen 3 und 4 % lässt sich derzeit nur durch die temporäre Übernahme von Risiken realisieren.

Ähnliche Artikel

Finanzen Steuern Recht

Höhere Rendite – moderates Risiko

Interview: Private Equity hat sich als Assetklasse auch in Deutschland etabliert

Herr Weinmann, die Assetklasse Private Equity ist nach wie vor für viele Anleger ein Buch mit sieben Siegeln. Kompliziert, hohe Einstiegshürden und am Ende ist das investierte Kapital auch noch für 10 Jahre gebunden. Thomas Weinmann: Sie haben recht – für viele Deutsche ist Private Equity immer noch schwer einzuschätzen. Zudem …

Hamburg 2019/2020 | Thomas C. Weinmann, Hamburg

Leben

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!

Haben Sie das Sprichwort eventuell schon von Ihren Großeltern gehört?

Es hat sich immer wieder gezeigt, dass es dem, der es beherzigt, besser geht als dem, der es ignoriert. „Warum sollte das so sein?“, werden Sie sich fragen und eben dieser Frage wollen wir uns im Folgenden annehmen und untersuchen, ob Sparen in der Zeit noch zeitgemäß ist.

Braunschweig/Wolfsburg 2019–2021 | Dipl.-Kfm. Martin Schönborn, Braunschweig