Artikel erschienen am 01.03.2015
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Testamentsvollstreckung: Für wen wichtig? Wann sinnvoll?

Von Dipl.-Kfm. Ulrich Gehrke, Isernhagen | Lars Tegtmeyer, Hannover

Drei Schlagworte, die nur einen Ausschnitt dessen darstellen, warum die Testamentsvollstreckung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Durch fast sieben Dekaden Frieden hat sich das Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland stetig vergrößert, entsprechend auch das jährliche Volumen an Erbschaften. Häufig kommt es durch nicht vorhandene oder schlechte Nachfolgeregelungen sowie wegbrechende familiäre Strukturen zu Streitigkeiten unter den Erben. Die Erben leben vielfach nicht mehr am selben Ort wie der Erblasser und haben Schwierigkeiten, den Nachlass aus der Ferne abzuwickeln.

Vorteile und Umfang einer Testamentsvollstreckung

Wer selbst entscheiden möchte, was mit seinem Vermögen nach dem eigenen Tode passiert, die Handlungsfähigkeit des Nachlasses erhalten möchte und den Erben ein regulierendes, streitschlichtendes Element an die Hand geben und schutzbedürftigen Erben Unterstützung bieten will, der kann mit einer Testamentsvollstreckung die Umsetzung seines letzten Willens sicherstellen.

Der Testamentsvollstrecker ist verpflichtet und ermächtigt, dem Willen des Erblassers umfassend Geltung zu verschaffen, er ist quasi Treuhänder des Verstorbenen. Er kann vom Erblasser mit der kompletten Abwicklung oder Verwaltung des Nachlasses (Abwicklungsvollstreckung/Dauertestamentsvollstreckung) oder nur mit einzelnen Teilbereichen (Vermächtnisvollstreckung/Nacherbenvollstreckung) betraut werden. In der Gestaltung des Umfanges und der zeitlichen Befristung der Testamentsvollstreckung ist der Erblasser nahezu frei. Der Testamentsvollstrecker verwaltet den Nachlass, dafür nimmt er ihn in Besitz und sichert den Nachlass vor dem Zugriff der Erben und deren Gläubigern. Die Erben haben kein Verfügungsrecht über den Nachlass. Zu den Aufgaben des Testamentsvollstreckers gehören neben der Inbesitznahme des Nachlasses die Erstellung eines Nachlassverzeichnisses, die Verwaltung des Nachlasses, die Begleichung der Nachlassverbindlichkeiten, die Abwicklung (Veräußerung von Vermögenswerten)/Auseinandersetzung des Nachlasses, die Erstellung der Erbschaftsteuerklärung, die regelmäßige Berichterstattung / Rechnungslegung an die Erben und die Erstellung eines Auseinandersetzungsplanes/-vertrages. Der Testamentsvollstrecker hat weitgehende Befugnisse und wird auch nicht vom Nachlassgericht überwacht, seine Absetzung bedarf gewichtiger Gründe. Aus diesem Grund sollte der Testamentsvollstrecker das volle Vertrauen des Erblassers genießen.

Beweggründe für eine Testamentsvollstreckung

Typische Beweggründe für eine Testamentsvollstreckung sind u. a. Streitvermeidung unter den Erben, Durchsetzung des Erblasserwillens, komplexe Vermögensstrukturen, Schutz von Minderjährigen, Schutz Behinderter, Schutz vor Gläubigern der Erben und postmortale Gründung von Stiftungen. An einem praktischen Beispiel lassen sich die vielfältigen Problemstellungen und Möglichkeiten der Testamentsvollstreckung gut darstellen.

Ein Beispiel

Der Unternehmer U ist 55 Jahre alt, zum zweiten Mal verheiratet, hat zwei Kinder (K1, 25 Jahre, und K2, 20 Jahre) aus erster Ehe und ein Kind K3 (10 Jahre) aus seiner jetzigen Ehe. Beim Thema Vermögensnachfolge treiben ihn viele Sorgen und Wünsche um, die er nachfolgend zusammenfasst.

  • In den letzten 30 Jahren habe ich ein gut gehendes Handwerksunternehmen mit 105 Angestellten aufgebaut. Im Falle meines Ablebens könnte aktuell niemand aus der Familie das Unternehmen fortführen. Kurzfristige Vertretungsregelungen durch meine Angestellten sind möglich, aber niemand könnte den Betrieb dauerhaft leiten.
  • Ich möchte die Arbeitsplätze und den Unternehmenswert nach meinem Ableben sichern.
  • Kind K2 hat sehr unter der Scheidung gelitten und wurde von mir in der Vergangenheit finanziell stark unterstützt, allerdings hat er durch seinen ausschweifenden Lebensstil sowie waghalsige Investitionen eine Menge Schulden angehäuft und musste Privatinsolvenz anmelden.
  • Der Nachlass soll vor Ansprüchen der Gläubiger von K2 geschützt sein.
  • Meine Ex-Frau gibt mir die Schuld am Scheitern der Ehe und an den Problemen mit den Kindern. Sie möchte mir nur noch Schaden zufügen.
  • Ich möchte einen unabhängigen Dritten haben, der objektiv bleibt, meine Wünsche umsetzt und als Puffer zwischen den Erben steht.
  • Meine Frau ist wirtschaftlich unbedarft und K3 besucht zurzeit die 5. Klasse des Gymnasiums. Die Verwaltung meiner Immobilien würde ihnen über den Kopf wachsen.
  • Meine Frau soll von der Verwaltung des Vermögens entlastet werden und versorgt sein. Außerdem soll das Vormundschaftsgericht außen vor bleiben und der Nachlass für K3 verwaltet werden, bis es 25 Jahre alt ist.
  • Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt und konnte mir ein ansehnliches Vermögen erarbeiten. Nach meinem Tode möchte ich meiner Heimatstadt und den dort lebenden Bedürftigen etwas davon zugutekommen lassen.
  • Ich möchte einen Teil meines Vermögens nach meinem Tode in eine Stiftung einbringen.

Handlungsfähigkeit ist ein wichtiger Faktor

Die Situation des Unternehmers U spiegelt sicherlich die Probleme vieler Unternehmer und Vermögensinhaber wider. Häufig sind schnelle Entscheidungen wichtig, um ein Unternehmen zu erhalten oder zumindest den Vermögenswert durch einen schnellen Verkauf zu sichern. Bei Erbengemeinschaften sind Einigkeit und Schnelligkeit häufig Fremdwörter. Kommen dann noch minderjährige Erben hinzu, für die ausschließlich vorteilhafte Geschäfte zu tätigen sind, die der vormundschaftsgerichtlichen Genehmigung bedürfen, wird es umso schwieriger. Ergänzend kann hier noch eine postmortale Vollmacht zugunsten des Testamentsvollstreckers hilfreich sein, da es meist einige Zeit in Anspruch nimmt, bis das Testament eröffnet, die Testamentsvollstreckung angenommen und in der Folge das Testamentsvollstreckerzeugnis ausgestellt ist, welches der Testamentsvollstrecker zum Handeln benötigt.

Schutz der Erben und des Vermögens

Der Vermögensschutz ist bei verschuldeten Erben ein wichtiges Thema, da die Gläubiger des Erben nicht in Vermögenswerte pfänden können, welche der Testamentsvollstreckung unterliegen. Das Konstrukt des Behindertentestamentes, welches die Testamentsvollstreckung mit einer Vor- und Nacherbschaft verbindet, schützt das Erbe vor dem Zugriff der Sozialhilfeträger. Streitenden Erben kann der Testamentsvollstrecker vorgesetzt werden, der im Zweifelsfall allein entscheiden kann. Ferner wird Streit von vornherein vorgebeugt, da die meisten Erben ihren Ärger auf den Testamentsvollstrecker konzentrieren und somit die Miterben etwas aus dem Fokus herausgenommen werden.

Ohne Testament keine Testamentsvollstreckung

Für alle genannten und weiteren Probleme und Wünsche kann die Testamentsvollstreckung eine Lösung sein. Die Testamentsvollstreckung und der gewünschte Umfang müssen jedoch vom Erblasser in seinem Testament oder Erbvertrag festgelegt werden. Hierbei gilt es, in Zusammenarbeit mit den Beratern des Erblassers (Rechtsanwalt, Steuerberater und Finanzdienstleister) eine individuell auf die persönliche Situation zugeschnittene Lösung zu erarbeiten, die alle rechtlichen, steuerlichen, finanziellen und nach Möglichkeit auch persönlichen Besonderheiten berücksichtigt. Ferner empfiehlt es sich, verschiedene Details wie zum Bespiel die Regelung der Vergütung des Testamentsvollstreckers (z. B. Vergütungsempfehlung des Deutschen Notarvereins), die Bestimmung eines Ersatztestamentsvollstreckers, erweiterte Verfügungsbefugnisse (Eingehung von Verbindlichkeiten) oder die Beschränkung von Rechten (z. B. Ausnahme des Hausrates aus der Vollstreckung) zu regeln, um späteren Streit zu vermeiden.

Auswahl eines Testamentsvollstreckers

Der Testamentsvollstrecker übt ein hochsensibles und komplexes privates Amt aus, allerdings gibt es keine vorgeschriebene Ausbildungsqualifikation, an der sich ein Unternehmer orientieren könnte. Die Funktion des Testamentsvollstreckers war in der Vergangenheit ein höchstpersönliches Amt, mittlerweile kann es aber auch von Unternehmen ausgeübt werden. Neben Privatpersonen, die das besondere Vertrauen des Unternehmers genießen, wird die Dienstleistung insbesondere von Rechtsanwälten, Steuerberatern und Finanzdienstleistern angeboten. Bei Letztgenannten könnte es jedoch ggf. zu Interessenkollisionen kommen. Neben der persönlichen Integrität sollte der Testamentsvollstrecker über fundierte rechtliche, kaufmännische und steuerliche Kenntnisse verfügen. Die Zusatzqualifikation des Certified Estate Planners oder einer Weiterbildung als Testamentsvollstrecker kann ein mögliches Auswahlkriterium darstellen.

Fazit

Die Testamentsvollstreckung stellt insbesondere für komplexe große Vermögen sowie unternehmerisches Vermögen ein wichtiges Sicherungsinstrument dar. Ferner kann sie für minderjährige, behinderte oder weiter entfernt lebende Erben eine große Hilfe sein. Allerdings ist die Testamentsvollstreckung auch kein Allheilmittel und die Bestimmung einer Testamentsvollstreckung sollte sehr genau abgewogen werden.

Foto: Panthermedia/Thomas Riedel

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