Artikel erschienen am 10.01.2019

1 oder 0? Digitalisierung, aber richtig!

Wer heute keine Strategie hat, hat morgen kein Unternehmen mehr

Von Thomas Kresse, Hamburg

Digitalisierung ist der Metatrend, der für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens entscheidend werden wird. Aber, alle elf Minuten verschläft ein Unternehmen im Mittelstand die Digitalisierung und legt somit ungewollt den Grundstein für eine kommende Unternehmenskrise. Die meisten Konzepte zur nachhaltigen Restrukturierung basieren weiterhin auf klassischen und damit kostenorientierten Ansätzen. Und genau das wird zukünftig nicht mehr funktionieren.

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde. Egal, ob in Koalitionsverhandlungen in der Politik, Aufsichtsratssitzungen von Konzernen oder Führungsmeetings im Mittelstand. Der Begriff der Digi­talisierung wird hierbei jedoch immer anders definiert und nur selten ganzheitlich. Digitalisierung ist mehr als eine Krise oder ein Changeprozess – sie ist eine Revolution.

Digitalisierung ist das Thema, das uns die nächsten 15 bis 20 Jahre beschäftigen wird. Die Innovationsgeschwindigkeit wird höher, Geschäftsmodelle ändern sich oder werden gar obsolet – neue Chancen entstehen und eröffnen neuen Unternehmern neue Perspektiven. Die Digitalisierung wird zur größten Herausforderung an das Management. Manager werden gefordert, manche überfordert sein. Selbst bislang erfolgreiche Führungskräfte scheitern an zu später Einsicht oder fehlender Erfahrung, an Plan- und Mutlosigkeit oder am eigenen Ego. Also brauchen wir eine Struktur, wie man über die Digitalisierung nachdenkt, einen Plan, wie man diese Herausforderung bewältigt, und natürlich die richtige Führung und ein qualifiziertes und motiviertes Team.

Folgende Fragestellungen wollen wir in diesem Beitrag behandeln:

  • Was ist Digitalisierung eigentlich wirklich?
  • Welche Branche wird in welcher Dynamik davon betroffen sein?
  • Wie können Kunden das Thema Digitalisierung strukturiert bearbeiten?
  • Was ist Digitalisierung eigentlich genau?

Alle reden von der Digitalisierung. Politik, CEOs großer Unternehmen, Inhaber mittelständischer Unternehmen und natürlich auch viele Berater. Ferner wird über die Digitalisierung in diversen Fachzeitschriften berichtet und es werden unzählige Veranstaltungen dazu angeboten. Der Begriff der Digitalisierung wird hierbei immer anders definiert, aber selten ganzheitlich.

Viele Branchen werden erhebliche Umbrüche erleben, aktuelle wirtschaftliche Spielregeln werden binnen weniger Jahre ihre Gültigkeit verlieren und ganze Geschäftsmodelle werden revolutioniert. Die Digitalisierung bietet dabei aber auch für jedes Unternehmen große Chancen. Sie müssen jedoch aktiv angegangen werden. Kurzum: Wer heute keine Strategie hat, hat morgen kein Unternehmen mehr.

Die Erfolgsfaktoren bei der Digitalisierung

Die Digitalisierung basiert auf drei wesentlichen Erfolgsfaktoren. Diese Erfolgsfaktoren sind die Plattform, auf der neue Geschäftsmodelle entwickelt, Innovationen generiert, Prozesse effizienter werden oder Wachstum generiert wird. Unternehmen, die diese Plattform nicht solide aufgebaut haben, werden von den Chancen der Digitalisierung nicht profitieren können.

Erfolgsfaktor #1 : Daten als neuen Rohstoff nutzen

Die Basis jeder Digitalisierung sind relevante und qualitativ hochwertige Daten. Daten sind das Öl des digitalen Zeitalters. Neben internen Datenquellen wie Vertrieb und Fertigung, gibt es mittlerweile umfangreiche öffentliche Datenquellen, die mit internen Daten korreliert werden können. Seit Beginn der Zeitrechnung wurden Daten auf Steinen, Papyrus, in Büchern, später auf Videokassetten, DVDs, Festplatten und vielen anderen Datenträgern gesammelt. Heute speichern moderne IT-Systeme die gleiche Menge an Daten binnen zehn Minuten wie frühere Methoden in den gesamten letzten 2 000 Jahren – Tendenz weiter steigend. Diese Datenmengen – die internen und die externen – können heute bereits zu überschaubaren Kosten ausgewertet werden. Während vor etwa zehn Jahren ein Speichersystem mit einem Volumen von einem Terabyte noch mehr als 1 Mio. Euro kostete, bekommt man heute in jedem Elektrofachmarkt das gleiche Volumen für 50 Euro. Ein Tool zur Echtzeitauswertung dieser Daten („Data-Mining“) kostete 2010 noch mehr als 500 000 Euro. Heute liegt diese Investition bei nicht einmal mehr 20 000 Euro. Bei Nutzung eines Cloud-Anbieters entfallen diese Investitionen sogar gänzlich. Nur noch eine geringe monatliche Gebühr ist fällig. Durch die gezielte Auswertung der Daten in Echtzeit können sich auch mittelständische Unternehmen einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die meisten Unternehmen sitzen hierbei auf echten Datenschätzen, die mit leichten Bordmitteln gehoben werden können.

Erfolgsfaktor #2: Leadership als Vorbild

Digitalisierung ist Chefsache und kann nicht delegiert werden. Doch genau da fängt das Problem auf dem Weg zur Digitalisierung häufig an. Es fehlt an echter Veränderungsbereitschaft. Digitalisierung wird dann halbherzig als Pflichtübung aufgenommen. Manchmal werden Stabsstellen für Digitalisierung eingerichtet. Ein anderes Mal wird die Digitalisierung als Teil der internen IT definiert oder es werden andere Alibistrukturen geschaffen. Doch Digitalisierung geht nur ganz oder gar nicht – eben eins oder null. Die heute besten Führungskräfte können hierbei die größten Bremsklötze werden, da genau diese nicht bereit sind, die geschaffenen Königreiche zugunsten der Digitalisierung aufzugeben.

Die Aufbauorganisation der Zukunft wird keine klassische funktionale Struktur mehr haben. Auch Ansätze von Business Units werden künftig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die Digitalisierung erfordert cross-funktionale Ansätze mit agilen Management­ansätzen. Statt aufwendiger Projektstrukturen werden Veränderungen in sog. Hackathons und Sprints in wenigen Tagen etabliert. Auch werden immer häufiger die Ansätze der sog. Schwarmintelligenz genutzt, um einerseits die Komplexität besser abdecken zu können und andererseits das Commitment der Mitarbeiter zu bekommen. Je effizienter aber die Organisation, desto geringer die Bereitschaft, cross-funktional zu agieren. Moderne Führungselemente wie agiles Projektmanagement, Hackathons, Homeoffices, Aufgabe von Arbeitszeiten und vieles mehr in einer neuen Kultur wird von den eingefahrenen, aber oft noch erfolgreichen Managern vermieden.

Erfolgsfaktor #3: Kultur ändern und Changemanagement modernisieren

Die Digitalisierung wird neue Anforderungen an die Kultur, den Führungsstil und die Arbeitsweise von Unternehmen stellen. Digitalisierung bedeutet die komplette Veränderung von Leadership in einem Unternehmen. Die Digitalisierung ist mehr als eine Krise oder ein gewöhnlicher Change-Prozess – sie ist ein Umbruch oder in einigen Branchen sogar eine Revolution. Ein Umbruch ist viel schwerer zu führen als eine Krise oder gar ein gesundes Unternehmen. Bei einem Umbruch ändert sich das bisher Gewohnte dauerhaft. Ein Umbruch setzt Fakten, die unumkehrbar sind. Ein Umbruch entsteht und dauert meistens länger als eine Krise.

Die Digitalisierung wird nicht nur wirtschaftliche Rahmenbedingungen komplett verändern, sondern auch die Kultur in den Unternehmen. Während die Daten die Basis der Digitalisierung bilden, wird Leadership zum Treiber einer neuen Kultur mit neuen Typen von Mitarbeitern sein. Die Mitarbeiter schätzen interessante Herausforderungen und die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu bewegen und zu verändern. Persönliche Freiheiten, flexible Arbeitszeiten und ein Umfeld, das ihrem Charakter entspricht und zur freien Entfaltung beiträgt, sind Basisanforderungen. Das klassische und starre 9-to-5-System wird durch Homeoffice, mobile Workplaces und interdisziplinäre Arbeitsgruppen abgelöst. Die Digitalisierung stellt also auch die Personalabteilung vor neue, komplexe He­rausforderungen.

Viele Unternehmen stehen vor einem Umbruch

In vielen Branchen und Unternehmen wird die Digitalisierung zum Auslöser oder zum Beschleuniger einer Krise. Ganze Geschäftsmodelle werden disruptiert und müssen von Grund auf geändert werden. Der Verlauf von Krisen in digitalen Zeiten ist deutlich beschleunigt: Führungsfehler lösen schon nach kürzester Zeit eine Strategie- und damit eine Ergebniskrise aus – früher hat das rund 1 000 Tage gedauert.

Digitalisierung als fester Bestandteil einer jeden Strategie

Digitalisierung ist heute ein zwingender Bestandteil jeder Unternehmensstrategie. Doch einen Fehler sollte man nicht machen: hektisch eine gekapselte Digitalisierungsstrategie festlegen, ohne eine Gesamtstrategie zu haben. Der analytische Blick auf Markt und Wettbewerber sollte fundiert sein, denn möglicherweise gibt es keine zweite Chance. Wer also noch keine Strategie hat, muss in die Konzeptphase. Und wer Digitalisierung bereits als Teil der Unternehmensstrategie aufgenommen hat, sollte diese kritisch hinterfragen.

Ein strukturierter Blick in die Zukunft

Es wurde eine Methode entwickelt, um die zukünftige Bedrohung eines Geschäftsmodells fundiert einschätzen zu können: Die Ergebnisse werden in einem eigenen Kapitel im Sanierungsgutachten zusammengefasst. Die Methode beginnt mit der Einschätzung der externen Bedrohungen eines Geschäftsmodells.

Insgesamt wird das Geschäftsmodell mit dem Digital Canvas Business Modell abgebildet: Für alle relevanten Erfolgsfaktoren und Unternehmensbereiche wurde ein strukturiertes Reifegradmodell mit mehr als 40 Erfolgsfaktoren erarbeitet. Das Modell schätzt für jeden Erfolgsfaktor vier Zustände anhand konkreter Kriterien ein. Hieraus werden konkrete Maßnahmen abgeleitet und ermöglichen mit agilen Methoden ein Fortschrittscontrolling.

Fotos: Fotolia/Jonas Weinitschke

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