Artikel erschienen am 03.02.2017

Asset Based Finance

Alternative Mittelstandsfinanzierung in Sondersituationen

Von Carl-Jan von der Goltz, Hamburg

Das deutsche System der Unternehmens­finanzierung gilt nach wie vor als Bankendominiert. Seit einigen Jahren stehen die Banken jedoch erheblich unter Druck: Sie mussten einerseits im Zuge der Finanzkrise hohe Abschreibungen vornehmen, andererseits werden ihnen aufgrund der Regularien erhebliche Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung und Liquiditätsplanung gestellt.

Nach Aussagen der Studie „IW-Trends 01.2016“ des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zu den Entwicklungen der Unternehmensfinanzierung hierzulande kann dies dazu führen, dass die Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe sinkt – besonders bei der Ausgabe langfristiger und risikobehafteter Kredite. Aus Sicht einer strategischen und nachhaltigen Unternehmensführung sollten Unternehmer auf eine Diversifizierung ihrer Finanzierungsstruktur achten, damit eine gewisse Unabhängigkeit und größtmöglicher finanzieller Spielraum gewährleistet sind. In den vergangenen Jahren ist deshalb bereits ein Trend zu einem Finanzierungsmix zu erkennen. Die Banken bleiben dabei die wichtigsten Finanziers für die meisten mittelständischen Unternehmen – ergänzend dazu kommen jedoch immer öfter alternative Modelle zum Einsatz.

Sondersituationen für zusätzlichen Liquiditätsbedarf

Anlässe für zusätzlichen Finanzierungsbedarf im Unternehmen gibt es viele – z. B. Umstrukturierungen, Prozessoptimierungen, Wachstumsphasen oder die Vorfinanzierung von Aufträgen nach einer Sanierung. Auch für die Auszahlung von Gesellschaftern bei Unternehmensnachfolgen oder den Kauf von Unternehmen können zusätzliche finanzielle Mittel benötigt werden. Die vorzeitige Ablösung bestehender Finanzierungsformen wie Mezzanine, Mini-Bonds oder endfälliger Darlehen ist ein weiterer Anlass, warum im Betrieb eine höhere Liquidität gefragt sein kann.

Alternative Modelle: banken- und bonitätsunabhängig

Der alternative Finanzierungsansatz „Asset Based Finance“ kommt aus dem Angelsächsischen: Die Finanzierung basiert auf bestimmten Unternehmensaktiva aus dem Anlage- und Umlaufvermögen, wie z. B. bei Sale & Lease Back, Factoring oder Lagerfinanzierung. Man spricht dabei von Assets, also Objekten, auf die bei der Finanzierung abgestellt wird.

Bei allen Formen wird gebundene Liquidität gehoben. Welche Variante jeweils am besten passt, ist abhängig vom Geschäftsmodell und seinen Besonderheiten, Zielen, Produkten und Strukturen. Jedes Modell hat seine Vorteile – Factoring ist zum Beispiel gut geeignet, wenn ein Unternehmen hohe Außenstände durch lange Zahlungsziele der Kunden hat. Verkauft der Betrieb die Forderungen fortlaufend an eine Factoringgesellschaft, erhält er den Großteil des Betrages sofort und stärkt seine Liquidität. Werte, die im Lager gebunden sind, lassen sich mittels einer Lagerfinanzierung zu Geld machen. Meist stellt der Refinanzierer dabei auf Berechnung des Wertes der eingelagerten Güter, wie fertige Waren oder Rohstoffe, einen Kreditrahmen zur Verfügung, der dann auf Abruf bereit steht. Für Unternehmen des produzierenden Gewerbes ist die rein objektbezogene Finanzierungsform Sale & Lease Back von gebrauchten Maschinen und Produktionsanlagen eine innovative Möglichkeit der Liquiditätsbeschaffung.

Sale & Lease Back – Kapitalbeschaffung auch in Krisenzeiten

Viele Betriebe haben enormes gebundenes Kapital in Form von gebrauchten Maschinenparks in der Werkshalle stehen. Beim Sale & Lease Back werden diese verkauft und direkt zurückgeleast. So wird gebundenes Kapital im Rahmen einer reinen Innenfinanzierung gehoben und eine schnelle Zufuhr von Liquidität ermöglicht, die ohne Covenants flexibel zur Verfügung steht. Im Fokus der Finanzierungsentscheidung stehen dabei die Objekte, die Bonität wird nachrangig betrachtet. Somit funktioniert Sale & Lease Back auch bei Sanierungen und unter bestimmten Voraussetzungen sogar in der Insolvenz. Die Maschinen werden dabei durchgehend im Unternehmen weiter genutzt. Die Leasingraten stellen zudem abzugsfähige Betriebsausgaben dar und können im Rahmen der Gestaltungsmöglichkeiten als Teil- oder Vollamortisationsverträge so kalkuliert werden, dass sie fortlaufend aus dem Cashflow des Unternehmens geleistet werden.

Der Ablauf im Überblick

In der Praxis funktioniert das Verfahren wie folgt: Zuerst erfolgt eine vorläufige Bewertung des kompletten Anlagevermögens. Dies kann entweder im Rahmen der Schreibtischbewertung anhand eines detaillierten Anlage- und Leasingspiegels erfolgen oder mittels eines gegebenenfalls bereits vorliegenden Zeitwertgutachtens. Nach Abgabe eines indikativen Angebots und dessen Annahme erfolgt die gutachterliche Bewertung des Maschinenparks zu Zeitwerten vor Ort im Unternehmen. Diese Bewertung bildet die Basis des Sale & Lease Back-Vertrages. Für die Umsetzung der Finanzierung werden weitere Unterlagen, wie Eigentumsnachweise oder Sicherheitenfreigaben der Banken benötigt. Nach Eingang aller Unterlagen steht einer schnellen Abwicklung und Auszahlung des Kaufpreises nichts mehr im Wege. Durchschnittlich dauert der Vorgang etwa vier bis sechs Wochen und funktioniert damit deutlich schneller als bei einem klassischen Kreditinstitut.

Voraussetzung: werthaltiger Maschinenpark

Das Unternehmen muss für eine Finanzierung über Sale & Lease Back über einen diversifizierten, universal einsetzbaren und werthaltigen Maschinenpark verfügen. Die Assets müssen zudem mobil sein – immobile oder verkettete Anlagen, wie sie zum Beispiel häufig in der Chemieindustrie zum Einsatz kommen, funktionieren bei diesem Finanzierungsansatz nicht. Damit eignet sich der Finanzierungsbaustein Sale & Lease Back hervorragend für produktionslastige mittelständische Unternehmen, wie z. B. aus der Metall- bzw. Kunststoffbe- und -verarbeitung, dem Baugewerbe, der Lebensmittelherstellung, Holzverarbeitung, der Textilindustrie, Land- und Forstwirtschaft, Druckereien oder der Verpackungsindustrie. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch andere langlebige und werthaltige Assets mittels Sale & Lease Back zur Liquiditätsbeschaffung genutzt werden, z. B. der Fuhrpark einer Spedition: Hier kommen sogar Spezialfahrzeuge in Betracht. Nicht geeignet ist hingegen die kurzlebige Technik aus dem IT-Bereich oder der Solarbranche.

Bild: Fotolia/Derdy

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