Artikel erschienen am 11.11.2011
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Ratingverfahren als Instrumente zum beiderseitigen Nutzen für Kreditinstitut und Kreditnehmer

Von Dr. rer. pol. Jürgen Fox, Halle (Saale

Die aktuelle Diskussion um die Ratingeinstufung von Ländern wie den USA, Griechenland oder Italien wurde und wird sehr kontrovers geführt. Dabei wurden – zweifellos plausible und berechtigte – Gründe dafür angeführt, dass die Machtpositionen der drei dominierenden (US-amerikanischen) Ratingagenturen als problembehaftet anzusehen sind. Mit Blick auf die Diskussion der politischen Aspekte dieses Themas sollte aber nicht der Schluss gezogen werden, die Ratingverfahren an sich seien ungeeignete Instrumente. Im Folgenden soll dargelegt werden, dass Ratingverfahren sowohl für die anwendenden Kreditinstitute als auch für die Kreditnehmer nutzenstiftende Instrumente sind.

Gegenstand von Ratingverfahren

Ratingverfahren sind mathematisch-statistische Modelle, durch die bestimmte Merkmalsausprägungen eines Kreditnehmers in eine Bonitätsaussage umgewandelt werden. Bei der Bildung eines solchen Modells werden die für die entsprechende Prognose relevanten Merkmale identifiziert, also diejenigen Indikatoren, die Auskunft darüber geben können, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit der Ausfall eines Kreditnehmers eintritt. Die eigentliche Bonitätseinschätzung findet ihren Ausdruck in einer Ratingnote oder Ausfallwahrscheinlichkeit. Eine in einem Ratingverfahren ermittelte Ausfallwahrscheinlichkeit von 2 % besagt dann, dass im kommenden Jahr voraussichtlich 2 % der Kreditnehmer mit dieser Rating-Note ausfallen werden. Da sich bei der Entwicklung der Modelle herausgestellt hat, dass sich in Abhängigkeit von bestimmten Ausgangslagen unterschiedliche Merkmale als Ausfallindikatoren eignen, wenden die Kreditinstitute differenzierte Ratingverfahren an. So gibt es unterschiedliche Verfahren für Privatpersonen und Firmenkunden, aber auch für Projekt- und Immobilienfinanzierungen.

Funktionsweise von Ratingverfahren

Abbildung 1 stellt dar, welche Risikofaktoren in der Regel bei Bankratings berücksichtigt werden:

Risikofaktoren in Bankratings
Quantitative Faktoren
(v.a. aus Analyse der Jahresabschlüsse)
  • Ertragslage (Cash-flow, Umsatzrentabilität,
    Eigenkapitalrentabilität …)
  • Finanzlage (Kapitalstruktur, Eigenkapitalquote, Liquidität …)
Qualitative Faktoren

Unternehmenssituation

  • Branchensituation und -einschätzung
  • Marktstellung im Wettbewerbsumfeld
  • Produkt / Sortiment
  • Spezielle Risiken (z. B. Abhängigkeit von Know-how-Trägern oder von einzelnen Lieferanten oder Kunden)
  • Einschätzung der Belastbarkeit von Prognosen in Bezug auf Ertrags- und Liquiditätsplanung
  • Unternehmensstruktur (z. B. Organisationsform, Rechtsform)

Management

  • Erfahrung
  • Nachfolge
  • Qualität des Rechnungswesens / Controlling
Kundenbeziehung / Kontoführung
  • Spezielle Risiken
  • Prognosen / Ertrags- und Liquiditätsplanung
  • Unternehmensstruktur

Diese Risikofaktoren haben sich als die aussagekräftigsten Indikatoren für die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kreditbeziehung störungsfrei verläuft, herauskristallisiert. Erwartungsgemäß stehen die „harten“ Unternehmensdaten, die Auskunft über die wirtschaftlichen Verhältnisse des Unternehmens geben, an erster Stelle. Eingang finden hier quantitative Daten, die zumeist aus der Analyse der Jahresabschlüsse gewonnen werden. Es handelt sich dabei um Aussagen zur Finanzkraft sowie zur Ertragslage. Die so ermittelten Kennzahlen – z. B. Cash-flow, Rentabilität, Eigenkapitalquote – dienen zur Einschätzung, inwieweit das Unternehmen während der Kreditlaufzeit in der Lage sein wird, wirtschaftlich zu bestehen und den Kapitaldienst für den Kredit zu leisten. Die Analyse der quantitativen Faktoren wird ergänzt durch die Analyse qualitativer Aspekte, die Eingang in die Bewertung des Kreditausfallrisikos finden. Neben der Unternehmenssituation mit den im Schaubild genannten Aspekten findet auch die Einschätzung des Managements hier ihren Niederschlag. Sofern bereits eine Kundenbeziehung besteht, stehen der Bank oder Sparkasse zudem auch Erkenntnisse aus dieser Beziehung als Grundlage für die zukunftsgerichtete Einschätzung zur Verfügung. Zu betonen ist, dass Kreditsicherheiten bei einem Rating unberücksichtigt bleiben, da sie keinerlei Einfluss auf die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kreditengagements haben. Kreditsicherheiten begrenzen vielmehr die Verlustquote der Bank im Zeitpunkt des Kreditausfalls. Beobachtbar ist daher, dass Kreditinstitute auch in Fällen nicht gegebener Kapitaldienstfähigkeit und damit schlechter Rating­einstufung in Ausnahmefällen dann Kredite zusagen, wenn sie im Gegenzug in ausreichendem Umfang und ausreichender Qualität Sicherheiten zur Unterlegung des Risikos gestellt bekommen.

Ausfallereignisse

Was verstehen Kreditinstitute unter einem Ausfall? Hier ist zunächst ein Zahlungsverzug bzw. eine Überziehung um 90 Tage zu nennen. Ein weiterer Bereich ist die Einstufung einer unwahrscheinlichen Rückzahlung, die dann dazu führt, dass das Kreditinstitut eine Wertberichtigung oder Abschreibung auf die Forderung vornimmt. Maßnahmen wie die Restrukturierung des Kredits – also Umschuldung, Verzicht oder Stundung – oder aber auch die Fälligstellung bzw. Kündigung zählen ebenso wie die Insolvenz(-antragstellung) des betreffenden Kunden zu den sogenannten Ausfallereignissen.

Nutzen für das Kreditinstitut

Als erster Nutzen für das Kreditinstitut ist die verlässliche Risikoeinschätzung des einzelnen Kreditantrags sowie die Risikoeinschätzung der Gesamtheit der von einem Kreditinstitut vergebenen Kredite zu nennen. Zwar kann gegen jegliches standardisierte Verfahren eingewendet werden, dass es infolge der schematischen Betrachtung den Einzelfällen nicht ausreichend Rechnung trägt. Allerdings ermöglicht ein standardisiertes Verfahren auch eine willkürfreie, transparente und für alle Beteiligten nachvollziehbare Handhabung, vermeidet also subjektives Vorgehen. Wenn Ratingverfahren als schnelle und verlässliche Entscheidungsgrundlage in den Kreditinstituten eingesetzt werden, erleichtert das einerseits die Kommunikation mit den Kunden, andererseits bilden sie insofern auch eine Unterstützung bei der Festlegung schlanker und schneller Prozesse. Damit geht idealerweise die Reduzierung von Prozesskosten einher. Zudem führt eine höhere Trennfähigkeit zu geringeren Ausfallkosten bei gleichem Volumen. Dies wiederum führt dazu, dass Kreditinstitute eine risikogerechte Preisfindung anwenden können.

Risikoadjustierte Bepreisung von Krediten

Die Risikokosten, die aus den oben beschriebenen Ausfallereignissen resultieren, sind naturgemäß eine wesentliche Kostenkomponente und finden ihren Niederschlag in den sogenannten Boni­tätsprämien. Wenn also z. B. eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 2 % für einen Kredit ermittelt wird, so heißt das vereinfacht ausgedrückt, dass das Kreditinstitut diese Ausfallwahrscheinlichkeit in Form der Bonitätsprämie als Bestandteil des dem Kunden angebotenen Kreditzinses berücksichtigt. Für Kredite, die aus der Sicht des Kreditinstitutes hohe Risiken aufweisen, ergeben sich somit auch höhere Kreditzinsen. Umgekehrt verhält es sich aber genauso: Aus der Sicht des Kreditinstitutes weisen risikoarme Kredite, da hier nur geringe Bonitätsprämien in die Ermittlung der Konditionen einfließen, entsprechend geringere Kreditzinsen auf. Ein Kreditinstitut, das auf eine solche risikoadjustierte Bepreisung verzichtet und stattdessen einen undifferenzierten Kundenkreditzins anbietet, trifft eine denkbar schlechte Wahl. Für die Kunden mit risikoarmen Krediten dürfte ein solch undifferenzierter Zins nicht attraktiv genug sein, sie suchen sich ein anderes Kreditinstitut. Für viele der Kunden mit risikoreichen Kreditvorhaben hingegen dürfte ein undifferenzierter Kreditzins sehr attraktiv sein, da hier meist die tatsächlich angemessenen Bonitätsprämien unterschritten werden, sie also einen geringeren Preis zu bezahlen hätten als es dem tatsächlichen Risiko entspricht. Für das Kreditinstitut ist auch diese Konstellation nachteilig.

Nutzen für den Kunden

Aus Kundensicht stellt es sich so dar, dass ein Rating der Transparenz bei der Kredit­ent­scheidung und den Finanzierungs­beding­ungen und damit auch der Fairness dient. Es gilt: Ein gutes Rating ist die Grund­vor­aus­setzung für gute Konditionen. Die Kunden sollten zudem das Rating als Auf­forder­ung zum Dialog über die Stärken und Potenziale ihres Unter­nehmens nehmen und eine kontinuierliche, den betriebs­wirtschaftlichen Anforderungen entsprechende Begleitung durch das Kreditinstitut einfordern. Die Ergebnisse des Ratings bestehen in einer betriebs­wirtschaftlichen Standort­bestimmung und können gegebenenfalls als Frühwarnsystem dienen. Sofern das Kreditinstitut einen entsprechenden Austausch mit den Kunden anbietet, kann dem Kunden ein Stärken-Schwächen-Profil aufgezeigt werden, dessen Gegenstand Erläuterungen des Ratings, aber auch das Aufzeigen von Potenzialen sind. In einem ausführlichen Kunden­gespräch zum Rating werden dem Kunden die jeweiligen Stärken und Schwächen offengelegt. Dies dient auch dazu, dass der Kunde die Ergebnisse und Bewertung nachvollziehen kann. Anhand des Stärken-Potenzial-Profils wird den Kunden unter Berücksichtigung von Ausprägungen der finanzwirtschaftlichen Kennzahlen (z. B. der Bilanzkonstellation) und der qualitativen Merkmale transparent gemacht werden, in welchen Bereichen das Unternehmen gut positioniert ist bzw. in welchen Bereichen aus externer Sicht Verbesserungspotenzial besteht. Darüber hinaus soll dem Kunden unter Berücksichtigung weiterer sonstiger Bonitätskriterien die Ratingnote bzw. die Änderung von Ratingnoten in Folgeratings plausibilisiert werden.

Möglichkeiten zur positiven Beeinflussung des Ratings

Wer die Funktionsweise von Ratings versteht, erkennt Anknüpfungspunkte für Maßnahmen zur positiven Beeinflussung des Ratings. Die in den Modellen enthaltenen Gewichtungen und Rechenoperationen werden den Kunden allerdings nicht offengelegt, hier hat das Bemühen um Transparenz seine natürlichen Grenzen. Außerdem gilt es zu beachten, dass eine kurzfristige Gestaltung der für das Rating ausschlaggebenden Faktoren kaum erfolgreich sein dürfte. Stattdessen ist es wichtig, hier über einen längeren Zeitraum kontinuierlich in Richtung einer angestrebten Verbesserung der Daten zu arbeiten. Am Beispiel der Eigenkapitalsituation lässt sich das gut verdeutlichen: Da eine hohe Eigenkapitalquote einen positiven Einfluss auf das Ratingergebnis hat, bietet sich für ein Unternehmen der gezielte Einsatz einer verstärkten Innenfinanzierung, z. B. durch Gewinnthesaurierung, bei gleichzeitiger kontinuierlicher Bilanzpolitik als Weg zu einer Verbesserung der Eigenkapitalposition an. Eigenfinanzierung durch Gesellschafter in Form von Einlagen kann eine ähnliche Wirkung erzielen. Zu warnen ist an dieser Stelle davor, seine ganzen Bemühungen auf die Beeinflussung einer einzelnen Kennzahl auszurichten. Vielmehr ist zu empfehlen, dass der Unternehmer gemeinsam mit seiner Bank oder Sparkasse die aktuellen Ratingergebnisse bespricht und dabei auch darauf eingegangen wird, welche Faktoren im Einzelfall besonders prägend für das Rating sind bzw. welche Möglichkeiten bestehen, diese nachhaltig zu verbessern, ohne dabei die Auswirkung auf die anderen zu vernachlässigen.

Resümee

Ratingverfahren sind weit mehr als von Kreditinstituten genutzte Instrumente zur – aufsichtsrechtlich geforderten – Bemessung der Eigenkapitalanforderungen. Sie erfüllen einen wichtigen Zweck, indem sie die Transparenz und Fairness in der Beziehung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer verbessern und den Kreditnehmer in die Lage versetzen, langfristig seine Kreditkonditionen in seinem Sinne zu beeinflussen. Die Faktoren, die hierbei von einer Bank zur Einschätzung herangezogen werden, sind keine praxisfernen Maßstäbe, sondern betreffen den Kern der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens. Sie sollten also im Regelfall ohnehin schon im Fokus des unternehmerischen Handelns stehen. Für Unternehmen lässt sich daher abschließend die Empfehlung geben, hinsichtlich der Thematik des Ratings den intensiven Dialog mit dem Betreuer der Sparkasse oder Bank zu pflegen und sich die Ergebnisse darlegen zu lassen. Die Kreditnehmer sind vielmehr gut beraten, das Rating als Ausgangspunkt für einen Dialog über die Stärken und Potenziale ihres Unternehmens zu nehmen. Die Kreditinstitute sind daran zu messen, in welcher Weise sie ihren Kreditnehmern für eine kontinuierliche, den betriebswirtschaftlichen Anforderungen entsprechende Begleitung zur Verfügung stehen.

Executive Summary

  • Ratingverfahren dienen dazu, bestimmte Merkmalsausprägungen eines Kreditnehmers in eine Bonitätsaussage in Form einer Ratingnote umzuwandeln.
  • Die Einstufung erfolgt mittels der aussagekräftigsten Indikatoren für die Wahr­schein­lichkeit, dass eine Kredit­beziehung störungsfrei verläuft – erfasst werden sowohl quantitative als auch qualitative Faktoren.
  • Vorteile von Ratingverfahren aus der Sicht des Kreditinstitutes:
    • verlässliche Risikoeinschätzung des einzelnen Kredit­antrags sowie Risiko­ein­schätzung der Gesamt­heit der vergebenen Kredite
    • stand­ardisiertes Verfahren ermöglicht willkürfreie, transparente und für alle Beteiligten nach­voll­ziehbare Handhabung
    • Basis für Festlegung schlanker, schneller und kosten­günstiger Prozesse
    • Voraussetzung für risiko­gerechte Bepreisung von Krediten.
  • Vorteile von Ratingverfahren aus der Sicht des Kunden:
    • Rating dient der Transparenz und Fairness bei der Kredit­ent­scheidung und den Finanzierungs­bedingungen.
    • Ein gutes Rating ist die Grund­voraussetzung für gute Konditionen.
    • Rating vermittelt Übersicht über die Stärken und Potenziale des Unter­nehmens und kann gegebenenfalls als Früh­warnsystem dienen.

Foto: Panthermedia/Richard Thomas

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